Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

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Deutschland und die Flüchtlinge - wie können wir's schaffen? (09.05.2016)


Kaum ein Ausspruch wurde im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise öfter wiederholt als der Leitspruch „Wir schaffen das!“ der Bundeskanzlerin. Neben der humanitären Verpflichtung, Menschen aufzunehmen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, wird es in Zukunft vor allem um deren erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt gehen. Gelingt diese Herkulesaufgabe, kann Deutschland erheblich profitieren. Was ist also zu tun? Braucht es neue arbeitsmarktpolitische Instrumente? Wie sinnvoll ist die Residenzpflicht? Und soll der Mindestlohn für Flüchtlinge ausgesetzt werden? Diesen und weiteren Fragen gingen Experten aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Arbeitsverwaltung im Rahmen der Nürnberger Gespräche am 9.Mai 2016 nach. Durch die Veranstaltung führte diesmal Gerhard Schröder, Moderator des Deutschlandradios.

IAB-Direktor Joachim Möller ist sich sicher: „Wir können das schaffen, Deutschland ist ein starkes Land mit gut funktionierenden Institutionen“. Es habe schon viel gewaltigere Herausforderungen gemeistert – etwa die deutsche Wiedervereinigung. Möller betonte in seinem Eingangsstatement aber auch, dass die Integrationsaufgabe gewaltig sei. Neben der gesellschaftlichen Integration gehe es insbesondere um die Arbeitsmarktintegration der Geflüchteten. Probleme stellen dabei vor allem Sprache und Qualifikation dar, aber auch die Anerkennung von Berufsabschlüssen aus den Heimatländern. Für eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt sieht Joachim Möller neben den Spracherwerb auch eine schnelle Umsetzung der Arbeitsaufnahme als ausschlaggebend, denn „nichts demotiviert so sehr wie Untätigkeit“.


Maly: „Gelungene Integration ist, wenn der Nachbarschaftsstreit über die offene Mülltonne ausgetragen wird, ohne ihn ethnisch zu beladen.“

Bei vielen kulturellen Unterschieden könne man nicht davon ausgehen, dass das Zusammenleben immer harmonisch abläuft. Laut Dr. Ulrich Maly, Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg, gehe es in erster Linie darum, Normalität in den gegenseitigen Umgang zu bringen und Konflikte weder religiös, noch ethnisch oder national aufzuladen: „Gelungene Integration ist, wenn der Nachbarschaftsstreit über die offene Mülltonne ausgetragen wird, ohne ihn ethnisch zu beladen.“ Es sei wichtig, Konflikte richtig zu bewältigen und aus Fehlern früherer Integrationsbemühungen zu lernen. Die im Integrationsgesetz vorgesehenen 1-Euro Jobs für Flüchtlinge hält Maly für eine gute Möglichkeit, um Menschen in Arbeit zu bringen und dadurch Konflikte zu vermeiden. Der größte Feind der Menschen sei die Langeweile.

Zugleich beklagte er, dass sich das Integrationsgesetz nur an Einreisende richtet, nicht aber an die Einheimischen. Ihm gehe es darum, vor allem auf kommunaler Ebene mehr Geld für Wohnungsbau und KiTa-Plätze zu investieren, um so soziale Konkurrenz zu vermeiden. Daher fordert der Nürnberger Oberbürgermeister mehr Geld vom Bund.  Ansonsten, so Maly, wird die Untätigkeit der Kommunen zu einer „Einladung für die Pegidas dieser Welt“.

Scheele: „Arbeit ist der Schlüssel zur Integration“

Detlef Scheele, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, sieht in einer Arbeitsstelle die beste Möglichkeit, sich in Deutschland zu integrieren. Dabei spiele Anerkennung eine wichtige Rolle, denn viele Einheimische in Deutschland seien der Vorstellung verhaftet, dass Geflüchtete nicht arbeiten wollen – obwohl sie oftmals gar nicht arbeiten dürften. Bezogen auf die Vermittlungsfähigkeit von Flüchtlingen sieht Scheele im Spracherwerb und gleichzeitiger Berufsbildung den besten Ansatz. Eine längere berufsbegleitende Qualifikation sei am sinnvollsten, um die Konkurrenz zwischen einheimischen und zugewanderten Ungelernten zu minimieren. Dabei betonte er, dass 70 Prozent der Flüchtlinge unter 35 Jahre alt seien – sich also die Investition in eine längere Qualifizierung durchaus lohne.

Dirk von Vopelius, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittelfranken, machte deutlich, dass auch Unternehmen sich angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels aktiv engagieren sollten, um Geflüchteten den Eintritt in den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Dabei freue er sich über die wachsende ethische und gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen. Viele von ihnen hätten sich auch einer Initiative der IHK-Mittelfranken beteiligt, für die bereits über 100.000 Euro zur Berufsförderung von Flüchtlingen gesammelt wurden.


Brücker: „Unternehmen werden nur in Menschen investieren, wenn der Rechtsstatus geklärt ist“

Prof. Herbert Brücker, Leiter des Forschungsbereiches "Internationale Vergleiche und Europäische Integration" am IAB, fordert einen Masterplan für die Integration mit verbindlichen Zielen. Dazu zähle zuvörderst Rechtssicherheit und eine schnellere Abwicklung der Asylverfahren. Denn Unternehmen würden nur dann in Menschen investieren, wenn der Rechtsstatus geklärt sei. Des Weiteren sollten verstärkt Deutschkurse und die Integration in das reguläre Bildungssystem gefördert werden. 

Oberbürgermeister Maly stellte klar, dass Sprachkompetenz und die Integration in das Schulsystem oder in den Arbeitsmarkt zwar notwendige, aber keineswegs hinreichende Bedingungen für eine erfolgreiche Integration darstellten. Letztendlich ginge es darum, Menschen in die Gesellschaft zu integrieren und ihnen die „Würde des Gebrauchtwerdens“ zu geben. Ziel sei eine „Software der Integration“, um die „Vernetzung mit der Gesellschaft wiederaufzunehmen“.

Brücker betonte ebenfalls die Wichtigkeit sozialer Netzwerke. Laut einer aktuellen IAB-Studie findet die Mehrheit der Flüchtlinge einen Job über Familienangehörige, Freunde oder Bekannte. Die Rhetorik des Integrationsgesetzes der Bundesregierung empfindet der IAB Forschungsleiter hingegen als „störend“. Den Grundsatz des „Fordern und Förderns“ hält er zwar grundsätzlich für richtig, verweist aber darauf, dass es an Angeboten fehle – nicht an der Bereitschaft der Flüchtlinge zu arbeiten: „Wir haben kein Motivationsproblem“.  Er kritisierte, dass nur Menschen mit guten Bleibeperspektiven Zugang zu Sprachkursen hätten. So würden Afghanen zum größten Teil aus Deutschkursen ausgeschlossen.

Brücker plädierte für einen längeren Aufenthaltstitel von mindestens drei Jahren, damit es für Unternehmen wie auch für Geflüchtete lohnenswert wird, in Weiterbildung und Sprachausbildung zu investieren. Er betonte, dass Menschen und Unternehmen eine längerfristige Perspektive brauchen.

Zugleich tun sich die Arbeitsagenturen schwer mit der Anerkennung von Berufsabschlüssen aus den Heimatländern der Geflüchteten. Da Flüchtlinge im Allgemeinen keine Zertifikate mitbringen, bräuchte man ein völlig neues Verfahren, um Kompetenzen festzustellen. Scheele erklärte, dass auch zeitaufwendige Kenntnis- und Fertigkeitsprüfungen keine geeignete Alternative zur Gleichwertigkeitsfeststellung darstellen. Daher sollen ab Anfang 2017 flächendeckend neue Anerkennungsverfahren eingesetzt werden, um in drei bis vier Stunden Kompetenzen eines Flüchtlings mit den deutschen Qualifikationen vergleichbar zu machen.

Maly warnte davor, Flüchtlinge an die „hochkomplexen bürokratischen Systeme anzupassen“. Es ginge vielmehr darum, deren Einstieg in die Arbeitswelt flexibler und unbürokratischer zu gestalten.
Scheele argumentierte, dass es darum gehe, Arbeit mit Qualifizierungsmaßnahmen und Fortbildung zu verbinden. „Chancen eröffnen, aber keinen zwingen, einen Kurs nach dem anderen zu machen“.

Von Vopelius: „Was ist uns als Gesellschaft eine Arbeitsstunde wert?"

Auf Kritik stieß der Vorschlag einiger Ökonomen, den  Mindestlohn für Flüchtlinge auszusetzen.  Für Dirk von Vopelius geht es dabei um eine ethische Frage: „Was ist uns eine Stunde menschlicher Arbeitskraft wert? Unter 8,50 Euro sollten wir nicht gehen.“ Der Präsident der Industrie- und Handelskammer betont dabei zwei Herausforderungen: Einerseits sollten mehr Berufe im ungelernten Bereich geschaffen werden. Der Kombilohn, eine Lohnsubvention durch die Arbeitsagenturen, stelle dabei eine gute Alternative zur Absenkung des Mindestlohns dar. Die zweite Herausforderung  sei der Ausbau von Weiterbildungsmöglichkeiten und Teilqualifikationen.

Scheele unterstützte die Idee der Lohnsubventionen und verwies auf die von der Bundesagentur gezahlten Eingliederungszuschüsse für individuelle Minderleistungen, wozu auch fehlende kulturelle Kenntnisse zählten. Ein Aussetzen des Mindestlohns, sowie zusätzliche arbeitsmarktpolitische Instrumente für Flüchtlinge hält es indes für „völlig kontraproduktiv“, da dies die Konkurrenz am Arbeitsmarkt verschärfen würde.

Auch die Absicht der Bundesregierung, Flüchtlingen einen Wohnsitz zuzuweisen, sehen die Diskutanten kritisch. Brücker argumentierte, dass es durch Wohnsitzauflagen zu Ineffizienzen auf dem Arbeitsmarkt kommen könne. Dies würde die räumliche Mobilität der Menschen einschränken und damit die Arbeitssuche erschweren.

Eine Aufhebung der Residenzpflicht würde allerdings zu größerer Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt deutscher Großstädte führen. Daher seien mehr Investitionen in den Wohnungsbau unumgänglich. Da dies ein längerfristiger Prozess ist, schlägt Scheele vor, die Wohnsitzauflage für die Dauer des Spracherwerbs beizubehalten, bis ein ausreichendes Sprachniveau für die Arbeitsaufnahme erreicht sei. Anschließend sollten Flüchtlinge die Möglichkeit bekommen, sich frei eine Stelle zu suchen.

Die Nürnberger Gespräche werden von der Bundesagentur für Arbeit, unter Federführung des IAB, und der Stadt Nürnberg zweimal jährlich ausgerichtet. Sie stehen allen Interessierten offen (Kontakt: Martin Schludi).

Literatur:

  • Brücker, Herbert; Fendel, Tanja; Kunert, Astrid; Mangold, Ulrike; Schupp, Jürgen; Siegert, Manuel (2016): Geflüchtete Menschen in Deutschland: Warum sie kommen, was sie mitbringen und welche Erfahrungen sie machen. (IAB-Kurzbericht, 15/2016), Nürnberg
  • Bauer, Angela; Schreyer, Franziska (2016): Ausbildung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen: Sinnvoll ist Unterstützung über Volljährigkeit hinaus. (IAB-Kurzbericht, 13/2016), Nürnberg



Fotos: © IAB/Jutta Palm-Nowak

 

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