Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

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Nürnberger Gespräche: „Migranten am Arbeitsmarkt — Problem oder Potenzial?“

 


Die Zahlen sind ernüchternd: Menschen mit Migrationshintergrund sind mit einer Quote von knapp 17 Prozent doppelt so häufig von Arbeitslosigkeit betroffen wie die übrige Bevölkerung, ihr Anteil an den Hartz-IV-Beziehern liegt mit 28 Prozent um neun Prozentpunkte höher als ihr Bevölkerungsanteil. Zudem sind sie überdurchschnittlich häufig im Niedriglohnbereich tätig. Dabei ist Deutschland – gerade angesichts seiner alternden Bevölkerung – auf das Potenzial seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger ausländischer Herkunft dringend angewiesen. Bei den Nürnberger Gesprächen am 10. Mai 2010 diskutierten Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis, wie sich dieses Potenzial heben lässt.

„Integration ist kein Nullsummenspiel“

IAB-Direktor Prof. Joachim MöllerIAB-Direktor Prof. Joachim Möller

In seinem Einführungsreferat wies IAB-Direktor Prof. Joachim Möller auf die zunehmende Bedeutung dieser Bevölkerungsgruppe hin: Mittlerweile ist fast jeder fünfte Einwohner in Deutschland ein Zuwanderer oder hat mindestens einen zugewanderten Elternteil – in der Industrieregion Mittelfranken sogar jeder vierte. Deren Integration in den Arbeitsmarkt sei kein Nullsummenspiel, so Möller. Denn für die Migranten selbst ist sie ein wichtiges Moment gesellschaftlicher Teilhabe, die Gesellschaft als Ganzes profitiert durch die Entlastung der öffentlichen Haushalte. Integration dürfe jedoch keinesfalls mit Assimilation gleichgesetzt werden. Vielmehr sei gerade kulturelle Vielfalt ein Wert an sich, der durchaus ökonomischen Nutzen stifte.

In der Diskussion wurde schnell deutlich, dass die Problemlagen ebenso vielfältig sind wie die Gruppe der Migranten selbst. „Gibt es überhaupt den typischen Migranten am Arbeitsmarkt?“ fragte Moderatorin Gunilla Fincke. Denn bei allen Problemen, die Migranten am deutschen Arbeitsmarkt haben, gebe es auch viele hochqualifizierte Zuwanderer, so die Geschäftsführerin des Sachverständigenrates für Integration und Migration in Berlin. Hans-Joachim Fuchtel, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, pflichtete Fincke bei: Die Gruppe der Migranten sei in der Tat äußerst vielfältig, wobei die Kenntnis der deutschen Sprache der Schlüssel zur erfolgreichen Arbeitsmarktintegration von Migranten sei. Die Bemühungen der Bundesregierung konzentrierten sich darauf, dass Menschen mit Migrationshintergrund möglichst schon im Kindergartenalter die deutsche Sprache erlernen. Zu den Deutschkenntnissen von Migranten äußerte sich auch IAB-Forscher Firat Yaman in einem Impulsreferat: Diese hätten sich in den letzten Jahren leicht aber stetig verbessert. Allerdings hängt die Wahrscheinlichkeit, gut Deutsch zu lernen, sehr stark von der regionalen ethnischen Konzentration der jeweiligen Migrantengruppe ab. So erlernt ein türkischer Migrant in Trier die deutsche Sprache mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent. In Duisburg mit einem sehr hohen Anteil an türkischstämmigen Migranten liegt die Wahrscheinlichkeit lediglich bei zehn Prozent.   


Ausländische Bildungsabschlüsse vielfach nicht anerkannt

Dr. Mitra Sharifi-Neystanak, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte in Bayern, wies auf die strukturellen Barrieren hin, denen sich Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland gegenüber sehen. Ein Kernproblem sei die fehlende Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse: „Wenn Juristinnen als Putzfrauen arbeiten, ist das für das Land Ressourcenverschwendung und für die Betroffenen eine persönliche Katastrophe. Wir haben zugesehen, wie gut qualifizierte Menschen keine Chance bekommen.“ Staatssekretär Fuchtel versprach Abhilfe. Ab dem Jahr 2011 sollen alle Zuwanderer nach einem Beschluss des Bundestages einen gesetzlichen Anspruch auf ein Anerkennungsverfahren für im Ausland erworbene berufliche Qualifikationen und Bildungsabschlüsse haben – ein Anspruch, den bislang nur EU-Bürger und Spätaussiedler geltend machen können.

Allerdings geht aus wissenschaftlichen Erhebungen hervor, dass Bewerber mit ausländischen, vor allem türkisch klingenden Namen, selbst bei formal gleichen Qualifikationen geringere Chancen auf eine Stelle haben als Bewerber mit deutschen Namen. Auf diese Form ethnischer Diskriminierung wies Dr. Carola Burkert, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Leiterin der Arbeitsgruppe „Migration und Integration“ am IAB, hin. Der Unterschied verschwinde aber wieder, wenn Bewerber mit fremdländischen Namen entsprechende Referenzschreiben vorlegen könnten.

„Wir brauchen eine radikale Reform des Schulsystems“

Die größte Hürde für Migranten, so Burkert, bestünde beim Zugang zum Ausbildungssystem. Dies habe mit ethnisch abgegrenzten Netzwerken zu tun, sei aber auch die Folge einer über Jahrzehnte vernachlässigten Integrationspolitik. 

Als Hemmschuh für die Integration von Migranten erweist sich auch das deutsche Schulsystem, ist es doch vielfach eher auf schärfere Auslese denn auf gezielte Förderung ausgerichtet. Sharifi-Neystanak forderte daher eine radikale Reform des deutschen Schulwesens – mit mehr Ganztagsschulen und längerem gemeinsamem Lernen ebenso wie mit der gezielten Förderung der Zweisprachigkeit. Diese müsse gerade auch von Seiten der Wirtschaft als Chance im internationalen Wettbewerb begriffen werden. Es sei ein Desaster, wenn 10 Prozent der Kinder die Schule ohne Abschluss verließen – eine Problematik, die keineswegs nur Kinder aus Migrantenfamilien betreffe. Unzureichende Bildungspartizipation, so Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly in seinem Schlusswort, sei primär eine Schichtenfrage, keine Zuwanderungsfrage.

„Darf ich noch Schweinefleisch essen, wenn ich eine muslimische Angestellte habe?“ 

Erschwert wird die Arbeitsmarktintegration von Migranten aber nicht nur durch strukturelle Barrieren,  sondern auch durch kulturelle Hürden. Von einem besonders drastischen Beispiel wusste Rainer Aliochin, Geschäftsführer des Ausbildungsrings ausländischer Unternehmer in Nürnberg, zu berichten. Ein Unternehmer habe ihn einmal gefragt: „Darf ich noch Schweinefleisch essen, wenn ich eine muslimische Anngestellte habe?“

Diskutiert wurde auch der Beitrag der Arbeitsmarktpolitik zur besseren Integration von Migranten. Dr. Peter Kupka, wissenschaftlicher Mitarbeiter im IAB, wies in seinem Impulsreferat darauf hin, dass ALG-II-Bezieher im Mittel weniger Fördermaßnahmen erhalten, wenn sie einen Migrationshintergrund aufweisen – obschon aus IAB-Studien hervorgeht, dass bestimmte Maßnahmen etwa bei Frauen mit Migrationshintergrund besonders hohe Integrationserfolge zeitigen. Andererseits existieren zahlreiche staatliche Programme und Initiativen, die auf eine bessere Arbeitsmarktintegration von Migranten abzielen. Beispielhaft stellte Friedrich Scheerer, Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit, das Modellprojekt GINCO („Ganzheitliches Integrationscoaching“) vor, mit dem die Arbeitsmarktintegration von ausbildungsplatzsuchenden Jugendlichen mit Migrationshintergrund verbessert werden soll. Generell komme es bei solchen Initiativen darauf an, wichtige Multiplikatoren frühzeitig einzubinden. So werde etwa die gezielte Ansprache von türkischstämmigen Mitbürgerinnen und Mitbürgern durch die Zusammenarbeit mit türkischen Generalkonsulaten und Vereinen wesentlich erleichtert. Gleichwohl gilt es auch hier, alle Maßnahmen auf ihre Wirksamkeit hin zu überprüfen. Staatssekretär Fuchtel wies darauf hin, dass gerade Jugendliche mit Migrationshintergrund häufig „Maßnahmekarrieren“ durchlaufen, ohne ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt nennenswert zu verbessern. Die verfügbaren Instrumente müssten daher straffer und effizienter gestaltet werden.


„Die multikulturelle Gesellschaft ist Realität“

In seinem Schlusswort stellte Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly fest, dass Deutschland erst in den letzten Jahren damit begonnen habe, einen vernünftigen Diskurs über Zuwanderung zu führen, auch wenn dieser sehr stark von Nützlichkeitserwägungen geprägt sei. Die multikulturelle Gesellschaft sei jedenfalls kein Kampfbegriff, sondern empirische Realität. Die Unterschiede im Integrationserfolg verschiedener Gruppen von Migranten, etwa zwischen Griechen und Türken, führte Maly auf den jeweiligen Bildungshintergrund zurück. Hingegen seien gute Sprachkenntnisse für sich genommen noch keine Gewähr für erfolgreiche Integration. Er erinnerte daran, dass die jugendlichen Migranten, die in den Pariser Vorstädten Autos anzündeten, in aller Regel sehr gut Französisch sprächen.

Die Nürnberger Gespräche werden vom IAB, der Bundesagentur für Arbeit und der Stadt Nürnberg zweimal im Jahr veranstaltet. Sie stehen allen Interessierten offen (Kontakt: Martin.Schludi@iab.de).

Zuhörer bei den Nürnberger Gesprächen 1/2010Fotos: © IAB/Jutta Palm-Nowak

 

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