Transkript des Videos "Übergänge in Ausbildung und Beschäftigung" 1. Kapitel: Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt Kommentar: Am 17. und 18. Juni 2009 trafen sich rund 120 Fachleute zur Übergangskonferenz in Nürnberg. Experten aus Wissenschaft, Politik und Praxis tauschten ihre Erfahrungen und Forschungsergebnisse aus. Im Mittelpunkt standen die Übergänge zwischen Schule und Ausbildung und zwischen Ausbildung und Beschäftigung. Eingeladen hatten das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und die Bundesagentur für Arbeit. Das IAB beobachtet seit Jahren die Situation auf dem Ausbildungsmarkt. Wie die Lage aktuell aussieht, erläutert der Direktor des IAB, Professor Joachim Möller. Prof. Joachim Möller, Direktor des IAB: Es hat im Jahr 2008 eine deutliche Entspannung gegeben. In den alten Bundesländern noch stärker als in den neuen. Im Osten ging die Entlastung auf dem Ausbildungsmarkt im letzten Jahr vor allem auf die stark gesunkenen Bewerberzahlen zurück. Im Westen hingegen wurden tatsächlich auch mehr Ausbildungsverträge geschlossen, so dass das Angebot an Ausbildungsplätzen definitiv höher war. Die Probleme, die sich stellen beim Übergang in Beschäftigung, dürften sich in der augenblicklichen Lage konjunkturell verschärfen. Das Ausbildungsplatzangebot wird zurückgehen. Ausbildungsabsolventen werden aufgrund der zurückgehenden Arbeitsnachfrage auch seltener übernommen werden. Kommentar: Für junge Menschen, die keinen betrieblichen Ausbildungsplatz finden, gibt es das sogenannte Übergangssystem. Kurzfristige Bildungsangebote sollen ihnen nach dem allgemein bildenden Schulabschluss helfen, in eine qualifizierende Berufsausbildung einzumünden. Prof. Dieter Münk, Technische Universität Darmstadt: Im Grundsatz müsste man mal darüber nachdenken, ob das überhaupt sein kann, dass diese reiche industrielle Gesellschaft in der Dimension Jugendliche - laut Baethge 600.000 jedes Jahr - produziert, die zu wenig intelligent, die zu wenig motiviert sind. Das ist eigentlich nicht möglich. Wenn sie auf den Spielplatz gehen, dann sehen Sie die Unterschiede zunächst mal nicht. Ich glaube, dass dieses Bildungs- und Sozialsystem die Benachteiligten selber produziert und zwar ganz wesentlich durch seine soziale Selektivität, die Sie in Ihren Studien ja auch deutlich nachgewiesen haben. Und dann versuchen wir ungefähr sechs Jahre nachdem das Bildungssystem losgelegt hat, im sogenannten Übergangssystem die Probleme zu kurieren, die das Bildungssystem selber geschaffen hat. Dr. Hans Dietrich, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Man kann feststellen, die soziale Herkunft wirkt wirklich bei allen Entscheidungen im Bildungssystem in Deutschland - generell. Wenn man sich die Bildungstests anschaut in der vierten Klasse, vor dem Übergang, dann ist das Leistungsniveau gebrochen nach sozialer Herkunft noch relativ gering. Das heißt, die Spanne zwischen Oberschicht und Unterschicht - wir haben hier so beschreibende Begriffe verwendet - ist relativ gering. Mit jeder Entscheidung wird diese Kluft größer. 2. Kapitel: Die Rolle des Bildungssystems Kommentar: In Zeiten des demografischen Wandels wird es auf dem Arbeitsmarkt immer weniger junge Menschen geben. Fachkräftemangel droht. Darum braucht man alle Jugendlichen und zwar möglichst gut qualifiziert. Offen bleibt, wo man im Bildungssystem ansetzt, um das zu erreichen. Dr. Melanie Wolters, Bundesagentur für Arbeit: Wenn ich das deutsche Bildungssystem vor Augen habe, habe ich ein Hochhaus vor Augen mit verschiedenen Stockwerken. Und jedes Stockwerk hat einen ganz eigenen Architekten. Das fatale an diesem Hochhaus ist: Es fehlen die Verbindungstreppen. Da sind wieder die Übergänge, über die wir reden. Jetzt wollen Sie mit der Ausdehnung der Bildung nach vorne an das, was für die Statik des Hauses besonders relevant ist: das Fundament. Sie wollen quasi das Bildungssystem nach vorne ausweiten auf Kosten der Erziehung. Ich glaube, wir brauchen an ganz vielen Stellen nicht mehr Bildung, sondern wir brauchen mehr Erziehung. Die Frage ist, ob man mit Lehrplänen gleich an die Kinder ran muss in der ganz frühen Phase oder ob es nicht auch mit erzieherischen Maßnahmen getan ist. Yvonne Kohlmann, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände: Frau Wolters, ich bin da auf Ihrer Seite, dass das Thema Erziehung natürlich eine wichtige Rolle spielen muss. Das wird ja auch nicht ausgeklammert. Das heißt, es soll einfach nur die Bildung stärker dazu kommen. Die Erziehung ist ein genauso wichtiger Aspekt. Wir wissen aber auch, dass die Elternhäuser gerade bei Kindern aus schwierigem Umfeld es nicht mehr schaffen, die Kinder entsprechend vorzubereiten. Nehmen wir nur mal das Thema Sprachförderung. Das muss man eben nicht nur für die Migrantenkinder sehen sondern insgesamt. Detlef Scheele, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Wir brauchen unterschiedliche, sehr individuelle und auch regional unterschiedliche Lösungsansätze. Da ist es zunächst Aufgabe der Länder, in der Schule die jungen Menschen so vorzubereiten, dass sie eine Ausbildung aufnehmen können. Da, glaube ich, wird sich die Schule in einer Weise reformieren und ändern müssen was die Grundhaltung angeht. Denn es kommt nicht nur auf den Abschluss an, sondern auch auf den Übergang. Nicht umsonst stellen wir bei Weiterbildungen, die die BA finanziert, immer die Frage, wie hoch die Integrationsquote ist. Gut wäre es, wenn Eltern ihre Kinder nicht nur auf dem Gymnasium anmelden würden und dabei gucken würden, ob es super ist, sondern wenn wir auch von jeder Hauptschule die Zahlen des Übergangs in ungeförderte Ausbildung wüssten. So wüssten Eltern, dass zum Beispiel die Schule um die Ecke nicht in Frage kommt, weil die das nicht schaffen. Dr. Stephanie Odenwald, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: Wir haben keine Chancengleichheit, sondern eine ganz große Benachteiligung aufgrund der Herkunft. Meines Erachtens kann man das nur ändern, wenn man sagt: Wir schaffen dieses dreiteilige Bildungssystem ab und kommen zu einem Bildungssystem wie in anderen europäischen Ländern auch, was die Kinder in den ersten zehn Jahren zusammenlässt. Raimund Becker, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit: Eigentlich müssten wir schon im Kindergarten anfangen. Arbeitsmarktpolitik beginnt schon im Kindergarten. Wenn Sie das da alles durchdacht haben, gehen Sie noch ein Stück zurück und sagen: Eigentlich müssen wir schon im Elternhaus anfangen. Wo kriegen junge Menschen ihre soziale Orientierung her, die eigentlich wichtig ist, um sich auch sozial vernünftig zu verhalten, um kulturelle Werte zu haben, um auch Motivation zu haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen? Die Diskussionen haben stattgefunden. Wir haben ein paar Themen in der Diskussion als out of area beschrieben. So weit ins Elternhaus und in den Kindergarten gehen wir zur Zeit noch nicht, aber wir gehen in die Endbereiche der Schule hinein. 3. Kapitel: Zauberwort Kooperation Kommentar: Eine präventive Maßnahme der Bundesagentur heißt "vertiefte Berufsorientierung". Nach den ersten Erkenntnissen ist sie ausgesprochen erfolgreich, junge Menschen schon in der achten Klasse auf das Berufsleben intensiv vorzubereiten. Die Bundesagentur für Arbeit fördert die vertiefte Berufsorientierung gemeinsam mit den Ländern. Denn die Schulbildung liegt in der Hoheit der Länder. Zusammenarbeit heißt hier das Zauberwort. Dr. Frank-J. Weise, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit: Die Natur der Probleme, mit denen wir es zu tun haben, ist immer so, dass es keine Kommandogewalt gibt. Man kann nicht sagen: ‚Da müsste man eigentlich wie folgt handeln.' Sondern, die Natur dieser Probleme gibt uns auf, miteinander zu sprechen, miteinander Abstimmungen zu suchen. Nicht im Sinne von Strukturen zu arbeiten, sondern im besten Sinne von Netzwerken. Peter Clever, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände: Ich habe das so lange erlebt, dass wir auf die Länder mit dem Finger gezeigt haben. Die Kultusminister haben gesagt: ‚Aber die Eltern, die erziehen ihre Kinder nicht richtig.' Jeder hat ganz tolle Argumente gehabt, warum er eigentlich seine Aufgabe nicht wahrnehmen kann. Was wir jetzt im Moment erreichen - und da ist die Bundesagentur doch auch über ihren Schatten gesprungen - ist: Lasst uns gemeinsam auf die Probleme gucken. Und dann entwickeln sich aus einer gewollten Kooperation am Ende auch gelebte und besser gelebte Zuständigkeiten. Die Bundesagentur hat eben nicht gesagt, wir gehen nicht in die Schule, sondern ist in die vertiefte Berufsorientierung eingestiegen. 4. Kapitel : Praxisbeispiele Kommentar: Nicht nur auf der großen Bühne des föderalen Systems braucht es mehr Zusammenarbeit. Das Projekt ‚Kooperatives Übergangsmanagement', kurz KÜM, zielt auf eine bessere Netzwerkarbeit vor Ort. 15 Hauptschulen haben sich in der Metropolregion Rhein-Neckar zusammengeschlossen, um ihren Schülerinnen und Schülern den Übergang in die Ausbildung zu erleichtern. Ein Lotse vermittelt zwischen allen Beteiligten. Dr. Dorothee Karl, Metropolregion Rhein-Neckar: Wir haben schon so tolle Entwicklungen nach eineinhalb Jahren. Da ist eine Schülerin, die hatte einen ganz schlechten Notendurchschnitt. Durch die individuelle intensive Betreuung kam heraus, dass die Schülerin gar nichts dafür konnte, weil sie im Elternhaus nicht die Chance bekommen hat, in Ruhe ihre Hausaufgaben zu machen, weil zu viele Geschwister vor Ort waren oder andere Probleme hier massiv eingeschlagen sind. Und durch die Erkenntnis und dadurch, dass der Lotse mit dem gesamten Netzwerksystem, also mit den Berufsberatern, mit den Eltern, mit den Lehrer, Schulleitern, Bildungsträgern, mit den Kammern, alle Akteure, die an der Schulpartnerschaft aktiv beteiligt sind, werden dann Lös ungen konzipiert. In diesem einen Fall konnte dann sehr schön geholfen werden, indem sich ein Ehrenamtlicher mit ihr trifft, die Hausaufgaben betreut und sie das dann in Ruhe im Schulgebäude machen kann. Sie ist jetzt auf einem Notendurchschnitt von 2,0. 5. Kapitel: Migrationshintergrund als Hindernis Kommentar: Erfolg in der Schule ist keine Garantie für einen Ausbildungsplatz. Auch Jugendliche mit recht guten Noten durchlaufen Übergangsmaßnahmen. Wie zum Beispiel die Einstiegsqualifizierung für Jugendliche, kurz EQJ. Andere Ursachen spielen hier eine Rolle. Verena Eberhard, Bundesinstitut für Berufsbildung: Was auch sehr interessant ist, dass der Migrationshintergrund einen negativen - und zwar einen stark negativen - Effekt, auf die Einmündungsquoten hat. Häufig wird er so erklärt, dass Migranten schlechtere Schulabschlüsse haben. Das haben wir in unserem Modell aber kontrolliert. Wir können zeigen, dass Migranten selbst unter Kontrolle der Schulabschlüsse schlechtere Chancen haben. Christiane Voß-Gundlach, Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Insofern ist das wirklich eine Gruppe, die man besonders ins Auge nehmen muss. Das hat die Politik ja auch getan mit dem nationalen Integrationsplan. Bei den Migranten unterscheiden sich sehr stark die einzelnen Gruppen und auch die Schwierigkeiten, die die Betreffenden haben. Deshalb warne ich ein bisschen davor, dass man sagt: Die Migranten. Und dann gibt es spezifische Instrumente. Man muss vielmehr die Instrumente, die wir haben und die ja sehr vielfältig sind, so nutzen, dass wir damit Migranten helfen. Da ist zum Beispiel eine Maßnahme, die wir haben, auch schon die Berufsorientierung. Verena Eberhard, Bundesinstitut für Berufsbildung: Wir gehen ja immer stark von der Defizitorientierung von den Jugendlichen aus. Wir sagen immer, wir müssen die Maßnahme machen, wir müssen Migranten weiterbilden, Sprachkompetenz fördern, dann wird schon alles gut. Wir vergessen eigentlich immer, dass das Angebot immer noch zu gering ist, so dass selbst Hochqualifzierte nicht einmünden können. Frau Voß-Gundlach, kann es nicht sein, dass die hohen Übergangsquoten von Migranten, die ein EQJ absolviert haben, deshalb so hoch sind,weil - sag ich jetzt mal - Diskriminierungsverhalten von Betrieben deshalb umgangen wird, weil sie die Migranten kennenlernen, dass da eher die betrieblichen Ausbildungspraxen eine Rolle spielen und nicht, dass die Migranten schlechter qualifiziert sind? Christiane Voß-Gundlach, Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Kann ich nur bestätigen. Glaube ich, ist so, weil Untersuchungen auch zeigen, dass bei Bewerbungen, allein wenn schon ein Name, der exotisch klingt, auf einer Bewerbung auftaucht, manchen Arbeitgeber davon abhält, überhaupt diese Menschen zu Vorstellungsgesprächen, sei es jetzt für Ausbildung oder auch für Arbeit, einzuladen. Insofern kann ich nur sagen: Ja, aber dazu brauchte es eben eines Instruments, das den Einstieg auch ermöglicht. 6. Kapitel: Das duale System in der Kritik Kommentar: Für Jugendliche deutscher Herkunft erhöht ein guter Schulabschluss die Chancen auf dem Ausbildungsmarkt. Leistungsschwache Absolventen und Schulabbrecher haben hingegen schlechte Karten. Liegt in der Schulleistung der Schlüssel zur Lösung des Problems? Dr. Joachim Gerd Ulrich, Bundesinstitut für Berufsbildung: Wir dürfen nicht den Fehler machen, wenn wir Varianz vorfinden, die Varianz zu personalisieren und dann zu der Schlussfolgerung zu kommen: Aha, wenn man bessere Noten hat, dann findet man ja einen Ausbildungsplatz. Man muss sich den Gesamtrahmen anschauen. Und da kann man nur in Deutschland die Schlussfolgerung ziehen: Wir haben schlichtweg in Deutschland in den letzten Jahren viel zu wenig, viel zu wenig Ausbildungsplätze bereit gestellt. Egal ob außerbetrieblich, betrieblich oder schulisch. Es hat einfach nicht gereicht. Prof. Eckart Severing, Forschungsinstitut Betriebliche Bildung: Ich kann, Herr Ulrich, ihrem Plädoyer folgen, dass wir dem Jugendlichen zum Schaden nicht am Ende noch die Schuld geben und sagen: Gott, Sie waren wohl weitgehend nicht ausbildungsreif, wenn der Markt gegen Sie gesprochen hat. Aber es ist ja nun mal so, dass wir auf der einen Seite einen Fachkräftebedarf der Wirtschaft haben und auf der anderen Seite eine völlig unabhängige Größe des Nachfrageverhaltens der Jugendlichen. Die Koppelung, die wir anstreben aufgrund von betrieblichen Erwägungen im Hinblick auf ihren Fachkräftebedarf, soll ja gerade dazu führen, dass sich das Ausbildungsgeschehen nicht abkoppelt von dem Fachkräftebedarf der Betriebe in drei oder vier oder fünf Jahren. Der Gedanke ist also doch immer, wir haben diese Koppelung und nicht ein staatlich verplantes System in der Ausbildung. Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit: Ist es wirklich so, dass die Wirtschaft nachfrageorientiert ausbildet? Da würde ich ein großes Fragezeichen hinter machen. Denn dann dürfte es keinen Fachkräftemangel geben. Es dürfte auch keine dysfunktionalen Berufswechsel geben etc. etc. Und wir wissen, dass seit mindestens 50 Jahren - um einen Beruf zu nehmen, vor dem ich großen Respekt habe -, dass wir drei Mal so viele Friseure ausbilden als wir brauchen in Deutschland. Zwei von drei sind anschließend berufsfremd beschäftigt. Wenn man bildungspolitisch anfängt zu bohren, kriegt man sehr schnell die Antwort: Wenn es ein Angebot für jeden Jugendlichen gibt, machen wir das duale System kaputt. Denn dann werden die Betriebe nicht mehr ausbilden und dann ist der Staat für alles verantwortlich. Ob diese These zutrifft, wage ich zumindest zu bezweifeln. Dr. Stephanie Odenwald, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: Es ist jetzt an der Zeit, da zu einem Durchbruch zu kommen. Meines Erachtens wäre das auf der einen Seite das Recht auf Ausbildung, der Rechtsanspruch auf Ausbildung, und auf der anderen Seite die Umsetzung. Bei dieser Umsetzung da müssen wir ein Dogma überwinden, ganz dringend in Deutschland. Und zwar, dass der einzig wahre Königsweg die duale Ausbildung ist und daneben keine anderen Götter sein dürfen. Dr. Ulrich Walwei, Vizedirektor des IAB: Man sollte das duale System an der Stelle nicht dogmatisieren. Wir haben in der Tagung ein paar sehr schöne Anregungen mitnehmen dürfen. Wir haben hier gesprochen über das Thema Anrechnung von Vorqualifikationen. Also da auch Verknüpfungen des Schulsystems, des Übergangssystems mit dem dualen System. Ist nicht das, was zum Teil jetzt im dualen System definiert wird, auch eine zu hohe Hürde für manchen Jugendlichen ganz am Beginn der Schule? Darüber muss man meines Erachtens ganz vorurteilsfrei diskutieren. Darum wäre ich schon der Meinung, dass man modularisierte Ausbildungsgänge mindestens erproben und evaluieren muss. Aber ganz wichtig ist, dass sie nicht ins Nirwana laufen. Die müssen aufbaufähig sein. Wir wissen von vielen Jugendlichen, dass es sich da auch um Spätstarter handeln kann. Die dann auch immer noch eine Chance haben müssen, weiterzukommen. Ich möchte auch eine Lanze brechen für Verbundausbildung. Denn nicht jeder Betrieb ist so ohne weiteres in der Lage auszubilden. Wenn sich Betriebe zusammentun, tut sich eine ganze Menge. 7. Kapitel: Projekte vor Ort Kommentar: Die Akteure vor Ort versuchen auf ihre Weise, das Angebot an Ausbildungsplätzen zu erhöhen und Jugendliche nicht an den Schwellen des Arbeitsmarktes scheitern zu lassen. Udo Göttemann, Industrie- und Handelskammer Nürnberg für Mittelfranken : Wir hatten viele Diskussionen mit Unternehmen, die haben gesagt: ‚Wir sehen das ja ein, auch unter der gesellschaftlichen Verantwortung. Wir würden gern mehr machen, aber wir wollen nicht, dass dann Azubis aus der Firma xy auf den Markt kommen als wären sie nicht übernommen worden.' Das ist eine Imagefrage. Geht es dem Unternehmen nicht gut? Das sind solche Hindernisse, die für Unternehmen doch mit beitragen. Da muss man dann nach Wegen suchen, dass man dann den Willen und die Kompetenz die da vorhanden sind, in andere Wege einspeist, wie zum Beispiel in Verbundausbildung oder in Ausbildungsringe, wo das dann neutraler gestaltet werden kann. Wir zum Beispiel, die IHK Nürnberg für Mittelfranken, haben beispielsweise eine starke Politik betrieben, über Bedarf auszubilden. Mit der logischen Konsequenz, dass nicht alle Azubis übernommen werden können. Wir haben deshalb mit Personaldienstleistungsunternehmen und der Bundesagentur ein Projekt gestartet, dass heißt A plus Ü, Ausbildung und Übernahme, wo wir gerade dieser Zielgruppe, die dann nicht übernommen wird, Angebote machen, um diese Phase zu verkürzen und sie erfolgreich in Beschäftigung zu führen. Kommentar: Andere Betriebe bilden aus, um den eigenen Fachkräftenachwuchs zu sichern. Das Ausbildungsprogramm bei Airbus Bremen ist in den letzten Jahren sehr stark gewachsen. Klaus Ahlborn, Betriebsrat bei Airbus Deutschland GmbH : Und was eine große Rolle spielt, in den letzten zehn Jahren, dass die Fachbereiche wesentlich besser in die Ausbildung eingebunden sind. Früher war das so, die haben ihre Ausbildung gemacht, sind dann in die Fachbereiche gekommen, die haben dann gesagt: ‚Ja, jetzt geht die Ausbildung ja erst richtig los. Bevor die dann hier richtig arbeiten können, das dauert ja noch mindestens ein Jahr.' Das hat sich ein bisschen gegeben. Mittlerweile ist das so: Die laufen wirklich durch die Fachbereiche, sind da integriert, arbeiten da wirklich mit. Und die Fachbereiche merken: ‚Aha, die Ausbildung funktioniert. Wir haben auch Einfluss darauf, dadurch, dass wir in den Fachbereichen mit ausbilden. Über unsere Ausbildungsbeauftragten.' Das spielt eine große Rolle, dass alle an einem Strang ziehen. Dass nicht Ausbildung so separat läuft, nach dem Motto: Da ist eine Ausbildungswerkstatt, da sind die Auszubildenden, lass die da mal rummuckeln und wenn die dann irgendwann kommen, dann sehen wir schon, dass wir sie hinbiegen, wie wir sie dann brauchen. Kommentar: Im Fokus außerbetrieblicher Ausbildungsprogramme für Benachteiligte standen früher die fachlichen Anforderungen für das jeweilige Berufsfeld. Das ist heute anders. Petra Densborn, Christliches Jugenddorfwerk Deutschlands e.V. : Es geht wirklich von der Berufsvorbereitung über die Berufsausbildung dann auch in die Integration von Arbeit. Gute außerbetriebliche und überbetriebliche Ausbildung ist ja erst abgeschlossen, wenn die erfolgreiche Vermittlung in Arbeit gelungen ist. Da hat doch ein Paradigmenwechsel stattgefunden, dass der Ausbilder sich auch versteht, der in den Arbeitsmarkt mit vermittelt und seine Kontakte zu den Innungen und Kammerverbänden etc. nutzt. Als positives Beispiel kann ich von einer jungen Frau berichten, die mittlerweile 23 Jahre ist. Sie hatte eine Ausbildung begonnen und musste diese Ausbildung abbrechen wegen Schwangerschaft. Auch ansonsten war sie dieser Ausbildung nicht gewachsen. Diese junge Frau konnten wir dann in eine überbetriebliche Teilzeitausbildung übernehmen. Diese überbetriebliche Teilzeitausbildung hat sie jetzt beendet und hat tatsächlich auch den besten Kammerabschluss geschafft. Es wurde ein spezielles Setting geschafft, damit sie die junge Mutterschaft auch tatsächlich mit der Ausbildung kombinieren konnte. Diese Möglichkeit hätte sie am ersten Ausbildungsmarkt nie gehabt. Auch weil sie in einer strukturschwachen Region wohnt. So mussten wir erst mal daran arbeiten, dass sie überhaupt zum Ausbildungsplatz kommt. Die öffentlichen Verkehrsmittel haben das erstmal nicht hergegeben. Auch die Kinderbetreuung musste erst organisiert werden. Hemmnisse, die sie von alleine nicht hätte bewältigen können und nur in diesem Setting entsprechend bearbeitet werden konnten, so dass die junge Frau den Ausbildungserfolg schaffen konnte. 8. Kapitel: Offene Fragen Kommentar: Die Erkenntnisse der Bildungsforschung sind eine wichtige Grundlage für Politik und Praxis. Christian Rauch, Bundesagentur für Arbeit: Da haben wir natürlich aufgrund der langen Wirkungsketten durchaus noch eine Menge Fragen als Praktiker, die man im Moment alle mit gutem Menschenverstand aus dem Bauch heraus und mit Überzeugung beantwortet. Wo aber, glaube ich, für die Wissenschaft noch eine Menge Forschungsfelder oder wie es draußen an der Wand steht, eine Menge Probleme, zu finden sind, die Antworten brauchen. Kommentar: Es gibt noch viele Wissenslücken. Nicht zuletzt, weil solide Daten über längere Zeiträume fehlen. Ein großes Projekt des Bundesbildungsministeriums, an dem auch das IAB beteiligt ist, will dem entgegenwirken. Es zielt darauf, die Bildungsverläufe vom Kindergarten bis zur Rente nachzuzeichnen. In einigen Jahren werden erste Ergebnisse vorliegen.