Fachkräftekonferenz „Wissenschaft trifft Praxis“ Transkript, Video 2: Demografie, Frauen, Migration Kommentar: Fachkräfte werden in der Zukunft in vielen Bereichen knapp sein. Auch, weil die Bevölkerung in Deutschland älter wird und nicht genügend Junge nachrücken. Hans Fuchs, IAB: Langfristig, und zwar spätestens dann, wenn die Babyboom-Generation, also die Personen, die in den 50er, 60er Jahren geboren wurden, wenn die mal das Rentenalter erreichen, dann scheiden die aus. Das ist ein gewaltiger Berg an Leuten, die dem Arbeitsmarkt dann verloren gehen. Ernst Baumann, Personalvorstand BMW Group: Mit der Fluktuation, die wir jetzt haben, werden wir in 10 Jahren mehr als 40 % der Mitarbeiter älter als 50 Jahre haben. Und deswegen haben wir ein Pilotprojekt aufgesetzt, dem werden andere folgen. Seit ungefähr einem Jahr gibt es in unserem Hinterachs-Montagebereich in Dingolfing etwas, was wir „Arbeitssystem 2017“ nennen. Wir haben dort eine Montagegruppe zusammengestellt, wie sie in 2017 von der Altersstruktur aussehen wird. Wir haben dort andere Schichtmodelle. Wir haben dort die Ergonomie optimiert. Es geht los bei den Schuhen bis zu den Handhabungsgeräten. Und die wesentliche Frage für uns war: Wird das teurer? Werden wir einen Wettbewerbsnachteil haben? Wird die Qualität besser oder schlechter? So wie wir’s dort aufgesetzt haben, ist die Produktivität genauso – sie ist nicht besser, aber sie ist auch nicht schlechter als in vergleichbaren anderen Arbeitssystemen. Die Qualität ist tendenziell höher. Kommentar: Noch vor wenigen Jahren drängten Betriebe Menschen um die 60 in die Frührente, um Jüngeren Platz zu machen. Heute umwerben sie ihre älteren Mitarbeiter als erfahrene Fachkräfte. Es gibt auch andere Reserven auf dem deutschen Arbeitsmarkt, die nicht ausgeschöpft sind. Wilhelm Adamy, Deutscher Gewerkschaftsbund: Mich macht besorgt, dass selbst bei den Ingenieurinnen die Arbeitslosigkeit wenigstens doppelt so hoch ist wie bei den Männern. Kommentar: Frauen sind heute sehr gut qualifiziert. So starten sie ihre Karriere im Unternehmen. Aber was passiert dann? Theresia Wildegger, Arbeitsagentur Kempten: Dann kommen sie irgendwann in das Alter, wo der Betrieb anfängt zu rechnen und sagt: Wenn ich jetzt in die Frau investiere, wie lang bleibt sie mir erhalten oder wann steigt sie wegen der Familie aus? Da ist es halt immer noch landläufig so, dass Frauen häufiger die familiären Auszeiten nehmen und sich dann wahrscheinlich rein betriebswirtschaftlich für den Betrieb die Frage entsprechend beantwortet, wer dann gefördert wird. Sabine Schwarz, Agentur für Arbeit Nürnberg: Flexibilisierung von Arbeitszeit wäre ein Thema. Für Frauen, die Karriere machen wollen, diverse Mentorenprogramme in den Firmen zu schaffen und den Frauen ein bisschen Schub zu geben, in der eigenen Firma voranzukommen; so’n Coach quasi an die Seite zu stellen. Aber es gibt auch Möglichkeiten, dass man im Ablauf, in der Organisation was ändert. Zum Beispiel, dass man Besprechungen nicht um 17 Uhr ansetzt. Sondern vielleicht sagt: Okay, wenn eine wichtige Besprechung ist, dann setzte ich die halt vormittags an, wo dann die meisten Beschäftigten auch dran teilnehmen können. Kommentar: Wenn es im eigenen Land an Nachwuchs und Qualifikation fehlt, könnten Zuwanderer aus anderen Ländern eine Lösung sein. Raimund Becker, Vorstand der BA: Zunächst geht es um die Frage, das inländische Erwerbspersonenpotenzial – die Menschen, die hier in Deutschland leben – zu befähigen, Arbeit aufzunehmen. Da haben wir jede Menge zu tun. Aber es kann durchaus sein, wenn man mal 10, 20 Jahre nach vorne schaut, dass die Demografie dann zuschlagen wird, weil die Älteren in den Ruhestand gehen und die Erwerbsbevölkerung nicht so wächst, weil die Kinder fehlen - dann kann es durchaus sein, dass wir stärker auch auf Zuwanderung von außen angewiesen sind. Kommentar: In kleiner Runde diskutieren Wissenschaftler, Praktikerinnen und Politiker über die richtige Strategie, ausländische Arbeitskräfte als Fachkräfte zu gewinnen. Ein Weg ist, hier wohnende ausländische Arbeitskräfte und ihre Kinder zu fördern. Denn viele Migranten gehören bisher zu den Geringqualifizierten und Bildungsverlierern. Auch sprechen sich viele Diskutanten für die Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte nach Deutschland aus. Die Frage ist, wen man ins Land holen will. Elmar Hönekopp, IABler im Ruhestand: Schon zunächst mal sortieren nach Qualifikation, weil wir die ja brauchen, weil wir im Lande selber sehr viele Unqualifizierte haben. Klaus Brandner, Parlamentarischer Staatssekretär im BMAS: Zukünftig brauchen wir aus meiner Sicht aber ein Zuwanderungsgesetz, das klar regelt, anhand welcher Kriterien wir in Deutschland Zuwanderung wünschen. Denn die Menschen, die wir hierher rufen, müssen auch eine Perspektive haben, dass sie dauerhaft hier gewünscht sind. Kommentar: Die demografische Entwicklung schreitet unaufhaltsam voran und droht mit Fachkräftemangel einherzugehen. Es gilt, Arbeitslose, Ältere, Frauen, Geringqualifizierte und Zuwanderer als Fachkräfte zu gewinnen und die entsprechenden Rahmenbedingungen dafür zu schaffen.