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Zu viele Studenten, zu wenig Facharbeiter? Droht uns die Überakademisierung? (04.05.2015)


Die Zahl der Studienanfänger hat sich in den letzten 15 Jahren nahezu verdoppelt, Tendenz weiterhin steigend. Wie ist diese Entwicklung zu bewerten? Haben wir bald ein Überangebot an Akademikern, aber zu wenige Facharbeiter? Wracken wir gerade das duale Ausbildungssystem ab, um das uns so viele Länder beneiden? Und inwieweit sollte der Staat hier regulierend eingreifen? Um diese Fragen ging es bei den Nürnberger Gesprächen, die diesmal vom WDR-Journalisten Frank Christian Starke moderiert wurden. Dass die Veranstalter mit diesem Thema einen Nerv getroffen hatten, zeigte sich auch daran, dass im Historischen Rathaussaal, der über 400 Gästen Platz bietet, trotz schönen Frühlingswetters kaum noch ein freier Stuhl zu finden war.

Das Dilemma, vor dem wir stehen, machte schon eingangs IAB-Vizedirektor Dr. Ulrich Walwei deutlich. Deutschland brauche künftig durchaus noch mehr Akademiker. Zugleich machten aber aktuelle Analysen des IAB deutlich, dass langfristig gerade im mittleren Qualifikationssegment die stärksten Fachkräfteengpässe drohten (lesen Sie hierzu auch den IAB-Kurzbericht 9/2015 mit Qualifikations- und Berufsfeldprojektionen bis 2030). 


Nida-Rümelin: „Viele Eltern sind von einer regelrechten Bildungspanik ergriffen“

Auf die Frage, ob Deutschland unter einer Überakademisierung leidet, gab der Münchner Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin, Autor einer bekannten Streitschrift wider den „Akademisierungwahn“, eine zunächst durchaus überraschende Antwort: „Wir haben in Deutschland zu wenig Akademiker. Es könnten sogar noch mehr werden“, meinte der ehemalige SPD-Kulturstaatsminister unter Gerhard Schröder. Der Anteil der Hochschulabgänger unter den 25- bis 64-Jährigen liege derzeit bei 16 Prozent und könne nach seinem Dafürhalten durchaus auf 25 bis 30 Prozent steigen. Wenn sich die Entwicklung jedoch ungebremst fortsetzen sollte, sieht Nida-Rümelin das duale Ausbildungssystem in höchster Gefahr. Problematisch sei insbesondere, dass Ausbildungsberufe gegenüber akademischen Berufen eine weitaus geringere gesellschaftliche Wertschätzung genössen. „Ich sehe nicht ein“, empörte er sich, „warum ein Hochschuldozent das dreifache Gehalt einer Erzieherin bekommt“, und wies den Verdacht, dass es ihm letztlich um eine elitäre Abschließung geht, weit von sich. Der von ihm diagnostizierte „Akademisierungswahn“ speise sich auch aus der „Bildungspanik“ vieler Eltern, die Angst vor dem Abstieg ihrer Kinder hätten.

Von Meyer: Studium und duale Ausbildung nicht gegeneinander ausspielen

Demgegenüber sieht Heino von Meyer in steigenden Studentenzahlen keine Gefahr für das duale Ausbildungssystem. Der Leiter des Berlin Centre der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hält die Debatte um eine Überakademisierung für einen „Schaukampf, bei dem Studium und duale Ausbildung gegeneinander ausgespielt werden“. Er betonte denn auch, dass die OECD keine Quoten oder Zielmarken für den Akademikeranteil ausgebe. Vielmehr trete die OECD insgesamt für bessere Bildungschancen und mehr Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Ausbildung ein. Er verweist darauf, dass Deutschland in der Vergangenheit über allen OECD-Ländern den geringsten Zuwachs an hochqualifizierten "Meistern und Mastern" zu verzeichnen hatte, während zugleich viele Jugendliche in Schule, Ausbildung und Studium ohne Abschluss blieben.

Rauner: „Die Attraktivität der beruflichen Ausbildung nimmt kontinuierlich ab.“

Felix Rauner hingegen, der an der Universität Bremen eine Forschungsgruppe „Berufsbildungsforschung“ leitet, beklagte, dass die Attraktivität der dualen Ausbildung kontinuierlich abnimmt. Der Professor, der früher selbst als Elektroinstallateur gearbeitet hat, pries das „Prinzip der Meisterschaft“. Deutsche Handwerksmeister müssten so unterschiedliche Kriterien wie Funktionalität und Gebrauchswert, aber auch Umwelt- und Arbeitsschutz verstehen und abwägen, wenn sie sich mit ihrem Betrieb am Markt behaupten wollen. Dass Deutschland nach 1990 – im Gegensatz etwa zu Frankreich oder England – keine flächendeckende Deindustrialisierung zu beklagen hatte, ist für Rauner auch das Verdienst des dualen Ausbildungssystems. Das Erfolgsrezept der deutschen Industrie sei es gewesen, dem sich verschärfenden internationalen Qualitätswettbewerb mit einem Abbau von Hierarchieebenen im Management und einer Stärkung der wertschöpfungsnahen Facharbeiterschaft sowie mit leistungsfähigen F+E-Abteilungen zu begegnen. Rauner lobte zudem das Schweizer Modell, wo die duale Berufsausbildung den gleichen Wert habe wie ein Hochschulstudium und auch die Durchlässigkeit zwischen beiden Bereichen besser funktioniere. Noch stärker als in Deutschland stütze sich die Innovationskraft der Schweizer Wirtschaft auf FH-Absolventen, Meister und Facharbeiter. 


Anders als Nida-Rümelin und Rauner hält Irene Seling von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände die Debatte um den vermeintlichen Akademisierungswahn für falsch. „Der Bedarf an Akademikern steigt“, zeigte sich die stellvertretende Leiterin der Abteilung Bildung/Berufliche Bildung überzeugt – und fügte der mit Daten und Zahlen reichlich gespickten Diskussion mindestens zwei weitere hinzu. Detailliert erläuterte sie, warum die Angaben zur Zahl der Studienanfänger, die in den Medien kursieren, aus ihrer Sicht überhöht und irreführend sind und daher bereinigt werden müssten. Am Ende taxierte sie die Zahl derjenigen, die sich pro Jahr für ein Studium entscheiden, auf 400.000 und die Zahl derjenigen, die eine berufliche Ausbildung beginnen, auf 710.000. 

Dissens entzündete sich an der Höhe der sogenannten Bildungsprämie. Berechnungen, denen zufolge ein Akademiker im Laufe seines Lebens eine Million Euro mehr verdient als ein Nichtakademiker, hält Nida-Rümelin für „völlig schief“. Nur bei Informatikern und Ingenieuren gebe es einen massiven Gehaltsüberschuss. Absolventen sozial- und geisteswissenschaftlicher Studiengänge hingegen verdienten zum Teil sogar deutlich weniger als nicht akademische Fachkräfte (vgl. hierzu den IAB-Kurzbericht 1/2014 „Bildung lohnt sich ein Leben lang“). Zudem entstehe durch die Überakademisierung ein Druck nach unten – etwa dergestalt, dass Architekten mangels besserer Alternativen den Beruf eines technischen Zeichners ausüben.    

Seling: Zweijährige Ausbildungsgänge als Einstiegsoption für leistungsschwächere Jugendliche

Einigkeit auf dem Podium bestand hingegen darin, dass mehr für den „unteren Rand“ getan werden müsse. So monierte Seling, dass von den 20- bis 29-jährigen 1,3 Millionen keinen Berufsabschluss hätten. Gerade schwächere Jugendliche müssten stärker gefördert werden, denn noch immer befänden sich viel zu viele im sogenannten Übergangssystem. Anders als Nida-Rümelin machte Seling dafür jedoch nicht die unzureichende Ausbildungsbereitschaft der deutschen Wirtschaft verantwortlich. Stattdessen möchte sie den Ausbau zweijähriger Ausbildungsgänge forcieren, um leistungsschwächeren Jugendlichen den Einstieg in eine Ausbildung zu erleichtern. Leider, so klagte sie, zeigten die Gewerkschaften hier nur wenig Entgegenkommen.

Ulrich Maly über den Adria-Dialog

Auch diesmal überzeugte Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly mit einem gleichermaßen launigen wie geistreichen Schlusswort. Die von ihm angemahnte „Durchlässigkeit zwischen akademischer und beruflicher Bildung auf gleicher Augenhöhe“ erfordert aus Malys Sicht auch einen Mentalitätswechsel. Dass ein solcher nottut, illustriert er am Beispiel des „Adria-Dialogs“, den deutsche Urlauber alljährlich an den Gestaden des Mittelmeers oder anderswo führten – nach dem Motto: „Wie heißt Du? Woher kommst Du? Was machst Du beruflich?“. Spätestens bei der dritten Antwort beginnt laut Maly die Kategorisierung in den Köpfen. Und es folge die Gleichung: Studium = hohes Einkommen = hohes Ansehen, Ausbildung = geringes Einkommen = geringes Ansehen. In Anlehnung an den bekannten Slogan eines namhaften deutschen Automobilherstellers ist man geneigt zu sagen: Umparken beginnt im Kopf!        

Die Nürnberger Gespräche werden von der Bundesagentur für Arbeit, unter Federführung des IAB, und der Stadt Nürnberg zweimal jährlich ausgerichtet. Sie stehen allen Interessierten offen (Kontakt: Martin Schludi).

Weiterführende Literatur zum Thema finden Sie auf der IAB-Infoplattform.



Fotos: © IAB/Jutta Palm-Nowak

 

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