Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

Navigation zu den wichtigsten Bereichen.

Hauptnavigation.


Inhaltsbereich: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

Nürnberger Gespräche: „Gehen Deutschland die Fachkräfte aus?“


„Deutsche Unternehmen suchen händeringend nach Fachkräften“ — so oder ähnlich lauten die Schlagzeilen, die derzeit durch die Gazetten geistern. Die deutsche Wirtschaft sieht unseren künftigen Wohlstand durch einen sich verschärfenden Mangel an Ingenieuren, IT-Fachkräften und Pflegepersonal massiv gefährdet: Berechtige Klage oder wohlfeiler Phantomschmerz, um sich dem Anpassungsdruck bei Löhnen und Arbeitsbedingungen entziehen zu können? Und: Mit welchen Mitteln lassen sich etwaige Fachkräfteengpässe beheben? Um diese und weitere Fragen ging es am 22. Oktober 2012 im Historischen Rathausaal der Stadt Nürnberg, in den sich rund 250 Besucherinnen und Besucher einfanden – und damit das große öffentliche Interesse am Thema Fachkräftemangel demonstrierten.

Von Vopelius: „Heilung durch Schmerzen“

Dirk von Vopelius / Präsident der IHK MittelfrankenDirk von Vopelius / Präsident der
IHK Mittelfranken

„Beim Fußball habe ich derzeit schon den Eindruck!“ scherzte Dirk von Vopelius auf die Frage von Moderatorin Claudia Bender, ob Deutschland die Fachkräfte ausgingen. Tatsächlich wollte von Vopelius, mittelständischer Unternehmer und ehrenamtlicher Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittelfranken, dem düsteren Szenario denn doch nicht uneingeschränkt beipflichten. Auch die Gefahr, dass Unternehmen wegen Fachkräftemangels ins Ausland abwandern sieht er nicht. Gleichwohl: Die bequemen Zeiten für die Unternehmen seien definitiv vorbei. „Kümmert Euch frühzeitig um den eigenen Nachwuchs! Denkt in längeren Zyklen! Werdet flexibler!“ redete er seinen Unternehmerkollegen ins Gewissen – und prophezeite ihnen „Heilung durch Schmerzen“: Der demografische Wandel werde die Unternehmen unweigerlich zwingen, sich dem „war for talents“ zu stellen – und ihr Image als attraktiver Arbeitgeber besser zu pflegen. Dass es die regionale IHK aber nicht bei bloßen Apellen belässt, sondern selbst aktiv wird, belegte Vopelius mit Verweis auf deren insgesamt 47 Einzelaktivitäten umfassendes Bildungsprogramm (nähere Infos unter www.ihk-nuernberg.de).

Ein flächendeckender Fachkräftemangel, darüber waren sich die Diskutanten im Prinzip einig, ist derzeit nicht in Sicht. Allerdings gebe es regionale Engpässe in bestimmten Branchen. Dass dennoch fast drei Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos sind, erklärte Christian Rauch, Geschäftsführer des Bereichs „Markt und Integration/Arbeitslosenversicherung“ der Bundesagentur für Arbeit – und dort für das Thema Fachkräftesicherung verantwortlich – mit dem von Ökonomen als solchem bezeichneten Phänomen des „Mismatch“, also der fehlenden Passgenauigkeit zwischen der Qualifikation der Arbeitslosen und dem Anforderungsprofil offener Stellen.

Karl Brenke, wissenschaftlicher Referent beim Vorstand des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), wusste zu berichten, dass Unternehmen schon Mitte der 1980er über einen Mangel an Fachkräften klagten. Seinen Untersuchungen zufolge seien dies aber vor allem Firmen gewesen, die niedrige Löhne zahlten. Unternehmen, die Fachkräfte suchen, müssten daher höhere Löhne zahlen. Brenke warnte vor einer Billiglohnstrategie. Er kritisierte, dass Hochqualifizierte aus dem Ausland hierzulande zu Facharbeiterlöhnen eingestellt würden. Von Vopelius bezweifelte indes, dass etwa die Fachkräftelücke in der IT-Branche über eine bessere Bezahlung geschlossen werden kann. Dort würden schon jetzt Spitzengehälter gezahlt. Und die Zahl der IT-Fachkräfte werde auch nicht dadurch höher, dass die Unternehmen verstärkt um diese konkurrieren.

Brenke hält Ingenieursschwemme für möglich

Karl Brenke / DIW, Berlin Karl Brenke / DIW, Berlin

Unterschiedlich bewertet wurde auch der von Seiten der Wirtschaft vielfach beklagte Ingenieurmangel. So kritisierte Brenke die etwa vom Verband Deutscher Ingenieure genannte Zahl von 100.000 Ingenieuren, die schon heute in Deutschland fehlen würden. Brenke verwies darauf, dass nur ein Teil der arbeitsuchenden Ingenieure über die Arbeitsagenturen vermittelt wird und die Zahl der Abgänger aus den einschlägigen Studienfächern die Zahl der in den Ruhestand tretenden Ingenieure mittlerweile um das Doppelte übersteigt. Angesichts dieser Entwicklung mag Brenke selbst eine Ingenieursschwemme nicht ausschließen. BA-Geschäftsführer Rauch indes gab zu bedenken, dass sich die Besetzungsdauer von Ingenieursstellen deutlich verlängert hat und einzelne regionale Engpässe eindeutig erkennbar sind. Viele Beschäftigte mit Ingenieursdiplom arbeiteten gar nicht mehr in ihrem erlernten Beruf. Zudem, so Rauch, ist der künftige Bedarf kaum prognostizierbar.

Weber: „Engpässe sind am ehesten im Gesundheitswesen zu befürchten“.

Professor Enzo Weber, der im IAB den Forschungsbereich „Prognosen und Strukturanalysen“ leitet und zugleich einen Lehrstuhl für Empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Regensburg innehat, wagte die Prognose, dass künftig weniger die Hochqualifizierten sondern eher Menschen mit mittlerer Qualifikation knapp werden. Stärker noch als im Ingenieursbereich seien in der Zukunft Engpässe im Gesundheitswesen zu befürchten, das allein schon aufgrund der demografischen Alterung erheblich an Bedeutung gewinnen wird. So zeigen sich speziell im Pflegebereich schon heute gravierende Engpässe, was keineswegs allein der mäßigen Bezahlung geschuldet ist. Auch die Arbeitsbedingungen und das Image dieser Berufe gilt es zu verbessern. „Statt Fußballstars zu verehren, sollten wir Menschen in diesen Berufen höhere Wertschätzung entgegenbringen“, so von Vopelius, der auch die Frage aufwarf, „wie wir als Kunden etwa mit Menschen in der Gastronomie oder im Reinigungsgewerbe umgehen“.

Konkrete Berufsempfehlungen führen in die Irre

Was also kann man jungen Menschen raten, die sich für ein Studium oder eine Ausbildung entscheiden müssen? Konkrete Berufsempfehlungen – da war sich die Runde einig – sind der falsche Weg. Der Rat von Enzo Weber lautet: „Tu das, was Du möchtest! Tu dass was Du kannst!“. Um allerdings der Gefahr entgegenzuwirken, dass in einzelnen Berufen über Bedarf ausgebildet wird, weil viele junge Menschen in „Modeberufe“ wie Friseurin oder KfZ-Mechaniker streben, rieten die anwesenden Experten den Firmen, verstärkt in die Schulen zu gehen und dort für ihre Ausbildungsgänge – über die viele Schüler kaum etwas wissen – zu werben. Auch das Problem der aktuell 70.000 Jugendlichen ohne Schulabschluss – für Vopelius ein Skandal – nahm die Runde ins Visier. Rauch forderte, das Übergangssystem zwischen Schule und Beruf zu verbessern, von Vopelius ermunterte die Betriebe, auch mal einen lernschwachen Azubi einzustellen und die anderen anzuhalten, diesen „unter ihre Fittiche“ zu nehmen. Die bisherigen Erfahrungen mit diesem Modell sind laut von Vopelius positiv.


Rauch: Gespaltener Arbeitsmarkt für Ältere

Ein weiteres Potenzial zur Fachkräftesicherung bilden die Älteren. Tatsächlich ist hier in den letzten Jahren viel geschehen – nicht zuletzt im internationalen Vergleich. Brenke zeigte sich überzeugt, dass die Unternehmen den Jugendkult früherer Jahre mittlerweile über Bord geworfen haben. So steigt der Anteil Älterer, die noch in Beschäftigung sind, seit geraumer Zeit deutlich. BA-Geschäftsführer Rauch verwies auf die ausgeprägte Spaltung des Arbeitsmarktes für Ältere: hier die bereits in Beschäftigung befindlichen Älteren, die zunehmend länger im Arbeitsmarkt bleiben, dort die älteren Arbeitslosen – viele davon geringqualifiziert – die sich weiterhin sehr schwer tun, wieder in Lohn und Brot zu kommen. Dem Klischee, Ältere seien weniger produktiv als Jüngere, mochte keiner der Diskutanten beipflichten. Stattdessen ermunterte Enzo Weber die Unternehmen, die Stärken der Älteren zu nutzen und etwaige Schwächen gezielt auszugleichen. Rauch wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Unternehmen im Zuge des demografischen Wandels noch stärker als bisher darauf achten müssen, das im Betrieb vorhandene Wissen an die Jüngeren weiterzugeben. Den Älteren komme hier eine wichtige Mittlerfunktion zu – ein Prozess, der auch von der BA unterstützt werde.

Migration ist nach Ansicht von Weber der stärkste Hebel, den Deutschland der demografischen Entwicklung entgegenzusetzen hat. Tatsächlich ist die Zahl der Zuwanderer aus den krisengebeutelten Staaten Südeuropas jüngst gestiegen. Eine Massenbewegung aus diesen Ländern indes ist nicht nach Einschätzung von Rauch auch künftig nicht zu erwarten. Die deutsche Sprache erweist sich hier ebenso als Hindernis wie die schwierige Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse, die den im deutschen System der dualen Berufsausbildung zu erwerbenden Abschlüssen vielfach nicht entsprechen. Noch entscheidender ist aber nach Einschätzung von IHK-Präsident von Vopelius etwas anderes: „Das Zauberwort heißt ‚Willkommenskultur‘“ befand er – und mahnte mehr Weltoffenheit und Toleranz an.

Keineswegs zu vernachlässigen sind aber auch die Wanderungsbewegungen von Deutschland ins Ausland, wie ein Zuhörer anmerkte. Brenke verwies darauf, dass beispielsweise viele Ärzte in die Schweiz oder nach Skandinavien abwandern, weil sie dort höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen vorfinden. Insbesondere Schweden und Großbritannien, so Brenke, betrieben auf diesem Feld eine aktive Abwanderungspolitik.

Möller: Zunehmende Fachkräfteengpässe könnten die Stunde der aktiven Arbeitsmarktpolitik einläuten.

Prof. Joachim Möller / IAB-DirektorProf. Joachim Möller /
IAB-Direktor

„Das Erwerbspersonenpotenzial hat heute mit rund 45 Millionen Köpfen seinen Zenit erreicht, der demografische Wandel ist somit noch gar nicht eingetreten“, befand IAB-Direktor Joachim Möller in seinem Schlusswort. Dies, so Möller, wird sich bis zum Jahr 2050 radikal ändern. Unter der hypothetischen Annahme, dass sich nichts ändert, schrumpft das Arbeitsangebot bis dahin auf 30 Millionen Personen – einen ähnlich starken prozentualen Rückgang habe es zuletzt während der Großen Pest gegeben. Problematisch ist laut Möller aber nicht ein niedrigeres Erwerbspersonenpotenzial per se, sondern die Übergangszeit zwischen den beiden Zuständen. „Wir werden nicht jede Art von Produktion in Deutschland halten könnten“, so Möller, weil die „kritische Masse“, die in vielen Fällen zur Erhaltung von Produktionsstandorten erforderlich sei, nicht mehr erreicht werde. Es müssten daher alle Register gezogen werden, um den demografisch bedingten Rückgang der Erwerbsbevölkerung zumindest zu dämpfen.

Dennoch vermochte Möller der Entwicklung durchaus positive Seiten abzugewinnen. Der Arbeitsmarkt werde sich in weiten Teilen zu einem Arbeitnehmermarkt wandeln, höhere Lohnsteigerungen als in der Vergangenheit seien wahrscheinlich. Auch hier zog Möller den Vergleich zur Großen Pest: „Damals führte die Lage zu einer Verdopplung der Löhne bei den Landarbeitern“. Zudem sieht der Direktor des IAB in den sich verschärfenden Engpässen am Arbeitsmarkt auch eine große Chance, die Problemgruppen stärker zu mobilisieren – dies, so Möller, sei die Stunde der aktiven Arbeitsmarktpolitik.

Die Nürnberger Gespräche werden von der Bundesagentur für Arbeit, unter Federführung des IAB, und der Stadt Nürnberg zweimal jährlich ausgerichtet. Sie stehen allen Interessierten offen.  (Kontakt: martin.schludi@iab.de)


Fotos: © IAB/Jutta Palm-Nowak

 


 

 

 

 

 

Infobereich.

Abspann.