Transkript „Wissenschaft trifft Praxis: Fachkräftebedarf und Zuwanderung“ 1.Kapitel: Die Problemlage Kommentar: Am 31. Mai und 1. Juni 2011 trafen sich rund 140 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis zur Fachkräfte- und Zuwanderungskonferenz in Nürnberg. Eingeladen hatten das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und die Bundesagentur für Arbeit. Experten aus Wissenschaft, Politik und Praxis tauschten sich aus über den Bedarf an Fachkräften in Deutschland und Migration als Lösungsansatz – zwei Themen mit langer Tradition. Prof. Joachim Möller, Direktor des IAB: Lassen Sie mich einen kurzen Blick in die Geschichte werfen. Das IAB ist 1967 gegründet worden. In den Folgejahren nach der Gründung gab es eine Situation, die man mit Vollbeschäftigung beschreiben kann, mit Arbeitslosenquoten unter einem Prozent. Und natürlich hatten wir in dieser Zeit auch das Thema „Zuwanderung“ bereits. Es war eine der ersten Untersuchungen des IAB, die sich genau mit diesem Thema des Fachkräftebedarf, des Fachkräftemangels und der Zuwanderung beschäftigt hat. Kommentar: Nach der überstandenen Krise geht es Deutschland heute wirtschaftlich wieder sehr gut und auch die Themen Fachkräftemangel und Zuwanderung haben wieder Konjunktur. Möller: Wir haben im ersten Quartal 2011 wieder die Marke von einer Millionen offenen Stellen durchbrochen, dass sind - und dass ist eine sehr bemerkenswerte Zahl - 400.000 Stellen mehr als ein Jahr zuvor. Wie in den Boom-Jahren 2007 und 2008 berichten wieder mehr Betriebe von schwer besetzbaren Stellen. Es gibt Mangelsituationen in den MINT-Bereichen. Es gibt zu wenige Erzieher und Fachleute in den Gesundheitsberufen. Kommentar: Die aktuellen Engpässe sind in erster Linie die Folge eines starken konjunkturellen Aufschwungs. Der demografische Wandel zeichnet sich erst für die Zukunft ab: Nach den Langfrist-Projektionen des IAB sinkt das Erwerbspersonenpotenzial in den nächsten 20 Jahren um gut 10 Millionen Personen. Andreas Harnack, Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt: Wir wissen für den Bereich „Baugewerbe“, dass bis 2020 25 Prozent der gewerblichen Facharbeiter in Rente gehen, altersbedingt ausscheiden. Wir wissen, dass im Jahr 18.000 Arbeitskräfte ausscheiden. Und Baugewerbe heißt: Wir haben circa 95 Prozent Fachkräfte; wir haben nur noch drei bis fünf Prozent Hilfskräfte am Bau. Da muss man sich um Fachkräftebedarf Gedanken machen. Das ist so aufgrund der demografischen Entwicklung: 18.000 gehen raus, nur 11.000 kommen rein. Das wird nicht reichen auf Dauer. Kommentar: Der Bevölkerungsrückgang ist nicht in erster Linie ein Problem für den Arbeitsmarkt. Eine viel größere Herausforderung bedeutet er für die sozialen Sicherungssysteme. Schon heute sorgen Migranten hier für eine Entlastung. Prof. Herbert Brücker, IAB: Es gibt Nettobeiträge für die Rentensysteme. Da spielt die Musik. Die sind gewaltig. Weil wir eine günstige Altersstruktur haben und weil unsere Rentenversicherungssysteme gegen kurze Beitragszahlungsperioden - und das trifft besonders Migranten - diskriminieren, so dass sich ein Nettoertrag von 2000 Euro pro Zuwanderer und pro Jahr ergibt. Dr. Holger Bonin, Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung: Das vielleicht überraschende Ergebnis für viele ist: Selbst die Zuwanderer, die jetzt schon im Lande sind, die ausländische Bevölkerung, von der wir alle wissen, dass sie nicht besonders gut integriert sind, dass sie sehr oft arbeitslos sind, dass sie zu einem sehr viel höheren Teil als die deutsche Bevölkerung Arbeitslosengeld II in Anspruch nehmen, dass, obwohl das so ist, wir feststellen können, dass es eine Entlastung durch diese Bevölkerung gibt für die öffentlichen Haushalte. Zum einen zahlen Zuwanderer, insbesondere, wenn sie gut in den Arbeitsmarkt integriert werden können, eigene Beiträge und stützen damit das System unmittelbar. Und zum anderen bewirkt Zuwanderung eine größere Bevölkerung. Das bedeutet, dass die künftigen demografischen Anpassungslasten, von denen wir ausgehen müssen, auf mehr Köpfe verteilt werden. Dieser Größeneffekt ist eigentlich noch viel wichtiger, als der direkte Effekt. Die Rechnungen, die wir so haben, sagen, dass die Frage, wie viele Menschen da sind, um bestehende fiskalische Lasten zu tragen, ungefähr Zweidrittel ausmacht. Kommentar: Die demografische Entwicklung ist eine große Herausforderung für die Sozialsysteme und für den Arbeitsmarkt. Mit dem einhergehenden Thema „Fachkräftebedarf“ hat sich die Bundesagentur für Arbeit sich in den letzten Jahren systematisch auseinandergesetzt. Raimund Becker, Vorstand BA: Nur ein paar Zahlen will ich hier in den Raum stellen, weil nachher die Profis viel kundiger darüber berichten können. Wir kamen in unserer Analyse dazu, dass wir sagen: ‚Bis zum Jahr 2025 fehlt in Deutschland ein Erwerbspersonenpotenzial von etwa 6,5 Millionen Menschen.‘ Dann war die interessante Frage: Wie kann man denn letztendlich dieses Erwerbspersonenpotenzial aktivieren? Da sind uns zehn Hebel eingefallen. Und wir kamen zum Ergebnis, selbst wenn wir das ganze inländische Potenzial ausschöpfen würden, bleibt da immer noch ein Gap, ein Loch, das man so nicht richtig schließen kann. Das sind jetzt zwei oder zweieinhalb Millionen. Das ist aber gleich, wie groß das ist. Das ist eine richtige Größe, so dass wir wissen: Wir brauchen auch das Thema Zuwanderung, was wir angehen müssen. Möller: Bei einer Nettozuwanderung von 200.000 Personen, so hat unser Institut ausgerechnet, hätten wir 2030 gut zwei Millionen Personen mehr, die in unserem Land arbeiten könnten. Das ist natürlich, wenn man die Zahlen anschaut, immer noch nicht genug, um den demografischen Wandel, dem Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials, komplett aufzuhalten, aber wir können ihn über die Zuwanderung, über die gesteuerte Zuwanderung, zumindest bremsen. 2. Kapitel: Inländisches Potenzial Kommentar: Zuwanderung und Qualifizierung sind die zwei Ansätze, um den Herausforderungen der demografischen Entwicklung zu begegnen. Peter Clever, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände: Das eine Thema „Qualifizierung des heimischen Personals“: Da sind ganz viele, deren Potenzial wirklich nicht gehoben worden ist. Da haben auch wir Arbeitgeber sicherlich Fehler gemacht, indem wir solange wir noch die Leute irgendwie so kriegten, dass wir ganz zufrieden damit waren, andere ausgegrenzt haben. Da haben wir gesagt: ‚Naja, da sind die schlechten Schulabschlüsse bei den Migranten und einen Schwerbehinderten will ich mir sowieso nicht angucken.‘ Da haben wir Fehler gemacht, aber da haben wir jetzt auch die Chance - glaube ich - Konsequenzen daraus zu ziehen. Nur dürfen wir nicht das eine gegen das andere ausspielen, weil wir beides brauchen und beides jetzt angehen müssen. Kommentar: In Deutschland gibt es ein Potenzial an Arbeitskräften, das nicht oder zu wenig ausgeschöpft wird. Dazu gehören in erster Linie nicht erwerbstätige Frauen und früh aus dem Erwerbsleben ausscheidende Ältere. Politik und Unternehmen bemühen sich auf unterschiedlichen Wegen um diese Menschen. Christine Bruchmann, Moritz Fürst GmbH & Co. KG: Wir haben jetzt seit drei Jahren ein präventives Gesundheitsmanagement im Unternehmen im Angebot. Das ist also Personal Training individuell auf den Mitarbeiter zugeschnitten. Der macht das zwei Mal eine halbe Stunde in der Woche. Er spricht das dann mit dem Trainer ab, wo er seine Befindlichkeit hat. Das kann sein Rücken oder eher Stressabbau. Und das hat sich sehr bewährt und das lief jetzt so gut, dass wir das auch anderen Unternehmen anbieten. Gerd Hoofe, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Das größte kurz- und mittelfristig erschließbare Potenzial an Fachkräften liegt bei Frauen. Die Erwerbstätigenquote von Frauen liegt bei 69 Prozent, zehn Prozent mehr als vor zehn Jahren. Hier ist aber noch viel Dynamik und noch viel Luft drin. Ungefähr 6,4 Millionen Frauen im erwerbsfähigen Alter sind in der Bundesrepublik Deutschland nicht erwerbstätig. Also, es gilt an der Stelle mehr zu tun. Ganztagsschulprogramme, Rechtsanspruch auf einen Kindertagesplatz, Elterngeld, Wiedereinstiegsprogramme, Pflegezeiten - alles wunderbar, aber wirkt alles noch nicht in dem Maße, wie es notwendig wäre. Bruckmann: Ein Thema sind die Frauen. Wir haben ja 70 Prozent Frauenanteil. Und die Frauen, die kriegen dann ja hoffentlich auch viele Kinder. Und das Bestreben ist, dass die Frauen schneller wieder zu uns kommen, dass wir dann auf die eingehen, welche Arbeitszeitvorstellungen diese Frauen haben. Das fängt dann manchmal mit einem Tag in der Woche an. Weil für einen Tag das dann mit dem Kind organisiert werden kann. Und wenn dann die Mitarbeiterin wieder da ist, sie weiter zu qualifizieren, einzubinden und dann zu hoffen, dass sie aufstockt. Und wenn Frauen dann keine Angst haben müssen, zu sagen: ‚Ich bin jetzt schwanger, ich kriege ein Kind oder ich muss zu Hause bleiben, das Kind ist krank‘ Das schafft eine entkrampfte Atmosphäre. Das ist sehr positiv. Weil ich möchte nicht, dass die Mitarbeiterinnen lügen müssen, dass ihnen selber schlecht ist, wenn das Kind dann krank ist. Kommentar: Migranten sind häufig nicht entsprechend ihrer Ausbildung beschäftigt. Von den 800.000 Menschen mit ausländischem Fach- oder Hochschulabschluss waren 2007 nur 40 Prozent tatsächlich in akademischen Berufen tätig. Migranten gemäß ihrer Qualifikation einzusetzen könnte helfen im Kampf gegen den Fachkräftemangel. Ursula Poller, Industrie- und Handelskammer Nürnberg für Mittelfranken: Wir bemühen uns heutzutage schon, Ausländern, die bei uns aufschlagen, zu helfen, indem wir versuchen, ihnen zu beschreiben, was ihr im Ausland erworbener Abschluss beinhaltet im Vergleich zu einem deutschen Abschluss. Wenn jetzt das sogenannte Anerkennungsgesetz kommtm- der wirkliche Titel ist ja wesentlich sperriger, also bleiben wir beim Anerkennungsgesetz -, dann hat ja jeder Ausländer, oder jeder - auch ein Deutscher, der im Ausland einen Berufsabschluss erworben hat -, einen Anspruch darauf, dass ein Verfahren zur Überprüfung durchgeführt wird. Und Überprüfung bedeutet, dass man den ausländischen Abschluss neben einen deutschen Referenzberuf legt und dann einfach versucht, hier eine Gleichwertigkeit festzustellen oder zumindest Parallelen zu ziehen. Dr. Ulrich Walwei, Vizedirektor des IAB: Wobei ich dann aber auch nach Möglichkeiten suchen muss, wie das, was entweder tatsächlich im Anerkennungsverfahren als Defizit festgehalten wird oder was man dann im betrieblichen Einsatz wahrnimmt, wie man da zu gezielten und ergänzenden Qualifizierungen kommt. Da gibt es inzwischen auch Maßnahmen - WeGeBau verschiedenes andere mehr - wo man dann auch einen ganz großen Schritt weiterkommen muss, um wirklich alle Potenziale zu erschließen, die wir haben. Kommentar: Für eine bessere Integration zugewanderter Menschen in den Arbeitsmarkt bleibt noch viel zu tun, auf allen Seiten des Arbeitsmarktes. Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland: Wir wollen, dass in den entsprechenden Gremien der Jobcenter, der Agenturen, bei einem Anteil über 15 Prozent der Bevölkerung mit Migrationsgeschichte, entsprechende Integrationsbeauftrage zu installieren sind, damit bei der Besetzung des Personals auch darauf geachtet wird. Natürlich sind wir auch für eine Quote. Zumindest kann man Zielgrößen definieren und dort sozusagen eine gezielte Diversity-Politik betreiben. 3.Kapitel: Zuwanderungspolitik Kommentar: Aber auch wenn alle inländischen Potenziale, inklusive der bereits zugewanderten Menschen, genutzt sind, wird es auf lange Sicht nicht reichen. Und das demografische Problem bleibt. Vladimir Spidla, ehem. EU-Kommissar: Einmal habe ich für die Tschechische Republik errechnet, dass ungefähr im Jahr 2401 wird der letzte Tscheche sterben. Ohne Migration. Wenn man es ausrechnet - als ich die Kurve gesehen habe - also wenn man es ausrechnet für Deutschland, meiner Meinung nach, es kommt ein wenig früher. Kommentar: Deutschland hat bisher wenig Erfahrung damit, um Zuwanderer zu werben Das zeigt ein Blick in die Historie des Gesetzes. Christian Rauch, Bundesagentur für Arbeit: Man muss einen Blick in die Vergangenheit werfen bis heute, um zu sagen: Das ist geprägt durch eine Anwerbestoppausnahmeverordnung. Ich mag mal gern den Begriff. Das macht schon deutlich, wie wir werben. Kolat: Unser Zuwanderungs- oder Einwanderungsgesetzt stammt eigentlich aus dem Jahr 1965. Vorher hatten wir die Ausländerpolizeiverordnung für die Regelung der Wanderungsbewegung nach Deutschland. Von 1938 übrigens. Sehr interessant. Das Datum auch. Dann kam 1965 das Ausländergesetz. Wie gesagt, das erste Einwanderungsgesetz, wo wir überhaupt damals nicht sprechen durften über Einwanderung und so weiter. Dann kam 1990 das zweite Ausländergesetz. Da wußte man nicht so ganz genau, wohin man will. Dann mit der Zeit haben wir mehrere Restriktionen bekommen in dem Zuwanderungsgesetz. Jetzt heißt es ja, im Gesetz von 2005 heißt es: ‚Das Gesetz dient zur Begrenzung und Steuerung der Zuwanderung in die Bundesrepublik Deutschland.“ Also es ist ja kein Einwanderungsgesetz, sondern ein Begrenzungsgesetz. Dr. Elisabeth Neifer-Porsch, Bundesministerium für Arbeit: Zuwanderer kommen auch nicht, wenn ich den Hebel umlege. Dass heißt, wenn ich mich heute über ein Zuwanderungskonzept unterhalte, muss ich die Perspektive fünf bis zehn Jahre im Blick haben, bevor es überhaupt zu nennenswerten positiven Effekten bei uns kommt. Es ist ja nicht so, als würden die Leute bei uns vor der Tür Schlange stehen. Nach dem 1. Mai haben wir auch festgestellt: Wir sind nicht überrollt worden. Walwei: Man muss sich auch meines Erachtens klipp und klar dazu bekennen, dass wir ein Einwanderungsland sind. Das darf man nicht nur versteckt sagen - oder wir hier in irgendwelchen Foren -, sondern man muss das sagen. Kommentar: Noch in diesem Jahr stehen Gesetzesänderungen an, die eine Immigration nach Deutschland erleichtern sollen. Dazu zählt, die sogenannte Vorrangprüfung für Mangelberufe noch vor der Sommerpause auszusetzen, damit gesuchte Fachkräfte aus dem Ausland offene Stellen in Deutschland leichter besetzen können. Auch ausländischen Hochschulabsolventen stehen im Blickpunkt. Hoofe: Sie haben sich bereits eingelebt, sprechen unsere Sprache und haben sich mit ihrem Studium handfeste Qualifizierungen erworben. 2008 haben rund 32.000 Ausländer ein Studium in Deutschland abgeschlossen. Darunter 21.000 Bildungsausländer aus Drittstaaten. Leider fängt nur jeder Vierte ausländische Hochschulabsolvent nach dem Studium auch an, hier bei uns zu arbeiten. Und deswegen gilt es, die Beschränkungen zu lockern und die Suchfrist zu verlängern. Oder wir vertrauen darauf - und warum nicht -, dass sie mit der bei uns erworbenen Qualifikation ihren Weg als Fachkraft gehen werden und wagen den großen Schritt, ihnen einen völligen freien Arbeitsmarktzugang einzuräumen. Brücker: Da habe ich dann vielleicht doch eine kleine Differenz zur Politik. Ich würde mir natürlich ein paar größere Sprünge oder einen größeren Sprung eine größere Veränderung in der Einwanderungspolitik wünschen. Die muss aber bestimmten Zielen folgen. Wir brauchen ein qualifiziertes Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland, das müssen wir nachhaltig entwickeln. Ich glaube nachhaltig ist der richtige Begriff. Wir sollten nicht nach kurzfristigen Konjunkturschwankungen im Arbeitsmarkt vorgehen. Das wäre der erste Eckpunkt. Wir brauchen eine Nettozuwanderung von 200 -300.000 Personen aufgrund der Verschiebung in der demografischen Struktur. Wir haben gegenwärtig eine Bruttozuwanderung zwischen 0,5 und 0,7 Millionen Personen und eine Nettozuwanderung von fast 0. Das heißt, wir müssen die Bruttozuwanderung um etwa 1 Millionen Personen in Deutschland erhöhen. Das ist der Hebel, an dem wir steuern. Kommentar: Die Einwanderungspolitik soll ferner die Ziele verfolgen, die Qualifikationsstruktur der Zuwanderer zu verbessern und sie besser in die Gesellschaftschaft zu integrieren. Wie könnte man alle vier Ziele in der Praxis erreichen? Brücker: Eine Option wäre, ein Punktesystem nach kanadischem oder australischem Vorbild einzuführen. Man könnte einen Zugang, ein Daueraufenthaltsrecht über einen Hochschulabschluss und ein hohes Einkommen wie bisher regeln und temporäre Aufenthaltsrechte nach einem solchen Punktesystem, aber ohne Vorrangprüfung und zusätzlich weitere temporäre Zugangsmöglichkeiten für Studenten und Facharbeiter. Das Punktesystem hat natürlich den Charme, dass es eher wie ein großer Wurf wirkt. Denn um Zuwanderer zu erreichen, ist es natürlich auch wichtig, dass Deutschland ein Signal an das Ausland sendet. 4. Kapitel: Willkommenskultur Kommentar: Damit Zuwanderung in größerem Maße in Deutschland akzeptiert wird, müssen Menschen aus anderen Ländern besser in Arbeitsmarkt und Gesellschaft integriert werden. Denn ökonomische Argumente allein, wie der Mangel an Fachkräften oder die demografische Last für die Sozialsysteme, überzeugen nur wenige. Prof. Christian Dustmann, University College London: Migrationspolitik muss gekoppelt werden mit einer langfristigen Integrationsperspektive. Diese langfristige Integrationsperspektive ist sehr schwierig für europäische Länder. Und sie ist sehr schwierig für europäische Länder, weil die Identifikation mit europäischen Ländern sehr viel schwieriger ist als mit Ländern, die eigentlich aus Einwanderungspopulationen bestehen, wie Kanada, Australien oder die USA. Franzose zu sein ist extrem schwierig, selbst wenn man französisch spricht und im Land geboren ist. Amerikaner zu sein ist sehr viel einfacher. Man kauft sich eine Fahne, stellt sie in den Garten und sagt: Ich bin Amerikaner. Peter Michael Boehm, Botschafter von Kanada in Deutschland: Wir glauben, dass Integration mit der Auswahl der Einwanderer beginnt. Dadurch, dass wir Kenntnisse in den offiziellen Sprachen Kanadas, Englisch und Französisch, Bildungsabschlüsse und auch den Bildungsstand des Ehepartners zu Kriterien des Punktesystems machen, erhöhen wir mittelfristig die Integrationschancen unserer Economic Immigrants und ihrer Familien in Kanada. Dustmann: Ganz wichtig für eine langfristige Migrationspolitik ist, dass diese Migrationspolitik verstanden wird und als vorteilhaft gesehen wird in der Bevölkerung. Was wir in Europa haben ist ein Vertrauensproblem. Die Bevölkerungen vertrauen ihren Regierungen nicht, weil sie nicht wissen wie diese Regierungen Migrationspolitiken gestalten. Das führt zu Überreaktionen, wie der Reaktion, die wir im Augenblick in Großbritannien haben. Kommentar: Die Haltung der einheimischen Bevölkerung gegenüber Menschen, die aus dem Ausland kommen, spiegelt sich in der Sprache wider. Boehm: Viele Deutsche sagen mir, dass ein Unterschied zwischen Kanada und Deutschland ist die Art und Weise, wie wir Einwanderer betrachten. Wir nennen sie zum Beispiel nicht Ausländer, nicht Personen mit Migrationshintergrund, das wäre verfassungswidrig bei uns. Wir nennen sie Newcomers, also Neuankömmlinge. Und sobald diese Neuankömmlinge die kanadische Staatsbürgerschaft erhalten, nennen wir sie New Canadians oder einfach nur Canadians und dann schauen sie auch unsere Eishockeyspiele zu und so weiter und beteiligen sich. Ich glaube, dass das ein Teil unseres Erfolges ist, dass wir Neuankömmlingen die Möglichkeit bieten, ein wirklicher Teil unserer Gesellschaft zu werden ohne sie zu zwingen, ihre eigene Identität aufzugeben. Kolat: Insofern brauchen wir eine Diskussion über Identitäten. Über den Begriff Deutsch. Was ist Deutsch. Bin ich Deutsch. Ich bin deutscher Staatsbürger. Aber bin ich deutsch? Ich werde nicht als Deutscher empfunden oder gesehen. Wie meine Landsleute: ‚Gehst Du wieder in Deine Heimatland zurück nächstes Jahr?‘ Diese Fragen werden ständig gestellt. Kommentar: Manche Deutsche befürchten, dass ihre Löhne sinken, wenn mehr Menschen aus dem Ausland auf den hiesigen Arbeitsmarkt strömen. Harnack: Vielen Ängsten könnte begegnet werden, indem wir bestimmte Regularien einführen, die Ängste nehmen. In den Branchen, in denen keine Mindestlöhne vereinbart werden können zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften brauchen wir den gesetzlichen Mindestlohn. Mindestlöhne sind der erste Schritt, verbunden mit bestimmten anderen Ansprüchen an Arbeitsbedingungen. Das befördert einfach Akzeptanz. Kommentar: Verbreitet ist auch die Angst vor steigender Arbeitslosigkeit. Die Forschung fand jedoch heraus, dass sich Migration - insgesamt gesehen - weder auf die Löhne noch auf die Arbeitslosenquote negativ auswirkt. Trotzdem gibt es Gewinner und Verlierer. Timo Baas, IAB: Man kann vielleicht sagen, dass die Migranten, die bisher schon im Land sind, natürlich in einer erheblich schlechteren Position sind, als die einheimischen Deutschen. Das liegt daran, dass sie oft manuelle Tätigkeiten wahrnehmen und, dass die Migranten gerne auch in diese Tätigkeiten gehen. 5. Kapitel: Brain Drain Kommentar: In Workshops vertieften die Konferenzteilnehmer aus Wissenschaft und Praxis die Themen der Tagung. Ein wichtiger Aspekt waren die Wanderungsbewegungen innerhalb Europas. Neifer-Porsch: Was mich jetzt ein bisschen erschreckt hat in dem Workshop war: Die EU-8 ist gar nicht das Potenzial, aus dem wir in Zukunft schöpfen können. Diese Länder stehen vor noch viel größeren demografischen Problemen wie wir. Es ist jetzt ein temporäres Problem, dass sicher durch die Lohndifferenzen ein gewisser Wanderungsdruck entstanden ist, aber die Länder entwickeln sich. Sie schließen auf. Die Wanderungsbewegungen haben ja auch überwiegend schon stattgefunden. Kommentar: Deutschland und Österreich haben als letzte Länder die volle Freizügigkeit für die EU-8 eingeführt. 2003 kamen noch 60 Prozent der osteuropäischen Migranten nach Deutschland und Österreich, heute sind es nur noch 18 Prozent. Die meisten Migranten zieht es mittlerweile nach Großbritannien und Irland. Baas: Die Migranten schauen sich sehr genau an, in welches Zielland sie dann wandern. Das bedeutet zum Beispiel: Für einen Klempner ist es sehr interessant nach Großbritannien zu wandern, da es dort keine Berufsabschlüsse gibt, keine duale Berufsausbildung in dem Maße wie in Deutschland. Dort ist die handwerkliche Tätigkeit nicht sehr elaboriert. Das heißt, der Migrant, der aus Polen kommt, gut sein Handwerk versteht, kann dort sehr viel Geld verdienen. Spidla: Meiner Meinung nach diese Idee, dass man lockt nur die qualifizierte Arbeitskräfte, das ist eine falsche Idee. Ein sozialkompetenter Mensch ist wesentlich wichtiger für die Gesellschaft als ein hochqualifizierter Psychopath. Also, meiner Meinung nach wir müssen das Thema Qualifizierung in der Immigrationspolitik ein wenig bremsen. Kommentar: In den Workshops der Konferenz wurde auch über Brain Drain, Brain Gain und Brain Waste debattiert. Brücker: Wir haben einen Blick nach Polen gewagt, Pawel Kaczmarczyk hat ein paar interessante Erkenntnisse vorgetragen. Wir haben dort eine richtige Bildungsexplosion. Wir beobachten ähnliche Entwicklungen im nördlichen Afrika. Wir beobachten ähnliche Entwicklungen im Mittleren Osten, wir beobachten teilweise ähnliche Entwicklungen in der Türkei. Was machen dann die vielen Leute, die dann arbeitslos sind und hochqualifziert in ihren Ländern? Sie wandern aus. Zum Beispiel nach Großbritannien. Was machen sie in Großbritannien? Sie arbeiten nicht als Hochschulabsolventen, sondern in der Gastronomie, auf den Baustellen usw. Das kann man als Problem sehen, man muss es nicht unbedingt als Problem sehen. Sie verdienen natürlich ersteinmal sehr viel mehr und ein Großteil dieser Migration ist temporär, kehrt dann auch wieder zurück in ihre Heimatländer, bringt vielleicht Sprachkenntnisse mit. Wir wissen aus einem Teil der Forschung, sie haben dann auch eine Arbeitsmarktprämie in ihren Heimatländern, wenn sie zurückkehren. Dr. Tomasz Kalinowski, Leiter der Wirtschaftsabteilung der Polnischen Botschaft: Wir erleben auch teilweise vergleichbare Situationen in Polen wie mit Polen in Deutschland. Das heißt diese Leute, die zu uns aus Weißrussland oder aus der Ukraine kommen, sind normalerweise ziemlich gut ausgebildete Leute, die unter ihrer Qualifikation in Polen arbeiten. Und die bei uns relativ wenig verdienen. Also in diesem Sinne würde ich das ein bisschen parallel mit der Lage der polnischen Arbeitnehmer bisher in Deutschland sehen. 6. Kapitel: Europäische Migrationspolitik Kommentar: Deutschland steht nicht allein da mit seinen demografischen Herausforderungen und auch Migration betrifft viele Länder. Umstritten ist, ob eine europäische Migrationspolitik an die Stelle der nationalen Migrationspolitiken treten sollte. Dustmann: Auf gar keinen Fall. Ich denke absolut nicht. Ich denke die europäischen Staaten werden damit nie einverstanden sein. Das einzige, was man nicht aus der Hand geben will, ist die Immigrationspolitik. Und jeder Versuch wird zu weiteren Spannungen führen. Wir sollten nicht vergessen, dass das Schengen-Abkommen mittlerweile unter sehr starkem Druck steht. Und es ist unter sehr starkem Druck durch Immigration. Dadurch, dass die nordeuropäischen Länder die Probleme der südeuropäischen Länder sehr stark vernachlässigt haben und wahrscheinlich auch in der Zukunft sehr stark vernachlässigen werden. Spidla: Europa steht in gewissem Maße im Konkurrenzkampf um die Köpfe. Die Hochqualifizierten, wenn sie nach Europa gehen, sie gehen nach Europa. Das ist ähnlich, sie gehen nicht nach Minnesota in den USA, sie gehen in die USA. Kommentar: Wie sieht die Zukunft aus? Wird es eine europäische Migrationspolitik geben? Spidla A là longue glaube ich ja, aber wenn ich sage, a là longue, das heißt: In 100 Jahre oder so. Man dachte auch nicht, dass es zur Gründung von der Europäischen Union kommen wird, dass man die Kriege in Europa vermeiden wird und so. Also, a là longue, meiner Meinung nach, es kommt, aber es wird sehr lange dauern. Weitere Informationen und Publikationen zum Thema Fachkräftebedarf und Zuwanderung finden Sie unter: www.iab.de