Fachkräftekonferenz „Wissenschaft trifft Praxis“ Transkript, Video 3: Stellenbesetzung Kommentar: Wie steht es um den Fachkräftemangel aus Unternehmenssicht? Dieser Frage geht das IAB-Betriebspanel nach. Aus den Ergebnissen lässt sich schließen, ob Betriebe Schwierigkeiten haben, ihre offenen Stellen mit Fachkräften zu besetzen. Florian Janik, IAB: Für die Masse der Betriebe in Deutschland ist Fachkräftemangel kein Thema. Die allermeisten Betriebe schaffen es relativ problemlos, die Stellen, die sie ausschreiben, auch zu besetzen. Natürlich, bei anziehender Konjunktur gibt es sektoral und auch regional vereinzelt Schwierigkeiten. Ernst Baumann, Personalvorstand der BMW Group: Wir hatten jetzt über Jahre, mehr als ein Jahrzehnt, eine sehr sehr hohe Arbeitslosigkeit. Aber wir hatten als Unternehmen auf der anderen Seite einen eklatanten Mangel an spezifischen Fachkräften. Das sind also Berufsgruppen, Fachgebiete, bei denen die unterschiedlichsten Interessenten – also nicht nur Automobilindustrie, sondern auch andere Wirtschaftszweige: die ganzen Berater bis hin zur Telekommunikation und Unterhaltung – nach denselben Leuten greifen. Und dieser geteilte Arbeitsmarkt bedeutet auch für uns, dass wir zwar immer noch die Leute bekommen, die wir brauchen. Aber es ist doch sehr viel mehr Aufwand nötig als noch vor einigen Jahren. Kommentar: Exakte Berufsprognosen über einen längeren Zeitraum könnten die Stellenbesetzung der Betriebe erleichtern. Robert Helmrich vom Bundesinstitut für Berufsbildung fordert, jungen Menschen alle ein bis zwei Jahre Prognosen mit auf den Weg zu geben und dabei auch Realitätsabweichungen der Vorjahresprognosen zu zeigen. Anja Kettner vom IAB ist skeptisch. Anja Kettner, IAB: Ich würde das nicht für seriös halten. Es gibt die allwissenden Ökonomen nicht, die diese Aussagen treffen könnten. Stattdessen fände ich das Puzzlemodell viel wichtiger. Sehr zeitnah Informationen zur Verfügung zu stellen und zwar auf breiter Ebene, regional, sektoral, das was da ist. Natürlich die langfristigen Trends der Bildungsforscher und der Arbeitsökonomen dazu. So dass man sich ein Bild machen kann. Ulrich Walwei, Vizedirektor des IAB: Man versucht dann wirklich auch Berufsfelder zu identifizieren, die also gewisse Übergänge aufzeigen, und dann eigentlich für die Aussagen zu treffen. Aber sicherlich auch nicht für die lange Frist. Das ist ganz klar. Joachim Möller, Direktor des IAB: Wenn wir beispielsweise klare Empfehlungen für eine Berufsgruppe geben würden, wie würde das wirken? Wir würden nämlich dann gerade das erzeugen, was wir vermeiden wollen: den Schweinezyklus. Wenn beispielsweise eine IAB-Position zum Ingenieurbedarf an die BA geht und alle Vermittler in der Fläche der BA fangen an entsprechend zu vermitteln, dann ist das ein Riesenproblem, weil man dann natürlich genau dies Überschießen erzeugt, was man langfristig verhindern möchte. Klaus Herberger, Wissenschaftsministerium Baden Württemberg: Sie brauchen Hilfestellung für die Politik. Wenn Sie dieses nicht durch die Wissenschaft leisten, dann überlassen Sie das Feld den Verbänden. Das heißt, die Politik orientiert sich dann an dem, was irgendein Verband aus Interessenpolitik teilweise vertritt. Rosemary Kay, Institut für Mittelstandsforschung: In dem Moment, wo die Aufträge weggefallen sind, hat man sich relativ schnell von Beschäftigten, qualifizierten Beschäftigten, die man vorher mühseligst gesucht hat, verabschiedet. Und zwei Jahren später brauche ich sie wieder. Und plötzlich stelle ich fest: Die jungen Leute haben die Signale auf dem Arbeitsmarkt wahrgenommen und haben sich für andere Berufe entschieden. Kommentar: Perfekte Langzeitprognosen bleiben ein unerfüllbarer Wunsch. In der Realität müssen alle Seiten dafür sorgen, dass die Fachkräfte auch in der Zukunft nicht ausgehen. Von der Wissenschaft über Arbeitsagenturen und Verbände bis zu den einzelnen Unternehmen.