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Nürnberger Gespräche 2013: "Trotz Arbeit arm im Alter?"


Aktuellen Umfragen zufolge sieht sich jeder dritte Arbeitnehmer von Altersarmut bedroht. Berechtigte Furcht oder German Angst? Ist die Rente noch sicher, wie einst von Bundesarbeitsminister Norbert Blüm behauptet? Sind die prekär Beschäftigten von heute die Armutsrentner von morgen? Rutschen künftig gar Durchschnittsverdiener in die Grundsicherung im Alter? Soll die Rente mit 67 – von vielen als verkappte Rentenkürzung gescholten – wieder ad acta gelegt werden? Brauchen wir eine Reform der Riesterrente? Was bringt die von der Bundesregierung vorgeschlagene Lebensleistungsrente? Und welche Reformen brauchen wir am Arbeitsmarkt, um spätere Altersarmut zu vermeiden? Um diese und weitere Fragen ging es am 29. April 2013 bei den Nürnberger Gesprächen. Dass die Veranstalter mit diesem Thema einen Nerv trafen, zeigte sich auch daran, dass sich diesmal mehr als 300 Besucherinnen und Besucher im Historischen Rathaussaal der Stadt Nürnberg einfanden.

Mascher: Die meisten Erwerbsminderungsrenten liegen unter dem Niveau der Grundsicherung.

Ulrike Mascher will nicht mit Schreckensszenarien aufwarten. „Manche Rentner führen derzeit sicherlich ein ganz behagliches Leben“, so die Präsidentin des Sozialverbandes VdK Deutschland. Dennoch warnt Mascher, einst Staatssekretärin unter SPD-Arbeitsminister Walter Riester: „Wir haben in diesem reichen Land schon jetzt zu viele arme Menschen. Wenn wir nicht endlich etwas dagegen tun, werden immer mehr Menschen in die Armut abrutschen“. Schon heute seien viele Rentnerinnen eigentlich auf Hartz IV angewiesen, schämten sich aber, zum Amt zu gehen. Viele halten sich mit Minijobs über Wasser oder holen sich ihre Lebensmittel von der Tafel, so Mascher. Sie nennt das konkrete Beispiel einer Rentnerin, die sich am Monatsende keine Äpfel mehr kaufen könne, weil sie das Geld für ein Medikament aus der Apotheke brauche. Für besonders kritisch hält Mascher die Situation bei den Erwerbsminderungsrenten, die im Durchschnitt schon heute unter dem Niveau der Grundsicherung liegen. Hochproblematisch sei auch die Entwicklung bei den ostdeutschen Frauen, die in den nächsten Jahren in Rente gehen. Denn die Höhe der Zugangsrenten für ostdeutsche Frauen sei bereits – anders als im Westen – seit zwei bis drei Jahren deutlich rückläufig.

Börsch-Supan: Die Angst vor Altersarmut ist größer als das reale Problem.

Auch Professor Axel Börsch-Supan sieht mit Blick auf die Rentenentwicklung wachsende regionale Disparitäten. Insbesondere bei den Jüngeren braue sich etwas zusammen. Börsch-Supan, Direktor des „Munich Center for the Economics of Aging“ am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München, zeigt sich gleichwohl überzeugt: “Die Angst vor Altersarmut ist schlimmer als das reale Problem“. Dass sie einmal die Größenordnung von 35 oder 38 Prozent erreicht, wie von manchen befürchtet, hält er für sehr unwahrscheinlich. „Allerdings“, so der Volkswirt weiter, „wären zehn Prozent auch schon zu viel“.

Für den Soziologen Markus Promberger, der am IAB den Forschungsbereich „Erwerbslosigkeit und Teilhabe“ leitet, sind es vor allem zwei Entwicklungen, die in der Kombination zu verstärkter Altersarmut führen: Einerseits die in der Vergangenheit stark gewachsene Zahl an Geringverdienern und atypisch Beschäftigten, andererseits die deutliche prozentuale Absenkung des Rentenniveaus. „Die gesellschaftliche Spaltung“, so Promberger, „zieht sich heute bis ins Alter“. Die Unterschiede im Einkommen und damit auch in der Rente seien heute größer als noch vor einigen Jahren. Die Spaltung verlaufe keineswegs zwischen Jung und Alt. Laut Promberger wächst vielmehr die Kluft zwischen Menschen mit unterschiedlichen Bildungsniveaus – insbesondere bei den Jüngeren.

Müntefering: „Gute Arbeit, guter Lohn, gute Rente!“

Dass die Ursachen von Altersarmut ganz wesentlich auf dem Arbeitsmarkt liegen – und in erster Linie dort behoben werden müssen, sahen alle Diskutanten ähnlich. Das galt auch für das prominenteste Mitglied auf dem Podium: Franz Müntefering. Der ehemalige Arbeitsminister warnte vor der Illusion, dass sich mit prekären, schlecht bezahlten Teilzeitjobs eine auskömmliche Rente erwirtschaften lasse. Seine Devise: „Gute Arbeit, guter Lohn, gute Rente!“. Müntefering forderte daher, dass auch einfache Tätigkeiten und klassische Frauenberufe wie Altenpflege und Kinderbetreuung stärker wertgeschätzt und besser bezahlt werden müssen. „Wenn dort mehr Männer beschäftigt wären“, ist er sich sicher, „wären auch die Löhne höher“. Börsch-Supan gab jedoch zu bedenken, dass in erster Linie der Staat selbst dafür verantwortlich sei, wie gut etwa Erzieherinnen bezahlt würden.

Energisch sprach sich Müntefering dafür aus, endlich einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn einzuführen. Dafür, bedauerte der SPD-Politiker, habe es in der Vergangenheit leider keine politischen Mehrheiten gegeben. Börsch-Supan hingegen sieht bei einem allgemeinverbindlichen Mindestlohn die Gefahr, dass dieser zu hoch angesetzt wird und damit Arbeitsplätze in bestimmten Branchen vernichtet. Als Beispiel nannte er die jüngst beschlossene Einführung eines Mindestlohns von 8,50 Euro im Friseurgewerbe. Mindestlöhne, zeigte er sich überzeugt, böten keinen Schutz vor Altersarmut. Der Schlüssel zur Bekämpfung von Einkommensarmut – und damit auch späterer Altersarmut – liegt für den Wirtschaftsprofessor vielmehr in verbesserter Qualifikation. Die Grundlagen dafür würden schon bei der frühkindlichen Bildung und Erziehung gelegt.

Promberger: Beschäftigte über 40 sitzen häufig in der „Spezialisierungsfalle“

Erwartungsgemäß kam auch diese Diskussionsrunde, moderiert von der ZEIT-Journalistin Elisabeth Niejahr, nicht ohne den vielbeschworenen Dachdecker aus. Börsch-Supan äußerte Verständnis dafür, dass dieser mit 62 nicht mehr auf der Leiter stehen möchte – nicht jedoch für dessen Arbeitgeber, der sich keine Gedanken darüber macht, was dieser Mitarbeiter stattdessen tun könnte. Weiterbildung und Umschulung, so das einhellige Votum der Runde, müssten daher in den Betrieben ein wesentlich stärkeres Gewicht erhalten als bisher. IAB-Forscher Promberger wusste zu berichten, dass Beschäftigte über 40 häufig in der „Spezialisierungsfalle“ sitzen: Oftmals seien die im Laufe des Erwerbslebens erworbenen Fähigkeiten sehr stark auf die Anforderungen des jeweiligen Arbeitgebers ausgerichtet und außerhalb des Betriebs nur bedingt verwertbar. Daher gelte es bereits für jüngere Arbeitnehmer, rechtzeitig in die Verbreiterung ihrer Qualifikationen zu investieren. Müntefering sprach sich dafür aus, die Arbeitslosenversicherung zu einer Beschäfigungsversicherung weiterzuentwickeln. Daraus, so Müntefering, könnten zum Beispiel Umschulungen gefördert werden, die bestimmten Gruppen von Beschäftigten einen Berufswechsel ermöglichen.


Börsch-Supan: „Kein Chef mehr, über den man lästern kann“

An der von ihm aus der Taufe gehobenen „Rente mit 67“ wollte Müntefering indes nicht rütteln – und verwies auf die demografische Entwicklung, die eine längere Lebensarbeitszeit unausweichlich mache. „Ohne Anstrengung“, darauf legt der ehemalige SPD-Chef wert, „geht es nicht!“. Dass eine längere Lebensarbeitszeit auch realistisch ist, beweist laut Müntefering auch die Entwicklung der vergangenen Jahre: Waren 1998 noch 36% der über 55jährigen berufstätig, so sind es heute schon 62%. Schützenhilfe erhielt er von Börsch-Supan. Dieser wies darauf hin, dass die Menschen, die künftig mit 67 in Rente gehen, zwar zwei Jahre länger arbeiten müssten, aber im Durchschnitt dennoch ein Jahr länger Rente beziehen würden als die heutigen Rentner. Zudem sind die Älteren, wie die Studien von Börsch-Supan zeigen, keineswegs weniger leistungsfähig als Jüngere. Und: Ein Drittel derjenigen, die in Rente gegangen sind, bereuen ihre Entscheidung, ein weiteres Drittel ist zumindest indifferent. Eine Erklärung dafür hatte der Wissenschaftler ebenfalls parat: „Man hat keinen Chef mehr, über den man sich ärgern kann, und keine Mitarbeiter mehr, über die man lästern kann“ – ein launiger Hinweis darauf, dass die Sozialkontakte oft rapide abnehmen, sobald sich Menschen in den Ruhestand verabschieden.

VdK-Chefin Mascher bemängelte die Budgetierung bei Rehabilitationen und Berufsförderungswerken. Dies führe dazu, dass viele Menschen mit körperlich anspruchsvollen Berufen ohne Alternative in die Erwerbsminderungsrente rutschen. Mit Blick auf die aktuell in der Bundesregierung diskutierten Maßnahmen zur Bekämpfung der akuten Altersarmut fällt Maschers Votum zwiespältig aus: Die von der CSU vorgeschlagene Höherbewertung von Kindererziehungszeiten für vor 1992 geborene Kinder könne durchaus ein Schritt zu mehr Rentengerechtigkeit sein. Als „untauglich“ wertete sie hingegen die von Bundesarbeitsministerin von der Leyen vorgeschlagene Lebensleistungsrente – denn deren Voraussetzungen seien so hoch, dass nur sehr wenige Menschen davon profitieren würden.

Promberger regte an, prekäre und schlecht bezahlte Jobs mit höheren Arbeitgeberabgaben zu belegen. Dies, so Promberger, entspricht dem Verursacherprinzip: „Die Arbeitgeber profitieren von flexiblen Jobs. Sie schaffen damit aber ein größeres soziales Risiko für die Betroffenen, deren Versorgungslücken im Alter dann häufig der Staat schließen muss“.

Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Ulrich MalyNürnbergs Oberbürgermeister
Dr. Ulrich Maly

Maly: „Die eine Lösung wird es nicht geben.“

In seinem – fast schon traditionellen – Schlusswort bekundete Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly Sympathien für Prombergers Vorschlag. Zugleich regte er an, den Steueranteil in der Gesetzlichen Rentenversicherung zu erhöhen, um die Lasten der demografischen Alterung nicht allein den Beitragszahlern aufzubürden. Als – O-Ton Maly: „bekennender Nicht-Rentenexperte“ – warnte er dennoch vor scheinbaren Patentrezepten: „Die eine Lösung wird es nicht geben“. Mit Blick auf die gesellschaftliche Akzeptanz für notwendige Reformen äußerte das Stadtoberhaupt die Erwartung, dass sich über die Flexibilisierung des Rentensystems eher Konsens herstellen lassen dürfte als über Fragen der Finanzierung. Auch die mäßige Bezahlung von Erzieherinnen sparte Maly nicht aus. Hier verwies Maly nicht nur auf die Finanznöte der Kommunen, sondern auch auf die Tatsache, dass Erzieherinnen als Absolventinnen einer dualen Ausbildung gelten – mit der entsprechenden tariflichen Eingruppierung. Dies zu ändern sei aber nicht Sache der Tarifpartner, sondern der Kultusministerkonferenz – dem „Hort des Fortschritts in Deutschland“, wie Maly mit beißender Ironie hinzufügte.

Die Nürnberger Gespräche werden von der Bundesagentur für Arbeit, unter Federführung des IAB, und der Stadt Nürnberg zweimal jährlich ausgerichtet. Sie stehen allen Interessierten offen.

(Kontakt: martin.schludi@iab.de)

Publikationen zum Thema „Altersarmut“:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotos: © IAB/Jutta Palm-Nowak

 

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