Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

Navigation zu den wichtigsten Bereichen.

Hauptnavigation.


Inhaltsbereich: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

Tagungsbericht "Der Kombilohn - Holzweg oder Königsweg?"

Können Kombilöhne Millionen von Arbeitsplätzen schaffen oder wäre ihre Einführung ein fataler Fehler? Kaum ein anderes arbeitsmarktpolitisches Thema wird derzeit ähnlich kontrovers diskutiert. In den letzten Jahren sind zahlreiche Kombilohn-Modelle entwickelt, manche auch erprobt und evaluiert worden. Jetzt aber geht es um mehr: Kann ein flächendeckender Kombilohn den vielen Langzeitarbeitslosen und Niedrigqualifizierten eine sichere Brücke in den ersten Arbeitsmarkt bauen? Wo liegen die Chancen, wie groß sind die Risiken?

Rudolf Hickel, Hilmar SchneiderIm Rahmen der "Nürnberger Gespräche" nahmen mit Hilmar Schneider, Direktor des Bereichs Arbeitsmarktpolitik im Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit in Bonn, und Rudolf Hickel, Direktor des Instituts für Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen, zwei gleichermaßen renommierte wie streitbare Ökonomen, zu diesen Fragen Stellung.

Ulrich Walwei, Vizedirektor des IAB, wies einleitend darauf hin, dass bereits jetzt zahlreiche Varianten des Kombilohns für unterschiedlichste Zielgruppen existieren, etwa in Form von anrechnungsfreien Hinzuverdienstmöglichkeiten für Empfänger von Arbeitslosengeld II, befristeten Zuschüssen der BA für ältere Arbeitslose oder Kinderzuschlägen für Eltern, mit denen diese ihr Existenzminimum sichern können. Insofern gehe es in der aktuellen Diskussion nicht um die Einführung von Kombilöhnen, sondern um deren Ausweitung bzw. Neugestaltung.

Die Diskutanten, in ihren wirtschaftspolitischen Grundsatzpositionen durchaus konträr, waren sich schnell einig: einer flächendeckenden Einführung des Kombilohns stehen beide Ökonomen äußerst skeptisch gegenüber. Es seien davon kaum positive Beschäftigungswirkungen zu erwarten, stattdessen seien erhebliche Mitnahme-Effekte zu befürchten, verbunden mit immensen Mehrkosten für die öffentliche Hand.

Ulrich Möller, Hilmar SchneiderSo gab etwa Schneider zu bedenken, dass ein genereller Kombilohn für Beschäftigte, die bislang keine Zuschüsse erhielten, einen starken Anreiz berge, die Zahl der Arbeitsstunden zu reduzieren, denn der damit einhergehende Einkommensverlust werde ja durch den Kombilohn mindestens teilweise wieder ausgeglichen. Ein Kombilohn könne nur funktionieren, wenn gleichzeitig das Niveau der Grundsicherung deutlich abgesenkt würde.

Nach Ansicht von Hickel käme durch einen allgemein gültigen Kombilohn das gesamte Lohngefüge ins Rutschen, eine große Zahl von Arbeitnehmern geriete damit unweigerlich in eine Niedriglohnfalle, zumal Betriebe dann noch weniger Anreize hätten, in die Weiterbildung ihrer Belegschaften zu investieren.

Bei der Frage nach den alternativen Strategien im Kampf gegen die vor allem bei den Geringqualifizierten erschreckend hohe Langzeitarbeitslosigkeit setzen Schneider und Hickel jedoch auf völlig unterschiedliche Lösungen: 

Rudolf HickelHickel plädierte für eine deutlich expansivere Geld- und Fiskalpolitik, um die seit Jahren lahmende Binnenkonjunktur zu stärken und sprach sich für die Einführung eines Mindestlohnes aus, da nur so eine Abwärtsspirale bei den Löhnen verhindert werden könne. Er verwies darauf, dass bereits 19 Staaten in Europa eine entsprechende Regelung hätten. Dies habe der Beschäftigung nicht geschadet. Im Gegenteil, Großbritannien habe 1997 einen gesetzlichen Mindestlohn eingeführt und verzeichne seither deutliche Beschäftigungsgewinne.

Schneider hielt dem entgegen, dass Mindestlöhne Jobs für Geringqualifizierte zu teuer machten - mit der Konsequenz, dass diese eben nicht mehr angeboten würden. Er plädiert stattdessen für eine Kopplung der Grundsicherung an eine Arbeitspflicht. Dies stärke die Anreize zur Übernahme einfach entlohnter Tätigkeiten im freien Markt und verhindere zugleich die Flucht in die Schwarzarbeit. Diese Jobs müssten nicht notwendigerweise öffentlich finanzierte Jobs sein. Durch ein Auktionsmodell könnte auch der private Sektor zur Bereitstellung entsprechender Beschäftigungsmöglichkeiten herangezogen werden. Schneiders Auktionsmodell stieß erwartungsgemäß auf ein sehr geteiltes Echo. So stellte Hickel stellte die zu Grunde liegenden Prämissen in Frage: Der Arbeitsmarkt sei eben kein Markt wie jeder andere. Das Problem liege nicht in fehlenden Arbeitsanreizen, sondern in fehlenden Jobs für Geringqualifizierte.

Ulrich MalyDem pflichtete auch Oberbürgermeister Ulrich Maly in seinem Schlusswort bei. Deutschland sei immer noch eine Gesellschaft, die von einem sehr starken Arbeitsethos geprägt sei. Maly erinnerte daran, dass die Idee des Kombilohns bereits seit Jahrzehnten diskutiert werde. Dass dieses Thema trotz der bislang recht ernüchternden Erfahrungen mit verschiedensten Kombilohnmodellen wieder einmal als beschäftigungspolitisches Allheilmittel gepriesen werde, zeige auch die Hilflosigkeit der Politik angesichts einer sich zunehmend globalisierenden Ökonomie. Mit Schlagworten werde verschleiert, dass es für die Probleme im Niedriglohnsektor leider keine Patentlösung gebe.

Die Nürnberger Gespräche werden gemeinsam vom IAB, der Bundesagentur für Arbeit und der Stadt Nürnberg veranstaltet. Das Streitgespräch zwischen Hilmar Schneider und Rudolf Hickel wurde von Ulrich Möller, Leiter des Servicebereichs Presse, Publikation, Öffentlichkeitsarbeit im IAB moderiert.

nach oben

 

Infobereich.

Abspann.