Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

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Digitale Revolution - Fluch oder Segen für den Arbeitsmarkt? (09.11.2015)


Vor einem Vierteljahrhundert ging die erste Webseite online. 25 Jahre später befindet sich unsere Art des Wirtschaftens, und damit auch die Arbeitswelt, erneut im Umschwung — Experten sprechen von der „Arbeitswelt 4.0“: Schon heute gibt es Aufzüge, die über das Internet eigenständig defekte Ersatzteile bestellen, High-Tech-Traktoren in der Landwirtschaft und Brillen, die uns beim Erlernen von Sprachen unterstützen. Was bedeutet die zunehmende Digitalisierung für die Arbeitswelt? Welche Chancen und Risiken sind damit verbunden? Machen wir uns gar selbst überflüssig? Diese und weitere Fragen standen im Fokus der Nürnberger Gespräche vom 9. November 2015, die vom FAZ-Journalisten Sven Astheimer moderiert wurden. Über 450 Gäste fanden diesmal den Weg in den Historischen Rathaussaal, um der Debatte zu folgen.

Frank-Jürgen Weise, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit, betonte in seinem Eingangsstatement die gesellschaftspolitische Relevanz des Themas und lobte die anwesende Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles dafür, dass sie das Thema mit hoher Priorität behandle.


Nahles: „Wir dürfen nicht naiv an das Thema herangehen.“

Nahles hält die Gefahr, dass künftig Roboter oder intelligente Algorithmen unsere Arbeit erledigen, für gering. Zwar habe eine aktuelle Erhebung ihres Ministeriums ergeben, dass mittlerweile vier Fünftel der Beschäftigten digitale Arbeitsmittel nutzen. Dennoch zeigten jüngste Erfahrungen, dass etwa Qualitätssicherung und -kontrolle auch künftig vom Menschen und nicht vom Roboter durchgeführt werden. Auf vielen Feldern sei der Mensch nach wie vor unentbehrlich. Die fortschreitende Digitalisierung der Arbeitswelt bringe dennoch tiefgreifende Veränderungen mit sich. „Wir dürfen nicht naiv an das Thema herangehen und die Problematik unterschätzen, aber warum sollten wir nach Arbeit 1.0, 2.0 und 3.0 nicht auch 4.0 gut schaffen?“, zeigte sich die Ministerin optimistisch.

Prof. Dieter Kempf, Vorstandsvorsitzender des Nürnberger Softwareunternehmens DATEV, sieht in der aktuellen Entwicklung eher revolutionäre denn evolutionäre Züge. Kempf identifizierte drei Bereiche, die seiner Ansicht die Arbeitswelt revolutionieren: Erstens Gegenstände, die mit anderen Gegenständen über das Internet kommunizieren können („smart anything“), zweitens die Bandbreite des digitalen Verkehrs und drittens die mobilen Geräte, etwa das Smartphone. Es sei eine Entwicklung, die letztlich alle Unternehmen und Beschäftigten betreffe.

IAB-Direktor Joachim Möller verglich die Entwicklung mit der Einführung des Internets in den 90-er Jahren: „Die Entwicklung wird unser Leben fundamental verändern.“ Neuartige disruptive Veränderungen ergäben sich nicht zuletzt dadurch, dass künftig die Firma, die mit ihrem Konzept als erste auf den Markt tritt, den ganzen Markt gewinnt. Als Beispiele für ein solches „The winner takes it all!“ nannte er Apple, Google oder Ebay – kaum angreifbare Unternehmen und mit einem riesigem Kapital.

Urban: Gewerkschaften als „Humanisierungsaktivisten“

Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, monierte dass die Wissenschaft zu den Arbeitsmarktwirkungen der digitalen Revolution bislang keine befriedigenden Erkenntnisse liefere, unterschieden sich doch die Ergebnisse je nach Studie deutlich – wenn sie sich nicht gar widersprächen. Stärker als die anderen Diskutanten sieht Urban in den neuen Formen der Arbeit, die im Zuge der digitalen Revolution, entstehen, auch die möglichen Gefahren: „Was bedeutet die Mensch-Maschine-Kooperation für den Wertschöpfungsprozess? Welche Probleme entstehen durch internes und externes Crowd-Working? Und was bedeutet der Schub der Entkoppelung, der durch mobile Arbeit entsteht?“ Die Gewerkschaften stünden in der Pflicht, Unsicherheiten in den Betrieben entgegenzuwirken und bei Bedarf als „Humanisierungsaktivisten“ zu fungieren. Auch dürften Produktivitätssprünge, die sich durch den rasanten technischen Fortschritt ergeben, nicht zu Lasten der Beschäftigten gehen.


Möller: „Die Gesamtzahl der Jobs wird sich durch die Digitalisierung nicht maßgeblich verändern.“

„Wenn Forscher über die Zukunft spekulieren, machen sie unterschiedliche Annahmen“, rechtfertigte Möller die unterschiedlichen Ergebnisse wissenschaftlicher Studien zum Thema Digitalisierung. Für wichtig hält er die Unterscheidung zwischen Berufen und Tätigkeiten: So seien nur circa 15 Prozent der Tätigkeiten potenziell gefährdet. Dies habe eine aktuelle IAB-Studie ergeben (siehe hierzu IAB-Kurzbericht 24/2015). Unternehmen, die beim Thema „Industrie 4.0“ die Nase vorne haben, bauen keine Jobs ab, sondern stellen ein, resümierte der IAB-Direktor. Bezugnehmend auf eine weitere aktuelle IAB-Studie (IAB-Forschungsbericht 8/2015) argumentierte Möller, dass sich die Gesamtzahl der Jobs bis 2030 durch Digitalisierung nicht maßgeblich verändern werde – sehr wohl aber die Ströme auf dem Arbeitsmarkt, was Anpassungskosten oder gar Anpassungsschmerzen mit sich bringen werde. Dem demografischen Wandel könne damit aber nicht entgegengewirkt werden, glaubt der Volkswirt.

Ministerin Nahles zeigte sich überzeugt, dass der digitale Wandel mit einer hierarchischen Führungskultur nur schwer vereinbar sei. Im Mittelstand gäbe es allerdings im Hinblick auf eine projektorientierte, stärker teamorientierte Führungskultur noch Nachholbedarf, monierte die Ministerin, gerade im mittleren Management.

Klar ist: Von den Beschäftigten wird künftig mehr Flexibilität erwartet, insbesondere die Bereitschaft zu lebenslanger Weiterbildung. An dieser Stelle gab sich DATEV-Chef Kempf optimistisch: Seine Erfahrungen hätten gezeigt, dass die Belegschaft dem Thema Weiterbildung grundsätzlich engagiert und positiv gegenüberstehe. Ministerin Nahles gab indes zu bedenken, dass insbesondere Geringqualifizierte der beruflichen Weiterbildung aus Angst vor einem Jobverlust eher skeptisch gegenüberstünden. Deshalb sei es wichtig, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Angst vor Qualifizierung bzw. einem Jobverlust zu nehmen.

Urban äußerte die Befürchtung, dass der steigende Qualifizierungsbedarf auch zu Konflikten in den Betrieben führen könnte, etwa bei der Frage, wer die Kosten trägt und ob  Weiterbildung in der Arbeitszeit oder in der Freizeit erfolgt. Mögliche Lösungen sollten laut Urban über Tarifverträge gefunden werden, was allerdings im Kontrast zur immer weiter steigenden Tarifflucht der Unternehmen stehe. Dem widersprach Kempf entschieden. Für die DATEV, die keinem Arbeitgeberverband angehört – und damit auch nicht in den Geltungsbereich eines Tarifvertrags fällt, seien betriebliche Lösungen wesentlich passgenauer als gesetzliche oder tarifliche Vorgaben.

Kempf: Tarifliche Lösungen können die Wettbewerbsfähigkeit gefährden

Nahles stimmte Kempf zwar dahingehend zu, dass es keine einheitlichen Bundesgesetze für alle Unternehmen über alle Branchen hinweg geben könne. „Mehr Flexibilität auf Seiten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist notwendig, aber dann brauchen wir auch mehr Sicherheit auf Seiten der Arbeitgeber“, resümierte die Ministerin. Durch die zunehmende Tarifflucht der Unternehmen seien aber auch immer mehr Missstände, etwa beim missbräuchlichen Einsatz von Werkverträgen, zu beklagen. Deshalb ist das das DATEV-Modell aus Nahles‘  Sicht für Deutschland nicht geeignet. Der digitale Wandel müsse vielmehr durch die Tarifpartner gestaltet werden. Kempf hingegen sieht die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen gefährdet, wenn beispielsweise Werkverträge im IT-Bereich tariflich geregelt werden müssten, ohne dass die spezifischen Gegebenheiten vor Ort berücksichtigt werden. Urban konterte, dass es durchaus tarifgebundene wettbewerbsfähige Unternehmen gebe. Hierfür gebe es repräsentative Studienergebnisse.

Auch die Frage, wie sich die  Qualifikationsbedarfe künftig entwickeln, wurde auf dem Podium angesprochen. Nach Einschätzung von Joachim Möller ist dieser Prozess keineswegs eindeutig. Bisher, so Möller, seien die Hochqualifizierten die Gewinner des technischen Fortschritts gewesen. Dies könnte sich mit der neuen Arbeitswelt 4.0 nun zu Gunsten der geringer Qualifizierten oder auch Behinderter ändern, etwa durch den Einsatz „intelligenter Datenbrillen“ oder mobiler Roboter  im Produktionsprozess. Er verwies auf eine amerikanische Studie, der zufolge der Bedarf an Akademikern seit der Jahrtausendwende erstmals rückläufig sei. Gleichwohl sei Qualifizierung weiterhin unabdingbar, betonte Möller: „Die Hauptfunktion von Qualifikation ist, dass wir flexibel sind.“        

Die Nürnberger Gespräche werden von der Bundesagentur für Arbeit, unter Federführung des IAB, und der Stadt Nürnberg zweimal jährlich ausgerichtet. Sie stehen allen Interessierten offen (Kontakt: Martin Schludi).




Fotos: © IAB/Jutta Palm-Nowak

Audiocast

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