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Verpasst Deutschland den Anschluß? (21.11.2016)


Exportweltmeister; die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in Europa; Beschäftigung auf Rekordniveau, Tendenz weiter steigend; die schwarze Null im Haushalt – Deutschland präsentiert sich derzeit als der ökonomische Kraftprotz Europas. Doch IAB-Chef Joachim Möller warnte in seinem Impulsreferat: „Nichts ist so gefährlich wie trügerische Sicherheit, in der man sich wiegt.“ Wie würde Deutschland eine Neuauflage der Finanzkrise verkraften oder einen weltweiten Handelskrieg? Schlimmer noch: Was wäre, wenn die Geschäftsmodelle unserer Leitindustrien nicht mehr trügen? Wenn wir wichtige technologische Trends oder Verschiebungen der globalen Nachfrage übersähen oder zu langsam darauf reagierten? In vielen Märkten gelte heute das Prinzip „The winner takes it all“ – sprich: Wer zu spät kommt, hat das Nachsehen.

Möller: „Nichts ist so gefährlich wie die trügerische Sicherheit, in der man sich wiegt.“

Als warnende Beispiele nennt Möller Großbritannien, das die industrielle Führungsrolle, die es im 19. Jahrhundert innehatte, binnen weniger Jahrzehnte verspielte; und Nokia, einst führender Hersteller von Mobiltelefonen, das den Smartphone-Boom schlicht verschlief. Möllers Gegenbeispiel: Das Silicon Valley – von dorthin pilgernden deutschen Managern als Inbegriff von Innovationskraft, Agilität und Unkonventionalität gepriesen –, mit dem die behäbige, bürokratische deutsche Wirtschaftskultur nicht mithalten könne. Laut Möller könne Teilen der deutschen Wirtschaft Disruption drohen, also das abrupte Ende ehemals florierender Geschäftsmodelle, durch neue, bahnbrechende Ideen.

Gleichwohl rät der Volkswirt zu „konstruktiver Gelassenheit“ und lobt die Stärken des deutschen Standorts: das duale Ausbildungssystem, der bewährte Mix aus großen und mittelständischen Unternehmen, die funktionierende Sozialpartnerschaft, Rechtssicherheit, und – mit Abstrichen – die noch gute Infrastruktur. Auch dürfe man das „produktive Potenzial“ von Krisen nicht unterschätzen. „Vielleicht brauchte es bei Volkswagen erst ein ‚Dieselgate‘, um ein tragfähiges Zukunftskonzept zu entwickeln.“ Mit diesen Überlegungen steckte Möller das Feld für die anschließende Podiumsdiskussion ab, die diesmal vom SZ-Journalisten Uwe Ritzer moderiert wurde. Auf dem Podium vertreten waren Eva Welskop-Deffaa, Mitglied im ver.di-Bundesvorstand, Professor Reint E. Gropp, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und Dr. Gunther Kegel, Vorsitzender der Geschäftsführung von PEPPERL + FUCHS, einem in der Automatisierungstechnik führenden Unternehmen mit 5.700 Beschäftigten, und zukünftiger Präsident des „Verbands der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik“ – last but not least Professor Werner Widuckel, ehemaliger Personalvorstand bei Audi und Inhaber der AUDI-Lehrprofessur für Personalmanagement und Arbeitsorganisation in technologieorientierten Unternehmen an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. 


Kegel: „Die gute wirtschaftliche Lage ist das Resultat niedriger Zinsen, eines schwachen Euro und des billigen Öls.“

Zu Beginn der Diskussion äußerten sich einige Diskutanten kritisch zur Regierungspolitik der vergangenen Jahre. SPD-Mann Widuckel lobt zwar das „klare Wertegerüst“ von Angela Merkel, kritisiert aber zugleich, dass ihre Politik zu reaktiv sei und zu wenig nach vorne weise. Schärfer noch ging IWH-Chef Gropp mit der Kanzlerin ins Gericht: In den zwölf Jahren ihrer Regierungszeit habe es keine substanziellen wirtschaftspolitischen Reformen gegeben, etwa mit Blick auf die demografische Herausforderung. Die gute wirtschaftliche Lage sei den erfolgreichen Reformen der Vorgängerregierung geschuldet, insbesondere der Agenda 2010, zu der sich die SPD jedoch nicht mehr wirklich bekenne („Die erfolgreichste Reform, die keinen Urheber mehr hat“). Der von Gropp diagnostizierte Reformstau unter Merkel wurde von Eva Welskop-Deffaa, einer der wenigen führenden Gewerkschafterinnen mit CDU-Parteibuch,  mit Nachdruck bestritten. Man könne wahrlich nicht sagen, in den letzten 12 Jahren sei „nichts“ durchgesetzt worden. Mit dem Elterngeld samt Partnermonaten (anfangs diskreditiert als „Wickelvolontariat“), der Rente mit 67 („heiß umstritten “) und drei Pflegestärkungsgesetzen habe die Bundesregierung in den letzten drei Legislaturperioden sehr wohl starke Akzente einer demografieresponsiven Gesellschafts- und Sozialpolitik gesetzt. Für den Unternehmer Kegel indes gingen die Reformen der vergangenen Jahre eher in die falsche Richtung. Viele Maßnahmen der  Agenda 2010 seien wieder zurückgedreht worden. Dass die wirtschaftliche Lage in Deutschland trotz der aus seiner Sicht zu stark gestiegenen Lohnkosten und des zu starren Kündigungsschutzes so gut sei, ist für Kegel das Resultat niedriger Zinsen, eines schwachen Euro und des billigen Öls. „Früher“, so glaubt er, „hätte schon einer dieser Faktoren für sich ein Wachstumsfeuerwerk ausgelöst“. Stattdessen verlöre Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit, die Unternehmen würden international schon bald wieder unter Druck geraten. Demgegenüber rechtfertigten Widuckel und Welskop-Deffa den stärkeren Anstieg der Löhne in den letzten Jahren. Es habe hier einen Nachholbedarf gegeben, konstatierte Widuckel, zudem stärke das Lohnwachstum den Binnenkonsum, was sich positiv auf die Nachfrage nach sozialen Dienstleistungen auswirke. Welskop-Deffaa, eine studierte Volkswirtin, betonte die produktivitätssteigernde Wirkung hoher Lohnkosten, gerade im Dienstleistungsbereich, dessen großes Potenzial tendenziell unterschätzt werde – und nannte als Beispiel die Weiterentwicklung der Pflegerobotik. Für diejenigen, deren Jobs dadurch wegfallen, ist es auch Sicht von Elektro-Verbandschef Kegel entscheidend, die Frage zu beantworten: Wie schafft man es, die Menschen, deren Arbeit sich durch die Digitalisierung grundlegend verändert, rechtzeitig umzuqualifizieren?

Welskop-Deffaa: „Es muss eine Kernaufgabe der BA werden, Arbeitslose weiterzubilden.“

Bildung, da waren sich die Diskutanten einig, ist einer der Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschlands. Denn schon heute zeichnen sich in wichtigen Teilbereichen deutliche Fachkräfteengpässse ab. In drei bis fünf Jahren, warnte Kegel, werden uns die Ingenieure fehlen. Die deutsche Ingenieurausbildung sei Weltklasse, aber es gebe zu wenige junge Menschen, insbesondere Frauen, die sich für diesen Berufsweg entscheiden, und noch weniger – Stichwort: hohe Abbrecherquoten – die tatsächlich einen Abschluss als Ingenieur machen. Widuckel sieht das Bildungsproblem vor allem am unteren Ende des Arbeitsmarkts – also dort, wo künftig eher noch mehr Jobs wegfallen werden: „Eine Million Menschen unter 30 Jahre hat in Deutschland keinen Berufsabschluss.“  Aus der Sicht von Welskop-Deffa muss sich auch die Bundesagentur für Arbeit (BA) wieder stärker im Bildungsbereich engagieren: „Es muss eine Kernaufgabe der BA werden, Erwerbslose weiter zu qualifizieren und von Erwerbslosigkeit bedrohten Beschäftigten passgenaue Weiterbildungsangebote zu eröffnen.“

Gropp: „In Deutschland ist die Zahl der erfolgreichen Unternehmensgründungen zu niedrig.“

Handlungsbedarf besteht auch mit Blick auf die zu niedrige Zahl an erfolgreichen Unternehmensgründungen. So beklagt Gropp, dass es in Deutschland nicht nur schwierig sei, ein Unternehmen zu gründen, sondern dass sich Start-Ups hierzulande auch wesentlich seltener zu großen Unternehmen entwickeln als etwa in den USA. Gerade ältere Unternehmen tun sich schwer mit Innovationen, meint Gropp. Sie strebten zu sehr nach graduellen Verbesserungen als nach bahnbrechenden Neuerungen. Ein Problem: Deutsche Banken stellen vielfach zu wenig Wagniskapital zur Verfügung. Daher gründen deutsche Unternehmen – Beispiel Siemens – eigene Start-Ups innerhalb ihrer Firmen. Widuckel sieht einen wichtigen Ansatzpunkt im Ausbau der Grundlagenforschung, wobei sich der Staat hier für Schwerpunkte entscheiden müsse.  Dem Rat der Expertenkommission Forschung und Innovation folgend müssten dabei soziale Innovationen und die Dienstleistungsbereiche stärker in den Blick genommen werden, unterstrich Welskop-Deffaa.


Widuckel: Die Autoindustrie steckt in der Kompetenzfalle

Welche Herausforderungen der technologische Wandel für die klassischen Erfolgsbranchen der deutschen Wirtschaft birgt, zeigt sich besonders deutlich am Beispiel der Autoindustrie. Denn sowohl die Digitalisierung als auch der Trend zur Elektromobilität stellen ein Geschäftsmodell in Frage, das seit jeher darauf beruhte, Autos mit Verbrennungsmotor für den Individualverkehr zu bauen. Der vormalige AUDI-Manager sieht die Branche in einer „Kompetenzfalle“: Die deutschen Firmen seien bei der Entwicklung und Herstellung von Autos weltweit erfolgreich – und hätten daher die Notwendigkeit unterschätzt, neue Wege zu beschreiten.  Den „Abgasbetrug“ von VW hält Widuckel denn auch für ein systemisches Problem – und lässt keinen Zweifel daran, dass Ähnliches aus seiner Sicht auch in anderen Autokonzernen stattfindet. Seine Forderung, die auch von Welskop-Deffaa vertreten wird: Die Automobilindustrie müsse sich zu einem Mobilitätsdienster weiter entwickeln. Damit werde die Zahl der Beschäftigten im klassischen Kernbereich der Autoindustrie drastisch schrumpfen, zugleich aber ein „Kranz“ von Mobilitätsdienstleistern entstehen, die neue Beschäftigung schaffen.

Auch für die Frage, welche Rolle dem Staat bei der Gestaltung des technologischen Wandels zukommen soll, lässt sich am Beispiel der Autoindustrie trefflich diskutieren. So lehnt Gropp Subventionen wie die Prämie für Elektroautos ab, spricht sich aber dafür aus, dass der Staat mehr in die Infrastruktur für Elektromobilität investiert. 

Gropp warf überdies die Frage auf, welche Folgen die demografische Alterung, die sich in Deutschland besonders rasch vollzieht, für die Innovationskraft einer Volkswirtschaft hat. „Ist eine alternde Gesellschaft noch in der Lage, neue Technologien zu absorbieren?“, zeigte sich der IWH-Chef besorgt – auch mit Blick darauf, dass es meist eher jüngere Menschen seien, die ein neues  Unternehmen gründen – eine Einschätzung, der Welskop-Deffaa widersprach. Die Unternehmensgründungen von Menschen über 50 enthielten erhebliche Chancen, allerdings seien die bereits diskutierten Finanzierungsprobleme besonders für die Gründer ab 50 Jahren spürbar. Kegel glaubt, dass die Digitalisierung für zwei Drittel der Gesellschaft zu schnell abläuft. Sie treffe zudem auf eine Welt, die durch die Globalisierung ohnehin schon verunsichert sei. Die demografische Alterung werfe zudem die Frage auf, wie der Wissenstransfer zwischen Älteren und Jüngeren in den Betrieben sichergestellt werden könne. Angesichts der guten Erfahrungen im eigenen Unternehmen regt Kegel an, altersgemischte Tandems zu bilden und die Älteren so lange wie möglich im Unternehmen zu halten, damit diese ihr Wissen an die Jüngeren weitergeben können. Widuckel gab indes zu bedenken, dass letzteres nur funktioniere, wenn Ältere auch eine emotionale Bindung an „ihr“ Unternehmen hätten. 

Maly: „Die wichtigsten Tätigkeiten des Staates sind jene, die niemand tut, wenn der Staat sie nicht tut“ 

In seinem traditionellen Schlusswort zeigte sich Nürnbergs Oberbürgermeister Maly überzeugt, dass die digitale Revolution größere gesellschaftliche Umwälzungen mit sich bringen werde als technologische Innovationen früherer Zeiten. Auch die Ökonomie müsse kritischer hinterfragen, ob ihre Lehrsätze in einer vollständig digitalisierten Welt noch Gültigkeit haben. Als Beispiel nennt Maly die vom amerikanischen Zukunftsforscher Jeremy Rifkin prophezeite „Null-Grenzkosten-Gesellschaft“, die entsteht, wenn die Verteilung eines Produkts an einen weiteren Nutzer so gut wie nichts mehr kostet, wie dies schon heute bei Video-, Audio- und Textinformationen im Internet der Fall ist – und künftig vielleicht auch für Strom aus erneuerbaren Energien der Fall sein könnte. 

Differenziert äußerte sich Maly zur Rolle des Staates bei der Gestaltung des technologischen Wandels.  So müsse der Staat intensiv Forschungsförderung betreiben und im Zweifelsfall Risikokapital bereitstellen. „80 bis 90 Prozent der innovativen Bauteile im iPhone gehen auf den Staat zurück“, gibt er zu bedenken. Umgekehrt sieht das Stadtoberhaupt keinen Sinn darin, dass der Staat beispielsweise Stromtankstellen baut oder finanziert, vermag er diesbezüglich doch keinen prinzipiellen Unterschied zu herkömmlichen Tankstellen zu erkennen.  „Die wichtigsten Tätigkeiten des Staates sind jene, die niemand tut, wenn sie der Staat nicht tut“, brachte er sein Credo auf den Punkt. 

Die Nürnberger Gespräche werden von der Bundesagentur für Arbeit, unter Federführung des IAB, und der Stadt Nürnberg zweimal jährlich ausgerichtet. Sie stehen allen Interessierten offen (Kontakt: Martin Schludi)



Fotos: © IAB/Jutta Palm-Nowak

 


 

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