Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

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Nürnberger Gespräche: „20 Jahre Mauerfall - wo bleiben die blühenden Landschaften?“

Nürnberger Gespräche im Historischen Rathaussaal der Stadt Nürnberg

 

Dr. Ulrich Walwei /IAB Dr. Ulrich Walwei /IAB

Es gibt sie schon, die blühenden Landschaften im Osten, aber es wird sie - genau wie im Westen - niemals flächendeckend geben. Auf diesen Nenner könnte man die Einschätzungen der drei hochkarätigen ökonomischen Experten bringen, die am zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls im gut gefüllten Historischen Rathaussaal der Stadt Nürnberg eine Art Zwischenbilanz zum Aufbau Ost zogen.

IAB-Vizedirektor Dr. Ulrich Walwei zeichnete in seinem Eingangsreferat ein durchwachsenes Bild: Das reale Pro-Kopf-Einkommen in Ostdeutschland ist während der letzten 20 Jahre deutlich gestiegen, liegt aber immer noch nur bei gut 70 Prozent des Westniveaus. Auch bei Produktivität und Lohnniveau besteht noch erheblicher Aufholbedarf. Der Niedriglohnsektor, so Walwei, sei wesentlich größer, die Arbeitslosigkeit mehr als doppelt so hoch und zudem deutlich verfestigter als im Westen. Immerhin: Der Osten hat vom letzten Aufschwung deutlich profitiert. Erstmals seit der Wiedervereinigung haben die neuen Länder zwischen 2006 und 2008 einen Zuwachs der Erwerbstätigkeit zu verzeichnen. Auch sind sie aufgrund ihrer geringeren Exportabhängigkeit weniger von der aktuellen Wirtschaftskrise betroffen als etwa Bayern und Baden-Württemberg, was sich freilich - so die einhellige Meinung der Experten - schnell wieder als Nachteil entpuppen kann, wenn die Weltkonjunktur wieder anspringe. 

Bert Rürup: „Die schnelle Währungsunion war alternativlos“

Prof. Dr. Udo Ludwig / Institut für Wirtschaftsforschung HalleProf. Udo Ludwig /Institut für Wirtschafts-
forschung Halle

Auch bei der Frage des Moderators Sergej Lochthofen, Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen, ob die Politik zu viel versprochen habe und der marode Zustand der DDR-Wirtschaft unterschätzt worden sei, waren sich die geladenen Ökonomen einig. Es sei eine grobe Fehleinschätzung gewesen, dass sich die Kosten der Einheit aus den Zuwächsen der westdeutschen Wirtschaftskraft hätten finanzieren lassen. „Alle haben seinerzeit die Augen verschlossen“, befand Professor Gert Wagner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Professor Udo Ludwig vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle erinnerte daran, dass die Tarifpartner im Jahr 1991 vereinbart hätten, die Ostlöhne bis 1994 auf Westniveau anzuheben - mit der Folge, dass die Tariflandschaft im Osten partiell zusammengebrochen sei. Rein ökonomisch betrachtet sei auch die Währungsunion ein Fehler gewesen. Professor Bert Rürup, ehemals Chef des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, machte aber auch deutlich: Realpolitisch gab es zur Währungsunion keine Alternative, da ansonsten ein Massenexodus gen Westen unvermeidlich gewesen wäre.

Prof. Gert G. Wagner /Deutsches Institut für WirtschaftsforschungProf. Gert G. Wagner / Deutsches Institut
für Wirtschaftsforschung

Keinen Zweifel ließen die Experten daran, dass angesichts der völlig maroden Infrastruktur in der DDR erhebliche Investitionen in deren Wiederaufbau unvermeidbar waren. Wagner wies darauf hin, dass der Rückstand Ostdeutschlands ohne die Hilfen des Westens noch wesentlich größer wäre. Ludwig betonte, dass auch die Sozialtransfers zur Stabilisierung der Nachfrage in Ostdeutschland beitragen. Rürup monierte, dass die Ostförderung zu stark auf eine Subventionierung kapitalintensiver Investitionen ausgerichtet war. In Verbindung mit überhöhten Lohnabschlüssen hätte dies zum drastischen Anstieg der Arbeitslosigkeit Anfang der 90er beigetragen. Allerdings habe hier auch die traditionell sehr hohe Erwerbsbeteiligung der ostdeutschen Frauen eine wichtige Rolle gespielt. Mit Nachdruck sprach sich Rürup dagegen aus, nur auf die Kosten der Wiedervereinigung zu schielen: „Die deutsche Einheit war ein Geschenk, für das wir dankbar sein sollten!“ Das Publikum applaudierte.

Zu wenig Unternehmen im Osten

Prof. Joachim Möller /IAB-DirektorProf. Joachim Möller /IAB

Ein Kernproblem der ostdeutschen Wirtschaft sehen die drei Ökonomen in der zu schmalen unternehmerischen Basis. Während Rürup darauf abhob, dass in den neuen Ländern der „Humus des Mittelstandes“ fehle, wies Ludwig darauf hin, dass es in Ostdeutschland praktisch keine Konzernzentralen gebe. Es sei allerdings verfehlt, nur „den Osten“ und „den Westen“ miteinander zu vergleichen. Denn die wirtschaftliche Leistungskraft sei sowohl im Westen als auch im Osten zunehmend heterogen. Dass dies auch für die Lebensverhältnisse gilt, machte Professor Joachim Möller, Direktor des IAB, in seinem Impulsreferat deutlich. Besonders eklatant seien die regionalen Diskrepanzen beim Anteil der Hochschulabgänger.  Deren Anteil liegt beispielsweise in der Universitätsstadt Erlangen bei 25 Prozent, in etlichen strukturschwachen Regionen West- und Ostdeutschlands jedoch nur bei einem Zehntel dieses Werts. Möller zufolge deutet zudem einiges auf einen „Matthäus-Effekt“ hin, der dem im Grundgesetz verankerten Ziel „gleichwertiger Lebensverhältnisse“ zuwiderlaufe: Boomende Ballungszentren erhielten weiter Zulauf von Hochqualifizierten, die aus Regionen mit geringer Wirtschaftskraft abwanderten. Eine gesamtdeutsche Ausgleichspolitik, so Möller, wird uns daher weiterhin begleiten.

Junge, gut ausgebildete Frauen wandern ab

IAB-Forscher Johann Fuchs illustrierte in seinem Impulsreferat die demographiebedingten Probleme Ostdeutschlands anhand zweier Vergleichszahlen: Während 1989 noch 199.000 Kinder in Ostdeutschland geboren wurden, waren es 1994 nur noch 79.000. Dies mag erklären, warum heute ostdeutsche Firmen erstmals seit 20 Jahren Lehrlinge suchten, wie Moderator Sergej Lochthofen zu berichten wusste. Verschärft wird das Problem fehlender Nachwuchskräfte im Osten durch die Wegzüge potenzieller Mütter und Väter, nach wie vor 50.000 pro Jahr. Und es sind vor allem Hochqualifizierte und junge Frauen, die es in den Westen zieht. Fatale Konsequenz: In manchen ostdeutschen Landstrichen hat sich ein erheblicher Überschuss an jungen, gering qualifizierten Männern aufgebaut, deren berufliche und private Perspektivlosigkeit sich zunehmend als sozialer Sprengsatz erweist. Allein bis zum Jahr 2025, so Fuchs, wird die Zahl der erwerbsfähigen Personen im Osten gegenüber 2008 um ein Fünftel, etwa zwei Millionen Personen, schrumpfen. Der dramatische Bevölkerungsrückgang in Ostdeutschland wird laut Rürup auch erhebliche Kosten nach sich ziehen, da die öffentliche Infrastruktur, etwa die Kanalisation, dementsprechend teuer um- und rückgebaut werden müsse.

Ist es also ausgemachte Sache, dass einigen Ostregionen nichts anderes bleibt, als zu „Erholungsparks und Spaßbädern“ zu werden, wie Lochthofen provozierend fragte? Es gibt einige Lichtblicke. Jede Region, so Ludwig, müsse sich auf ihre Stärken, beispielsweise im Tourismus, besinnen. Rürup verwies auf die besser ausgestatteten und geringer ausgelasteten ostdeutschen Hochschulen und empfahl jungen Leuten, dort zu studieren - im Dunstkreis dieser Hochschulen könnten dann neue Firmen entstehen, und damit jener Mittelstand, der im Osten noch zu schwach entwickelt ist. 

Dr. Ulrich Maly / Oberbürgermeister der Stadt NürnbergDr. Ulrich Maly / Oberbürgermeister der
Stadt Nürnberg

Ulrich Maly: „Es war Liebe“

Den fulminanten Schlusspunkt zur munteren Diskussion, befeuert durch zahlreiche Fragen und engagierte Wortbeiträge aus dem Auditorium, setzte - fast schon traditionell - Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly. Den „Ex-Post-Besserwissern“ hielt er entgegen: „Die Politik hat sich das Recht auf Irrtum genommen“. Mit Nachdruck sprach sich Maly dagegen aus, sich vom Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse zu verabschieden. Dieses Ziel müsse weiterhin der Maßstab unseres Handelns bleiben. Auch denjenigen, welche die Einheit allein unter Kosten- und Renditegesichtspunkten betrachteten, erteilte der OB eine Absage. Lakonisch stellte er fest: „Es war Liebe“.
 
Die Nürnberger Gespräche werden vom IAB, der Bundesagentur für Arbeit und der Stadt Nürnberg zweimal jährlich ausgerichtet. Sie stehen allen Interessierten offen.

 

Nürnberger Gespräche 2/2009: Imbiss im Rathaus der Stadt Nürnberg


 

 

 

 

 

 

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