Heinrich Alt liest im Treffpunkt Bibliothek ‚Deutschland liest. Treffpunkt Bibliothek.’ Das ist der Titel einer Aktionswoche mit bundesweit 4500 Projekten unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler. Auch die Bibliothek des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und der Bundesagentur für Arbeit beteiligt sich an der Kampagne. Ulrike Kress, Leiterin der Bibliothek und Initiatorin der Veranstaltung im IAB erklärt warum. Ulrike Kress: „Wir bewegen uns als Bibliothek natürlich im Verbund der gesamtdeutschen Bibliotheken und bei einem so besonderen Tag, wo jede Bibliothek sich mit ihren Besonderheiten darstellt und ein attraktives Angebot macht für externe Kunden, wollen wir natürlich insgesamt dabei sein und Bibliotheken für Leser wieder attraktiver machen.“ Zum Auftakt der Aktionswoche in Nürnberg am 24. Oktober 2008, veranstaltet die IAB-BA-Bibliothek eine Lesung mit Heinrich Alt, Vorstandsmitglied für Grundsicherung in der Bundesagentur für Arbeit. Rund 50 Gäste folgen der Einladung in die Räumlichkeiten der Fachbibliothek für Arbeitsforschung. Mit rund 75 000 wissenschaftlichen Büchern und 800 laufend bezogenen Zeitschriften ist sie die größte ihrer Art in Deutschland. Nach dem Motto ‚Erst die Arbeit, dann die Berliner Affären’ liest Heinrich Alt an einem Freitagnachmittag aus Dirk Kurbjuweits Roman ‚Nicht die ganze Wahrheit’. In dem Buch erhält ein Privatdetektiv den Auftrag, heraus zu finden, ob Leonard Schilf, seines Zeichens Vorsitzender einer großen Partei, eine Affäre hat. Bei einem Einbruch in die Wohnung von Anna Tauert, einer jungen Bundestagsabgeordneten, lässt der Autor seinen Detektiv gleich zu Beginn des Buches die E-Mails des Paares entdecken. So breitet er die Geschichte einer Liebe im politischen Milieu der Berliner Republik zu Zeiten von Rot-Grün aus. Heinrich Alt: „‚Ein erster Blick rundherum im Licht der Laternen. Am Fenster steht ein Schreibtisch, Regale an den Seitenwänden, darin Akten, Bücher. Auf dem Schreibtisch steht ein Computer. Ich gehe hin, lege meine Decke über den Monitor, schalte den Computer ein. Ich stecke den Kopf unter die Decke. Auf dem Schreibtisch ihres Computers liegen ein paar Ordner, die nach Politik klingen. Ausschuss. Agenda. Plenum. Ich gehe auf den Postausgang. Ich wandere nach unten. Die allermeisten Mails sind gesendet an 39049902@worldnet.com. Ich öffne eine Mail, wahllos, irgendwo auf halber Strecke. „Leo, Liebster“, lese ich. „Warum nicht Kattowitz?“ Ich bin enttäuscht. Kattowitz ist kein Wort für eine Liebesgeschichte, kein Wort für eine blaue Mappe. Zweifel. Ich öffne hastig die nächste Mail. „Doch, es ist mein ernst. Lass uns für ein Wochenende nach Kattowitz fahren, in die hässlichste Industriestadt der Welt, in die sich nie ein deutscher Tourist verirrt, wir nehmen ein kleines Hotel, das immer noch nach Sozialismus aussieht und riecht, und wenn es draußen Asche regnet, liegen wir im Bett, in unserem weißen Bett, und du hältst mich in deinen Armen und liebst mich träge durch den Nachmittag, und weil es nie richtig hell wird wegen der Asche, brennen den ganzen Tag Kerzen, und nirgendwo auf der ganzen Welt kann es so romantisch sein wie in unserem Zimmer in Kattowitz. Ich öffne ihre nächste Mail, die übernächste, die nächsten zehn....’“ Hier mach ich mal Pause. Und ich freue mich darauf, wenn sie die nächsten Mails dann lesen von Anna und ihrem Liebhaber.“ Im Anschluss an die Lesung stellt sich Heinrich Alt den Fragen des Nürnberger Journalisten Rainer Büschel. Rainer Büschel: „Meine erste Frage an Sie wäre Folgendes, und zwar: Wenn Sie die drei nehmen, deutsche Romantik, politischer Roman und Geschichtsroman, in welche Kategorie würden Sie denn den Roman von Herrn Kurbjuweit einordnen?“ Heinrich Alt: „Also ich würde sagen, es ist ein romantischer Roman. Man muss dafür das Ende kennen, dann weiß man das zu schätzen. Ich sage mal, der Roman geht schön, er geht romantisch aus, von daher gut. Ich danke auch meinen Kolleginnen und Kollegen, die mir das Buch geschenkt haben zum Geburtstag. Ich habe es mir nicht selbst ausgesucht, es war ein Geschenk, aber ein Glücksgriff, ich habe es genossen, habe es auch schnell gelesen. Von denen, denen ich es inzwischen geschenkt habe, haben einige mir berichtet, sie hätten sogar die Nacht durchgelesen, weil es so spannend war. Man wollte das Ende kennen.“ Rainer Büschel: „Sie kennen Entscheidungsträger, die da drin auch geschildert werden von Herrn Kurbjuweit aus nächster Nähe. Hat Herr Kurbjuweit überzeichnet oder meinen Sie, dass der Habitus dieser Menschen zu dem Politikbetrieb zu der Zeit eigentlich ganz gut getroffen worden ist von ihm?“ Heinrich Alt: „Also ich kriege davon zum Glück ja gar nichts mit. Ich bin zwar häufig in Berlin, aber es geht immer nur um Sachthemen. Ansonsten geht man ins Hotel, schläft und guckt, dass man am nächsten Morgen wieder zeitig zu seinen Terminen oder zum Flieger oder zu sonst was kommt. Nein, ich glaube, Dirk Kurbjuweit hat die Personen so stark kenntlich gemacht, dass sie damit schon wieder fast anonymisiert werden. Also der Trick besteht ja von ihm darin, fast brutal darauf aufmerksam zu machen, wer damit gemeint sein könnte und damit ist derjenige aber schon wieder aus der Schusslinie. Weil man sagt, so deutlich ist das beschrieben, das kann der gar nicht sein, oder das kann gar keinen realen Hintergrund haben.“ Rainer Büschel: „Haben Sie nicht das Gefühl gehabt, es könnte sein, dass Sie als Staatssekretär durch den Roman laufen?“ Heinrich Alt: „Nein, das glaube ich jetzt wirklich nicht. Ich glaube auch nicht, dass das die Überlegung war, mir dieses Buch zu schenken. Wobei, bei eitlen Menschen kann es durchaus auch einmal eine Rolle spielen, in einem Roman vorzukommen. Das kann sein, dass das für viele in Berlin wichtig ist. Die sagen, das hebt den Stellenwert, man wird eingeladen zu mehr Partys und was weiß ich, wenn man mal in einem Roman vorgekommen ist. Aber die Norddeutschen sind ja völlig unbedeutend für den Politikbetrieb in Berlin.“ Als persönliches Dankeschön überreicht die Leiterin der Bibliothek Ewald Ahrens Buch ‚Der Duft von Schokolade’ und lädt Heinrich Alt ein, auch hieraus gerne einmal in der IAB/BA-Bibliothek vorzulesen. Heinrich Alt: „Und wenn’s schlechtes Wetter wird am Wochenende, lesen Sie halt.“