Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

Navigation zu den wichtigsten Bereichen.

Inhaltsbereich: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

Nürnberger Gespräche: „Leiharbeit – Mittel zum Lohndumping oder Brücke in Beschäftigung?“


IAB-Vizedirektor Dr. Ulrich WalweiIAB-Vizedirektor Dr. Ulrich Walwei

Die Arbeitslandschaft, so IAB-Vizedirektor Ulrich Walwei in seinem Einführungsvortrag, ist bunter geworden. In den letzten 15 Jahren sind befristete Arbeitsverträge, Teilzeitbeschäftigung und Leiharbeitsverhältnisse schneller gewachsen als die Beschäftigung insgesamt. Dies habe den Arbeitsmarkt flexibler und  aufnahmefähiger gemacht, aber auch zu mehr Ungleichheit und Unsicherheit geführt. Von den flexiblen Erwerbsformen wird insbesondere die Leiharbeit höchst kontrovers diskutiert.  Umstritten ist vor allem, inwieweit Leiharbeit eine Brücke in Beschäftigung darstellt oder ob die Unternehmen vor allem deswegen Leiharbeiter einstellen, um damit teurere Stammkräfte zu ersetzen.

Walwei präsentierte zunächst einige Fakten: Seit 1994 ist die Zahl der Leiharbeitnehmer von rund 140.000 auf 800.000 gestiegen. Allerdings ist ihr Anteil an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit knapp unter drei Prozent nach wie vor überschaubar. Zudem schwanken die Zahlen sehr stark mit der Konjunktur: Im Krisenjahr 2009 waren 23 Prozent weniger Leiharbeiter in Arbeit als im Vorjahr, bis 2010 schnellte die Zahl wieder um 32 Prozent nach oben. Die Beschäftigungsdauer in der Zeitarbeit ist häufig sehr kurz. Mehr als die Hälfte der Leiharbeitsverhältnisse enden nach weniger als drei Monaten. Der typische Leiharbeitnehmer ist laut Statistik jung. männlich, oft als Helfer tätig und verfügt häufig über keinen Berufsabschluss. Da sie im Durchschnitt wenig verdienen, sind sie häufiger als regulär Beschäftigte auf ergänzendes Hartz IV angewiesen. Die Lohndifferenz gegenüber regulären Arbeitnehmern mit ähnlichen Merkmalen liegt bei rund 20 Prozent. Ob dies Diskriminierung sei oder eine gerechtfertigte Vermittlungsprämie, ließ Walwei offen. Mit Blick auf die Brückenfunktion der Leiharbeit zeichnete Walwei ein zwiespältiges Bild: Einerseits waren 2/3 der neu eingestellten Leiharbeitnehmer unmittelbar davor nicht beschäftigt. Andererseits fänden nur relativ wenige Zeitarbeiter später eine Beschäftigung außerhalb dieser Branche.

Möller: „Löhne der Leiharbeitnehmer stufenweise auf das Niveau der Stammbelegschaft anheben.“

Ein differenziertes Urteil zur Zeitarbeit fällte IAB-Direktor Prof. Joachim Möller: „Ich sehe die Zeitarbeit mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Es gibt schwarze Schafe, aber auch verantwortungsvolle Unternehmen“. Die Möglichkeit der Unternehmen, Auftragsspitzen abzugleichen, sei grundsätzlich vernünftig. Möller stellt die Leiharbeit deshalb nicht in Frage, hält allerdings Leitplanken seitens der Politik für notwendig. Er sprach sich dafür aus,  die Löhne von Leiharbeitnehmern alle zwei Monate anzupassen, so dass diese nach sechs Monaten das gleiche Lohnniveau haben wie die Stammbeschäftigten im Entleihbetrieb. Mit dieser stufenweisen Anhebung könne verhindert werden, dass gerade weniger qualifizierte Leiharbeiter mit ihren vielfach unsteten Erwerbsbiographien ihren Job verlieren. Zudem müsse der Qualifizierung der Leiharbeitnehmer stärkere Beachtung geschenkt werden. Er verwies auf Frankreich, wo bereits eine Weiterbildungsabgabe besteht, um Leiharbeitnehmer besser qualifizieren zu können.


Dombre: „Es ist unanständig wenn die öffentliche Hand immer den billigsten Anbieter nimmt.“

Deutlich kritischer sieht Reinhard Dombre, bis vor kurzem Mitglied im DGB-Bundesvorstand und an Tarifverhandlungen in der Leiharbeitsbranche maßgeblich beteiligt, die Leiharbeit. Ihre Brückenfunktion sei nur sehr begrenzt. Er konzedierte zwar, dass die Betriebe Flexibilität brauchen, prangerte allerdings an, dass viele Entleihfirmen weit mehr Leiharbeiter einsetzten, als zur Abdeckung von Auftragsspitzen notwendig sei. Beispielhaft nannte Dombre das BMW-Werk in Leipzig, wo zu Spitzenzeiten 38 Prozent der Belegschaft Leiharbeiter gewesen seien. Er monierte zudem, dass Leiharbeiter häufig unterhalb ihrer Qualifikation eingruppiert würden, einsatzfreie Zeiten vielfach nicht gutgeschrieben bekämen und in der Regel kein Weihnachts- und Urlaubsgeld sowie keine Fahrtkostenerstattung erhielten. Scharf ging Dombre mit der BDA (Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände) ins Gericht. In der Vergangenheit habe diese mit christlichen „Scheingewerkschaften“ Dumping-Tarifverträge in der Zeitarbeit abgeschlossen. Auch die öffentliche Hand sparte Dombre nicht von seiner Kritik aus. Es sei unanständig, wenn diese immer den billigsten Anbieter auswähle, gleichgültig wie viele Subunternehmer außerhalb des Gesetzes die Arbeit erledigen.

 

Siebenhüter: „Viele Leiharbeiter haben Schwierigkeiten, eine Wohnung oder einen Kredit bei der Bank zu bekommen.“

Ebenfalls aufs Podium geladen war die Soziologien und Politikwissenschaftlerin Dr. Sandra Siebenhüter von der Universität Eichstätt, die für ihre jüngst erschienene Studie „Integrationshemmnis Leiharbeit“ insgesamt 116 Interviews mit Leiharbeitern, aber auch mit Mitarbeitern von Ver- und Entleihbetrieben und Experten geführt hat. Gerade für Migranten sei Leiharbeit hochproblematisch, so Siebenhüter. Ein fester Arbeitsplatz sei immer ein Anker im Leben der Einwanderer, mit festen Kollegen und Einbindung in die Betriebsabläufe. Mit Leiharbeit gehe dieser Anker verloren. Zudem wusste Siebenhüter davon zu berichten, dass Leiharbeiter häufig Probleme hätten, einen Kredit bei der Bank oder einen Mietvertrag zu bekommen, weil Leiharbeit nicht als festes Arbeitsverhältnis betrachtet werde. Auch werde Zeitarbeit mitunter als Instrument missbraucht, um Leiharbeiter und Stammbelegschaften gleichermaßen zu disziplinieren. Da Zeitarbeiter auf eine Übernahme durch das Entleihunternehmen hoffen, strengen sie sich bei ihrer Arbeit besonders an. Sie sind somit billiger und motivierter zugleich, was die Stammbeschäftigten unter Druck setzte und die Belegschaft spalte. Die Verleihfirmen, so Siebenhüter, stünden selbst unter einem immensen Kostendruck seitens der Entleihbetriebe, den sie an die Leiharbeiter weitergäben. Siebenhüters Fazit: „Wir müssen die Leiharbeit an die Kandare nehmen“.

Hofmann: „Ich war seit fünf Jahren einsame Kämpferin für einen Branchenmindestlohn“

Ingrid Hofmann /Chefin Nürnberger Zeitarbeitsfirma und Vizepräsidentin des Bundesverbands ZeitarbeitIngrid Hofmann /Chefin Nürn-
berger Zeitarbeitsfirma und Vize-
präsidentin des Bundesverbands
Zeitarbeit

Ingrid Hofmann, langjährige Chefin der gleichnamigen Nürnberger Zeitarbeitsfirma und Vizepräsidentin des Bundesverbands Zeitarbeit Personaldienstleistungen, wehrt sich dagegen, dass „alles Negative auf die Zeitarbeit geschoben wird“ und verweist auf deren Vorteile: Die Bewerber hätten die Freiheit, unter verschiedenen Angeboten auszuwählen und würden über ihr Arbeitsumfeld aufgeklärt. Im Normalfall würden sie im Umkreis ihres Wohnorts beschäftigt. Zudem sei es auch ein Pluspunkt, verschiedene Firmen von innen kennenzulernen. Die Vorstellung einer lebenslangen Beschäftigung beim gleichen Arbeitgeber sei nicht mehr zeitgemäß. Mit Blick auf das eigene Unternehmen attestierte Hofmann der Leiharbeit im Gegensatz zu ihren Mitdiskutanten sehr wohl eine bedeutsame Brückenfunktion: Von 17.000 Mitarbeitern hätte sie in diesem Jahr bis Ende September 4.200 an ihre Kunden verloren. Die niedrigeren Löhne von Zeitarbeitnehmern rechtfertigte sie mit dem Hinweis darauf, dass diese naturgemäß über weniger Erfahrung im Entleihbetrieb verfügen als die dortigen Stammbeschäftigten. Dass am 1. Mai 2011 ein branchenweiter Mindestlohn in der Zeitarbeit eingeführt wurde (7,79 Euro/Stunde im Westen, 6,89 Euro/Stunde im Osten) ist auch Hofmanns Verdienst. Vier bis fünf Jahre sei sie in ihrer Branche einsame Kämpferin für die Einführung eines Mindestlohns gewesen.

Auslaufmodell Zeitarbeit?

Erhebliche Unsicherheit herrscht mit Blick auf die weitere Entwicklung der Zeitarbeitsbranche. Sollte die Leiharbeit künftig stärker reguliert werden, so glaubt Siebenhüter, dürften viele Unternehmen verstärkt auf Werkverträge setzen. Zudem fürchtet sie einen neuen Nationalismus wenn der Arbeitsmarkt in Deutschland auch für Gutausgebildete unter Druck gerät durch immer mehr Befristungen, Werkverträge usw. und zudem Akademiker aus änderen Ländern hier auf den Markt drängen. Denn wie die Beispiele Frankreich, Italien und Spanien zeigten, schütze auch eine gute Ausbildung nicht zwangsläufig vor Arbeitslosigkeit. Verhalten optimistisch zeigte sich hingegen Joachim Möller. “Sofern uns der Euro nicht um die Ohren fliegt“, so schränkte er ein, "werden wir in 10 bis 15 Jahren in einen Arbeitnehmer-Markt wechseln". Die Macht der Arbeitnehmer, vor allem der Hochqualifizierten, werde steigen, was sich auch auf Bezahlung und Befristungen auswirke. Im günstigen Fall werde es zu einem Kamineffekt kommen, von dem auch die Geringqualifizierten profitieren. Es sei aber auch eine noch schärfere Zweiteilung des Arbeitsmarktes nicht auszuschliessen: Hier die Geringqualifizierten, die immer mehr abgehängt werden, dort Hochqualifizierte, die händeringend gesucht werden.

Faigle: „Die Politik kann und muss dafür sorgen, dass es in der Zeitarbeit fairer zugeht“.

Dass das Thema Leiharbeit nicht nur die Fachleute beschäftigt, sondern auch die breite Öffentlichkeit, zeigten die zahlreichen Fragen und engagierten Wortbeiträge des Publikums, die Moderator Philip Faigle, seines Zeichens Journalist bei ZEIT ONLINE, aus dem voll besetzten Nürnberger Rathaussaal entgegennahm. Die meisten Zuhörerinnen und Zuhörer dürften ihm beigepflichtet haben, als er bilanzierte: „Die Politik kann und muss dafür sorgen, dass es in der Zeitarbeit fairer zugeht“.

Die Nürnberger Gespräche werden gemeinsam vom IAB, der Bundesagentur für Arbeit und der Stadt Nürnberg zweimal jährlich ausgerichtet. Sie stehen allen Interessierten offen (Kontakt: Martin Schludi).

Ausklang bei den Nürnberger Gesprächen 2/2011

 Fotos: © IAB/Jutta Palm-Nowak

 

 

Infobereich.

Abspann.