Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

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Nürnberger Gespräche: Schaffen wir den Job – oder schafft er uns? Strategien für eine gesündere Arbeitswelt

 


IAB-Direktor Prof. Joachim MöllerIAB-Direktor Prof. Joachim Möller

Immer mehr Beschäftigte klagen über wachsenden Termindruck, Leistungsdruck und Stress. Die Zahl der Fehltage wegen psychischer Belastungen hat sich seit dem Jahr 2000 verdreifacht. Verschärft wird das Problem dadurch, dass die Beschäftigten im Schnitt immer älter werden und zugleich länger im Erwerbsleben verbleiben sollen. Bis 67 arbeiten bei physischer und psychischer Gesundheit – wie kann das gelingen? Politik, Sozialpartner und Betriebe – aber auch jeder Einzelne – sind gefordert, sich dieser Herausforderung zu stellen und probate Lösungen zu entwickeln. Darüber diskutierten vier Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis im Rahmen der Nürnberger Gespräche, die am 18. November 2013 traditionsgemäß im Historischen Rathaussaal der Stadt Nürnberg stattfanden.

Die wachsende Bedeutung des Themas spiegelt sich auch im Forschungs- und Publikationsprogramm des IAB wider, wie dessen Direktor Prof. Joachim Möller in seinem Einführungsstatement betonte. Beispielhaft verwies Möller auf die Beteiligung des IAB am Forschungsprojekt „lidA – leben in der Arbeit“, einer Langzeitstudie über Gesundheit und Älterwerden in der Arbeit, sowie auf einen aktuellen IAB-Kurzbericht, der sich dem Thema „Schichtarbeit und Gesundheit“ widmet.

Hasselhorn: „Psychischen Störungen wird heute der Stellenwert eingeräumt, den sie verdienen“.

Moderatorin Maike Rademaker machte in ihrer Eingangsfrage auf zwei Befunde aufmerksam, die einander zu widersprechen scheinen: Einerseits die Tatsache, dass „wir alle gesünder werden“, andererseits die weit verbreitete Wahrnehmung, dass der psychische Stress am Arbeitsplatz zunimmt. Wie komplex die Auswirkungen der Arbeit auf die individuelle Gesundheit tatsächlich sind, machte Prof. Dr. Hans Martin Hasselhorn, Leiter des Fachbereichs „Arbeit und Gesundheit“ bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, deutlich. „Arbeit hält gesund, die positiven Effekte überwiegen klar“, ist Hasselhorn überzeugt. Allerdings gelte dies nicht für alle Personen und Berufsgruppen. So seien beispielsweise knapp zehn Prozent aller Krankenhauseinweisungen auf Gründe zurückzuführen, die im beruflichen Umfeld lägen. Psychische Arbeitsbelastungen können laut Haselhorn nicht nur zu psychischen Störungen, sondern auch zu körperlichen Krankheiten führen. Zudem begrüßt der Arbeitsmediziner, dass psychischen Krankheiten heute endlich der Stellenwert eingeräumt werde, den sie verdienten. Gleichwohl mochte sich Hasselhorn kein endgültiges Urteil darüber erlauben, ob die Zahl der psychischen Erkrankungen tatsächlich zunimmt, oder ob die Zunahme vor allem der Tatsache geschuldet ist, dass psychische Erkrankungen heute eher als solche erkannt und akzeptiert werden als früher. Für Dr. Verena Di Pasquale indes steht der extreme Anstieg der psychischen Erkrankungen außer Zweifel. So wies Di Pasquale, die im DGB Bayern die Abteilung für Sozial- und Gesundheitspolitik leitet, darauf hin, dass derzeit 40 Prozent aller Renten wegen Erwerbsunfähigkeit aufgrund psychischer Erkrankungen gezahlt werden. Zur Situation in Bayern sagte sie, dass hier die Menschen im Schnitt mit 64 Jahren in Rente gingen. „Wer aber aufgrund gesundheitlicher Störungen in Rente geht, ist im Schnitt erst 51 Jahre alt.“

Dass die Betriebe viel tun können, um den Krankenstand ihrer Beschäftigten zu reduzieren, zeigt sich eindrucksvoll am Beispiel der Pilkington Deutschland AG, eines weltweit führenden Herstellers von Glasprodukten. So beträgt der Krankenstand im Werk Weiherhammer, in dem die Beschäftigte im permanenten Schichtbetrieb und unter körperlich anspruchsvollen Bedingungen arbeiten, zwischen zwei und drei Prozent – wie Werksleiter Reinhold Gietl nicht ohne Stolz verkündet. Besonders bemerkenswert: Die älteren Beschäftigten sind seltener krank als die jüngeren. Auch die Erfahrungen der Älteren weiß Gietl zu schätzen: „Die Älteren kennen die Abkürzung“, bringt er deren Vorzüge auf den Punkt. Und auch diejenigen, die trotz betrieblicher Gesundheitsförderung nicht mehr in der Lage sind, in der Produktion zu arbeiten, werden bei Pilkington nicht automatisch aufs Altenteil verfrachtet, sondern beispielsweise als Pförtner im Unternehmen weiterbeschäftigt – was nur deswegen möglich ist, weil diese Tätigkeit (anders als bei den meisten Unternehmen) nicht outgesourct wurde.


Jungbauer-Gans: „Kranke Beschäftigte, die trotzdem zur Arbeit gehen, kommen die Unternehmen teuer zu stehen.“

Mit einem Krankenstand von zwei bis drei Prozent liegt Pilkington nach Einschätzung von Prof. Monika Jungbauer-Gans etwa bei der Hälfte des Bundesdurchschnitts von 4,9 Prozent. Dies ist auch insofern bemerkenswert, als das Verarbeitende Gewerbe traditionell eine der Branchen mit dem höchsten Krankenstand in Deutschland ist, wie die Nürnberger Wirtschaftssoziologin zu berichten weiß. Auch bei Menschen in Zeitarbeit, Teilzeit und geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen lassen sich laut Jungbauer-Gans höhere Krankenstände feststellen als bei dauerhaft Beschäftigten. Zudem machte die Wissenschaftlerin auf das Problem des Präsentismus aufmerksam – Beschäftigte also, die zur Arbeit gehen, obwohl sie krank sind und besser zu Hause bleiben sollten. Jungbauer-Gans zufolge zeigen Berechnungen, dass diese Beschäftigten ihre Arbeitgeber doppelt so teuer zu stehen kommen als diejenigen, die sich tatsächlich krankmelden – teils, weil sie deutlich weniger leistungsfähig sind, teils, weil sie ihre Arbeitskollegen möglicherweise anstecken.

Di Pasquale: „Nur ein Drittel der Betriebe führt die gesetzlich vorgeschriebene Gefährdungsbeurteilung durch.“

Intensiv befasste sich das Podium mit der Frage, inwieweit es neuer gesetzlicher Regelungen bedarf, um die Gesundheit am Arbeitsplatz zu verbessern. Schon heute gibt es eine Reihe einschlägiger Vorschriften, die aber in vielen Betrieben nicht durchgeführt würden, wie Di Pasquale beklagt. Beispiel: die Gefährdungsbeurteilung. Demnach sind die Betriebe verpflichtet, alle mit der Arbeit verbundenen Gefährdungen zu beurteilen und zu ermitteln, welche Maßnahmen des Arbeitsschutzes zwingend erforderlich sind. Laut Di Pasquale sieht die betriebliche Realität vielfach anders aus: „Die Gefährdungsbeurteilung wird nur in einem Drittel der Betriebe durchgeführt; und nur neun Prozent der Betriebe tun dies für psychische Belastungen“. Die Gewerkschafterin forderte daher entsprechende Sanktionen, aber auch eine bessere Unterstützung und Kontrolle durch die Gewerbeaufsicht. „Manche Betriebe wissen gar nicht, dass sie eine Gefährdungsbeurteilung durchführen müssen“, ergänzte Hans Martin Hasselhorn.

Gietl: „Wer sich auf eine Kostendiskussion einlässt, hat schon verloren.“

Auch in diesem Punkt präsentiert sich Reinhold Gietl als Vorzeigeunternehmer: „Ein Arbeitsplatzaudit und eine Gefährdungsanalyse sind etwas Positives“. Die Kosten hält Gietl für gerechtfertigt, denn sie seien eine Investition in die Zukunft – und fügt hinzu: „Wer sich auf eine Kostendiskussion einlässt, hat schon verloren“. Auch der Selbstausbeutung seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiß Gietl einen Riegel vorzuschieben: In seinem Werk müsse jeder Beschäftigte mindestens einmal im Jahr für mindestens drei Wochen am Stück Urlaub nehmen – und in dieser Zeit sein Diensthandy abgeben. Dass Gietl – nach eigenem Bekunden – mit einem Kollegen aus der Geschäftsführung in einer Bonusregelung vereinbarte, seinen Kaffeekonsum auf zwei Tassen am Tag zu drosseln, das Rauchen einzustellen und sein tägliches Sportpensum zu erhöhen, wurde allerdings von Di Pasquale als „übergriffiges Verhalten“ getadelt. So fiel die bis dahin sehr einmütige Diskussionsrunde zumindest an dieser Stelle dann doch noch etwas kontroverser aus als erwartet. Aber: Der Mitarbeiter hielt die Vereinbarung ein – und bedanke sich noch heute dafür, wie Gietl betont.

Di Pasquale plädierte zudem dafür, auf gleiche Lebensverhältnisse hinzuwirken und die bestehenden Beschäftigungsverhältnisse zu verbessern. Denn Gesundheit ist aus ihrer Sicht auch eine Frage des individuellen Wohlstands – was sich beispielhaft daran ersehen lasse, dass sich reiche Menschen eine bessere Ernährung leisten könnten als weniger begüterte Zeitgenossen.

Nach Überzeugung von Jungbauer-Gans sind die Betriebe gut beraten, Strategien für eine gesündere Arbeitswelt mit einer Personalpolitik zu verbinden, die auf „Diversity Management“ setzt und sich stärker als bisher auf „untypische“ Beschäftigtengruppen wie Behinderte, Ältere und Migranten einzustellen. Hasselhorn warnte die Betriebe in diesem Zusammenhang davor, ihren Fokus alleine auf das Thema Gesundheit zu richten, wenn es darum geht, ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Beschäftigung zu halten. Es gehe auch um Motivation, Qualifizierung und Weiterbildung. Auf Nachfragen aus dem Publikum machte Hasselhorn deutlich, dass auch den Betriebsräten eine wichtige Funktion für das betriebliche Gesundheitsmanagement zukommt. Denn Unternehmen mit Betriebsrat zeichneten sich im Schnitt durch ein deutlich besseres Gesundheitsmanagement aus.


Maly: „Ein Unternehmer aus dem Zuckerbäckerbuch“

Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly ließ es sich in seinem Schlusswort nicht nehmen, Reinhold Gietl als einen „Unternehmer aus dem Zuckerbäckerbuch“ zu preisen – was ihm auch deswegen leichter von den Lippen gegangen sein dürfte, als die vorangegangenen Wortmeldungen aus dem Publikum auf drastische Negativbeispiele aus der Region hingewiesen hatten. Angesichts der Tatsache, dass zwischen den Diskutantinnen und Diskutanten kaum ein Dissens festzustellen war, bilanzierte das Stadtoberhaupt: „Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem“.

Die Nürnberger Gespräche werden von der Bundesagentur für Arbeit, unter Federführung des IAB, und der Stadt Nürnberg zweimal jährlich ausgerichtet. Sie stehen allen Interessierten offen.
(Kontakt: Martin Schludi)

Aktuelle Literaturhinweise

Imbiss / Ausklang im Rathaus NürnbergFotos: © IAB/Jutta Palm-Nowak

 

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