Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

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Wie viel Ungleichheit verträgt das Land?  

Das war das Thema der Nürnberger Gespräche, die am 9. Juni 2008 im Historischen Rathaussaal der Stadt Nürnberg stattfanden. Gesprächsgäste waren Heinz Bude, Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel, Prof. Dr. Gustav Horn, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung in Düsseldorf, Wolfgang Wiegard, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Regensburg und Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und der IAB-Direktor Prof. Joachim Möller.

„Kennen Sie einen Armen?“

Noch vor ungefähr fünfzehn Jahren konnte ein BDI-Präsident - der damals Hans-Olaf Henkel hieß und für seine Lust an der Provokation bekannt war - in Talkshows diese Frage stellen, ohne eine Antwort zu bekommen. Elisabeth Niejahr, Journalistin der ZEIT und Moderatorin der Veranstaltung, wollte von den Diskutanten erfahren, was genau sich seither im Land geändert habe: Die Fakten, die Stimmung, die Erwartungen?

„Es droht eine Spaltung der Gesellschaft.“

Nürnberger Gespräche am 9. Juni 2008: Prof. Gustav Horn und Prof. Joachim Möller Gustav Horn, Joachim Möller (v.l.n.r.)

Mehrheitlich war man sich einig: Durch wachsende Einkommensunterschiede in Deutschland drohe eine Spaltung der Gesellschaft. „Die Armut ist da. Schauen Sie sich doch nur einmal am Nürnberger Hauptbahnhof um. Da sehen Sie viele Leute, die Mülleimer nach Verwertbarem durchsuchen - das gab es in diesem Ausmaß bislang nicht“, konstatierte IAB-Direktor Joachim Möller und sah darin einen sichtbaren Beleg für die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Die Lohnungleichheit sei heute deutlich höher als in der Vergangenheit: Gering Qualifizierte stünden in Deutschland inzwischen schlechter da als in den USA, lange als Niedriglohnland Nummer eins kritisiert. Dort, so Möller, gebe es immerhin einen Mindestlohn. Möller pflichtete auch seinem Kollegen Horn bei, der feststellte, dass die real verfügbaren Durchschnittseinkommen erstmals in einem Aufschwung gesunken, nicht gestiegen seien.

Entkopplung von Einkommen und Leistung

Nürnberger Gespräche am 9. Juni 2008: Prof. Wolfgang Wiegard Wolfgang Wiegard

Den Einwand des Wirtschaftsweisen Wiegard, dass Niedriglöhne eben dort bezahlt würden, wo die Produktivität der Arbeit zu gering sei, parierte Möller mit der These, dass sich Einkommen und Leistung zunehmend entkoppelten. Die Höhe des Lohnes habe gerade bei Spitzeneinkommen nicht unbedingt mit Leistung zu tun. Er verwies auf ein Beispiel des amerikanischen Ökonomen Paul Krugman: Der bestbezahlte Manager eines Hedgefonds in den USA habe in einem Jahr mehr verdient als alle 80.000 Lehrerinnen und Lehrer des Bundesstaats New York zusammen in drei Jahren.

Weniger Arbeitslose, weniger Arme?

Wiegard hingegen warnte vor allzu viel Pessimismus. Die Langzeitarbeitslosigkeit sei im Aufschwung deutlich zurückgegangen. Auch seien für das Ausmaß an Ungleichheit nicht die Bruttolöhne, sondern die Nettolöhne maßgebend, denn diese schlössen auch die Verteilungswirkungen des Steuer- und Sozialsystems ein. Zudem, so Wiegard, stammte die Zahlen des aktuellen Armutsberichts aus dem Jahr 2005: „Da hatten wir noch keinen Aufschwung.“ Der nächste Bericht, so gab sich Wiegard überzeugt, werde einen Rückgang der Armut ausweisen. „Wenn die Arbeitslosigkeit zurückgeht, sinkt auch die Armut“ - laut Wiegard ein Beleg für die Wirksamkeit der Schröder’schen Reformen. Damit provozierte er Widerspruch. Horn beharrte auf seiner Position, dass trotz des Aufschwungs die Zahl der Menschen, die von ihrer Arbeit nicht leben könnten, gestiegen sei.

Zurück zur Klassengesellschaft?

Nürnberger Gespräche am 9. Juni 2008: Prof. Heinz Bude Heinz Bude

Auch warnte Horn vor Spaltungstendenzen, die sich aus der Erosion des Tarifgefüges ergäben: Kleine Berufsgruppen wie Piloten und Lokführer versuchten, sich durch Druck Vorteile gegenüber Schwächeren zu verschaffen. Ein Befund, den auch Bude zu bestätigen wusste: Als regelmäßiger ICE-Gast beobachte er häufig, dass die bei der Bahn fest Angestellten die weit niedriger entlohnten Hilfskräfte etwa aus dem Reinigungsbereich oft gar nicht mehr grüssten - Szenen aus dem Mikrokosmos einer „Arbeitswelt mit gravierenden Spaltungen“, so Bude. In seinem Buch „Die Ausgeschlossenen“ schildere er Menschen, die nicht unbedingt arm seien, die aber spürten, dass es auf sie nicht mehr ankommt. Budes Fazit: Das Problem sei nicht so sehr die Ungleichheit, sondern die soziale Entmischung. Die Milieus blieben unter sich - „oben bleibt oben, unten unten, und die Mitte bröckelt“. Dies, so Bude, zeige sich auch auf den Heiratsmärkten: „Vor 30 Jahren heiratete der Chefarzt gerne die Krankenschwester, heute heiratet er die Kollegin“.

Verlorener Gründungsmythos

Bude sprach vom „verlorenen Optimismus, es doch in diese Mitte zu schaffen“. Ein Befund, der auch durch die Ergebnisse einer Befragung von Hartz-IV-Empfängern gestützt wurde, die der IAB-Forscher Dr. Markus Promberger während der Veranstaltung präsentierte: Die Mehrheit der Hartz-IV-Empfänger leide unter Abstiegsängsten und Statusverlust, so Prombergers ernüchterndes Fazit.

Budes Einschätzung wird in der Tendenz auch durch einen aktuellen IAB-Kurzbericht zur Niedriglohnbeschäftigung gestützt, dessen Kernaussagen der Ökonom Prof. Claus Schnabel von der Universität Erlangen-Nürnberg einem interessierten Publikum vorstellte: Bei den Männern schaffe rund jeder fünfte innerhalb von sechs Jahren den Sprung über die Niedriglohnschwelle, bei den Frauen nur jede zehnte.(Vortragsfolie)




Laut Bude schwinde die Zuversicht, dass sich Leistung lohne und den Aufstieg ermögliche. Ähnlich äußerte sich auch Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly in seinem Schlusswort und sprach vom „verlorenen Gründungsmythos“ der Bundesrepublik: „Jeder kann es schaffen, jeder wird mitgenommen“ - seit den Arbeitsmarktreformen von Rot-Grün gelte dies nicht mehr.  

Maly kritisierte, dass die „Agenda 2010“ nicht eingebunden worden sei in ein Gesamtkonzept. Immerhin, so Maly, sei Deutschland nun „mittendrin, endlich mal wieder eine Debatte darüber zu führen, welchen Staat wir eigentlich wollen“. Es gehe um die Essenz der sozialen Marktwirtschaft, um die „Gleichheit der Chancen“, die nicht mehr gegeben sei.

Arbeit und Fairness

Einen anderen Aspekt der Gerechtigkeitsdiskussion beleuchtete die IAB-Forscherin Dr. Gesine Stephan in ihrem Wortbeitrag. Meldungen zu Entlassungen und Lohnkürzungen sind an der Tagesordnung. Kaum erforscht sei jedoch, wie die Allgemeinheit darauf reagiert. Stephan stellte die repräsentativen empirischen Befunde der Studie "Arbeit und Fairness" vor, die diese Lücke schließen sollen. Die Befragungsdaten zeigten, dass Entlassungen und Einkommenskürzungen das Engagement der Beschäftigten für ihre Firma tendenziell schmälern und die Bereitschaft zur Kündigung erhöhen (siehe hierzu IAB-Kurzbericht Nr. 1/2006 und Vortragsfolie). 

Das Bildungssystem muss durchlässiger werden!

Weitgehend einig waren sich die Diskutanten darin, dass mehr Geld für Bildung bereitgestellt werden müsse und dass es eines durchlässigeren Schulsystems bedürfe, um auch Kindern aus unteren Einkommenschichten bessere Bildungschancen zu eröffnen. Ansonsten herrschte unter den Teilnehmern ein deutlicher Dissens über die probaten Rezepte. So forderte Horn eine Stärkung der Gewerkschaften, die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns, eine Besteuerung hoher Vermögen und eine Erhöhung der Erbschaftssteuer. Letzteres, so Horn, sei auch deswegen sachgerecht, weil es dabei um leistungsloses Einkommen gehe. Demgegenüber kritisierte Wiegard, dass es bei den gegenwärtig diskutierten Maßnahmen nur noch darum gehe, Wohltaten zu verteilen. Da aber nur das verteilt werden könne, was erwirtschaft wurde, müsse es vor allem darum gehen, das bislang Erreichte nicht zu verspielen - für Wiegard willkommener Anlass, den sozial- und steuerpolitischen Populismus anzuprangern, den Parteien jedweder politischer Couleur derzeit an den Tag legten.

Fotos: © IAB/Jutta Palm-Nowak

 

 

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