„Fachkräftekonferenz: Wissenschaft trifft Praxis“ Transkript, Video 1: Bildung Kommentar: Am 29. und 30. April 2008 trafen sich rund 90 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis zur Fachkräftekonferenz in Nürnberg. Die Bundesagentur für Arbeit und das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung luden ein, sich über die aktuelle Arbeitsmarktlage für Fachkräfte auszutauschen. Raimund Becker aus dem Vorstand der BA gibt eine erste Einschätzung der aktuellen Situation. Raimund Becker, Vorstand der BA: Es gibt momentan noch keinen Fachkräftemangel im volkswirtschaftlichen Sinne. Aber wir haben natürlich Fachkräftemangel, Fachkräftebedarf regional und in bestimmten Sektoren. Kommentar: Auch wenn die Lage heute noch nicht dramatisch ausschaut: Der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften wird sich in der Zukunft verschärfen. Warum das so ist, erläutern die Direktoren des IAB, Professor Joachim Möller und Doktor Ulrich Walwei. Ulrich Walwei, Vizedirektor des IAB: Interessant ist das, was von unten nachkommt. Wenn wir uns das jetzt anschauen, bei einer rein statischen Betrachtung. Wir gehen mal davon aus, der Bedarf in der Volkswirtschaft wird nicht fürchterlich einbrechen. Würde jedenfalls auch von unserer Projektion so bestätigt. Dann wären ja in den nächsten 10 Jahren rein statisch betrachtet die 55- bis 64-Jährigen zu ersetzten durch die 15- bis 24-Jährigen. Joachim Möller, Direktor des IAB: Selbst wenn wir alle Leute, alle Personen am unteren Rand qualifizieren, reicht es nicht, die Qualifizierten zu ersetzen, die da aus dem Markt herausgehen in 20 Jahren. Wir müssen als Volkswirtschaft mehr Ressourcen in die Bildung stecken. Kommentar: Politiker und Praktiker suchen nach dem besten Weg, dem drohenden Fachkräftemangel zu begegnen. Offen bleibt: Wer geht den ersten Schritt? Raimund Becker, Vorstand der BA: Zunächst mal sicherlich sollten die Unternehmen auch ausbilden. Aber auch die anderen Systeme sollten leistungsfähiger werden. Insbesondere das Schulsystem. Wenn wir heute schauen, dass viele junge Menschen ohne Hauptschulabschluss die Schule verlassen - jedes Jahr etwa 80.000 - dann wissen wir, dass die Probleme haben, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Und die fehlen später dann auch als Fachkräfte. Ernst Baumann, Personalvorstand der BMW Group: Wir rekrutieren 40 Prozent aus dem Hauptschulbereich. Und davon kann ich nur bestätigen. Da sind 20 bis 25 Prozent nicht ausbildungsfähig. Und das Interessante ist: Wir haben ja diesen zweiten Weg einer Vorqualifizierung mit ansteigendem Anteil. Da haben wir jedes Jahr so zwischen 30 und 50 Hauptschüler drin. Das sind meistens Hauptschüler, die keinen Quali haben. Und nach einem Jahr sind 95 Prozent ausbildungsfähig. Wilhem Adamy, Deutscher Gewerkschafsbund: Aber öffentliche Bildungspolitik hat bisher völlig unzureichende Konsequenzen daraus gezogen. Wir haben uns hier als BA auf den Weg der vertieften Berufsorientierung gemacht. Wo wir sagen, wir nehmen Beitragsgelder wieder bewusst in die Hand, um hier einen Beitrag zu leisten. Wo wir der Auffassung sind, dass ist eigentlich Länderaufgabe. Gleichzeitig diskutiert die Öffentlichkeit aber darüber, dass die BA zuviel Geld ausgibt und die Beiträge eigentlich gesenkt werden müssten. Und da stellt sich doch die Frage, inwieweit unsere Gesellschaft Verantwortung übernimmt dafür, dass tatsächlich alle Jugendlichen eine Ausbildungschance haben. Jürgen Wuttke, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände: Das sind dramatische Probleme, die aus dem Bildungssystem resultieren und keiner darf glauben, dass das die beitragsfinanzierte Arbeitslosenversicherung reparieren kann. Gerd Möller, Ministerium für Schule und Weiterbildung, NRW: Ich unterstreiche das in aller Deutlichkeit, dass Prävention und Frühförderung wirklich deutlich zusammenhängen. Wenn ich Chancen nutze, muss ich hinterher nicht unbedingt reparieren. Klaus Brandner, Parlamentarischer Staatssekretär im BMAS: Gute Angebote machen und damit auch in einer Gesellschaft eine Dynamik auslösen, das muss Politik leisten. Kommentar: Die Bildungsforschung wird als Grundlage für die Arbeitsmarktpolitik immer wichtiger. Darum beteiligt sich das IAB am Projekt "nationales Bildungspanel", das mit vielen anderen Forschungsinstituten und Universitäten in den nächsten Jahren aufgebaut werden soll. So erhalten die Forscherinnen und Forscher erstmals eine verlässliche Datenbasis zur Bildungsbeteiligung in Deutschland vom Kindergarten bis zur Rente. Das IAB konzentriert sich hier auf die berufliche Weiterbildung. Die Weiterbildung spielt im Kampf um qualifizierte Köpfe eine immer wichtigere Rolle. Vorreiter sind Betriebe, die im Bündnis für Beschäftigung feste Weiterbildungskontingente eingeführt haben. Gerd Duffke, Betriebsratsvorsitzender der Trumpf GmbH & Co. KG: Wir hatten das so vereinbart, dass jeder Mitarbeiter einen Anspruch von 25 Stunden im Jahr für Weiterbildungsmaßnahmen hat. Tatsächlich sind es jetzt sogar 50 Stunden. Die Dokumentation erfolgt über die EDV- Erfassung und auch über einen Bildungspass. Ich habe hier mal einen mitgebracht. Gute alte Hardware. Man schreibt hier was rein. Das hat einen Supereffekt. Das bewirkt noch mal was bei den Kolleginnen und Kollegen. Das ist was, das sie in der Hand haben. Wie ein persönlicher Impfpass. Da lasse ich mir meine Weiterbildung niederschreiben. Das ist eine tolle Sache. Kommentar: Nicht alle Unternehmen im Land engagieren sich in der Weiterbildung der eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Selbst wenn die Bundesagentur für Arbeit ihre Unterstützung anbietet. Jochem Freyer, Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der BA: Entweder treffen wir auf eine Situation, in der Betriebe sagen: Wir haben jetzt so viele Aufträge, wir haben jetzt keine Zeit zu qualifizieren. Oder die Situation: Wir haben keine Aufträge. Ich habe keinen Bedarf. Das ist das, was uns ganz häufig ereilt. Nun muss man auch sehen: Die Betriebe kommen hinsichtlich Fachkräften gerade auch in den neuen Bundesländern aus einer Überflusssituation. Ute Leber, IAB: Die Weiterbildungsbeteiligung der Betriebe insgesamt ist in den letzen Jahren angestiegen und stagniert jetzt wieder leicht. Aber dennoch gibt es einige Bereiche, die sich nur sehr unterdurchschnittlich an Weiterbildung beteiligen. Dazu gehören auf der Ebene der Betriebe die kleinen und mittleren Unternehmen, und wechselt man auf die Personenebene, dann sind es vor allem die Geringqualifizierten, die Älteren, die Personen mit Migrationshintergrund oder auch teilzeitbeschäftigte Frauen mit Kindern. Kommentar: Das Bildungssystem zu verbessern, ist ein Schritt. Unternehmen und Arbeitskräfte für Weiterbildung zu motivieren, ist ein zweiter. Ein anderer Weg ist, mehr Frauen für technische Studiengänge zu gewinnen. Franziska Schreyer, IAB: Meine These als Arbeitsmarktforscherin ist aber, dass all diese Versuche, die in dem Bereich Bildung, Sozialisation, Motivation junger Frauen angesiedelt sind, nicht ausreichen. Auch die Arbeitswelt muss sich ändern. Denn entgegen der Werbekampagnen, die den Ingenieurinnen den Beruf gerne in rosigen Farben schildern, gibt es hier durchaus Nachteile zuungunsten der Frauen. Erinnert sei z.B. an die doppelt so hohe Arbeitslosenquote der Ingenieurinnen auch im Jahr 2007, wo ein grassierender Ingenieurmangel bereits sehr stark beklagt wurde.