Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

Navigation zu den wichtigsten Bereichen.

Hauptnavigation.


Inhaltsbereich: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

Nürnberger Gespräche: Langzeitarbeitslose in Deutschland - Endstation Hartz IV? (1. Dezember 2014)



IAB-Vizedirektor Dr. Ulrich WalweiIAB-Vizedirektor Dr. Ulrich Walwei

Das Problem ist hartnäckig: Über eine Million Menschen sind länger als ein Jahr arbeitslos, 250.000 sogar mehr als vier Jahre. Und knapp drei Millionen sind seit mindestens vier Jahren auf Hartz IV angewiesen. An dieser Situation hat sich zuletzt nur wenig geändert. Was sind die Ursachen der Misere? Müssen wir uns mit ihr abfinden? Oder gibt es doch probate Instrumente, um das Problem effektiv anzugehen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Nürnberger Gespräche, die diesmal von der freien Journalistin Margaret Heckel moderiert wurden.

Walwei: „Ein Drittel der Betriebe ist prinzipiell bereit, Langzeitarbeitslose einzustellen“

Dass ein Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit durchaus möglich ist, machte IAB-Vizedirektor Dr. Ulrich Walwei in seinem Einführungsreferat deutlich. Denn seit 2006 ist die Zahl derjenigen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind, von 1,7 Millionen auf gut eine Million gefallen, auch wenn in jüngster Zeit lediglich eine Seitwärtsentwicklung stattfindet. Letzteres wertet der IAB-Vize angesichts des deutlichen Abbaus der Ein-Euro-Jobs durchaus als Erfolg. Allerdings seien die regionalen Unterschiede nach wie vor beträchtlich. Auch der internationale Vergleich mache deutlich, dass die Aufnahmefähigkeit des jeweiligen Arbeitsmarktes einen entscheidenden Einfluss darauf hat, inwieweit sich Arbeitslosigkeit verfestigt. Wenn aber Menschen einmal für längere Zeit arbeitslos sind, tun sie sich nach Walweis Analyse gerade in Deutschland besonders schwer, wieder in Beschäftigung zu kommen. Während ein knappes Zehntel der Kurzzeitarbeitslosen binnen eines Monats wieder in Arbeit sei, träfe dies nur auf etwas mehr als ein Prozent der Langzeitarbeitslosen zu. Dies habe auch mit der Einschätzung der Betriebe zu tun. Denn einer Betriebsbefragung des IAB zufolge kann sich ein Sechstel der Betriebe nicht vorstellen, Langzeitarbeitslose einzustellen und weitere knapp 40 Prozent auch nur dann, wenn die Betroffenen nicht wesentlich länger als ein Jahr arbeitslos sind. Dass immerhin ein Drittel der Betriebe bereit ist, Langzeitarbeitslosen eine Chance zu geben, führt Walwei auch darauf zurück, dass diese durchaus positive Erfahrungen mit Langzeitarbeitslosen gemacht hätten. Denn deren Arbeitsmotivation und Zuverlässigkeit werde in der Mehrzahl der Fälle als gut oder sehr gut eingestuft.

„Unsere Gesellschaft engagiert sich zu wenig für Langzeitarbeitslose“ beklagt Dr. Wilhelm Adamy, der auf dem Podium den Deutschen Gewerkschaftsbund vertritt, bei dem er schon seit vielen Jahren die Abteilung Arbeitsmarktpolitik leitet. Er moniert, dass die Fördermöglichkeiten in Hartz IV deutlich eingeschränkter seien als im Bereich der Arbeitslosenversicherung. Die Beschäftigungschancen von Hartz IV-Empfängern hätten sich nicht zuletzt infolge der Kürzungen der Fördermittel gegenüber den Vorjahren tendenziell verschlechtert. „Weniger Druck, mehr Qualifizierung“ lautet denn auch Adamys Devise für eine neue Schwerpunktsetzung im Bereich der sozialen Grundsicherung.

„Es gibt kein Allheilmittel, nicht jedes Konzept passt für jeden“ sagt Prof. Markus Schmitz, Geschäftsführer Grundsicherung in der Bundesagentur für Arbeit (BA). Angesichts der vielfältigen Vermittlungshemmnisse von Langzeitarbeitslosen komme es vor allem auf individuelle Beratung und Betreuung an. Auch müssten die Jobcenter die lokalen Netzwerkpartner noch stärker einbinden, etwa durch eine engere Zusammenarbeit mit den Tarifpartnern, den Krankenkassen oder der Jugendhilfe.  


Hofmann: „Zeitarbeit ist eine Brücke in die Festanstellung“

Für Ingrid Hofmann ist auch die Zeitarbeit eine Möglichkeit, die den Weg aus der Langzeitarbeitslosigkeit weisen kann. Dabei verweist sie auf ihr eigenes Unternehmen: „Zwei Drittel unserer Beschäftigten waren vorher arbeitslos, 12 Prozent länger als ein Jahr.“ Hofmann, die wie Adamy dem Verwaltungsrat der Bundeagentur für Arbeit angehört, zeigt sich überzeugt: „Zeitarbeit ist eine Brücke in die Festanstellung.“ Sie versuche, auch ihre Kunden zu motivieren, Langzeitarbeitslose einzustellen und ggf. unterstützend tätig zu werden. Gleichwohl, so schränkt sei ein, müsse sie sich in erster Linie an den Anforderungen ihrer Kunden orientieren.

Riedel: „Wir brauchen mehr Geld im System“

Dass das Thema Langzeitarbeitslosigkeit auch die Kommunen umtreibt, macht der Nürnberger Stadtkämmerer Harald Riedel deutlich. So muss die Stadt Nürnberg jährlich 83 Millionen Euro allein für die Kosten der Unterkunft von Langzeitarbeitslosen aufbringen. Ausführlich benennt Riedel die vielfältigen Aktivitäten der Stadt Nürnberg in den Bereichen Bildung und Wirtschaftsförderung, die Langzeitarbeitslosigkeit bekämpfen bzw. vermeiden sollen. Zudem verweist er darauf, dass Nürnberg die stadteigene Beschäftigungsgesellschaft NOA auch in schwierigen Zeiten erhalten habe. Er beklagt, dass die Zahl der dort beschäftigten Klienten aufgrund gekürzter staatlicher Fördermittel stark heruntergefahren werden musste. Seine Forderung: „Wir brauchen mehr Geld im System!“

Trinkwalder: „Mein Unternehmensziel ist es, Menschlichkeit zu maximieren“

Dass die Beschäftigung von vormals Langzeitarbeitslosen auch ganz ohne staatliche Zuschüsse funktionieren kann, beweist Sina Trinkwalder. Die 36-Jährige hat in Augsburg die Textilfirma „Manomama“ aufgebaut. Ihre Angestellten: 154 ehemalige Arbeitslose, von denen viele als kaum vermittelbar galten, die nun sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind und mit zehn Euro pro Stunde deutlich mehr als den gesetzlichen Mindestlohn verdienen. Dass ihr Betrieb auch schwarze Zahlen schreibt, ist für Trinkwalder Nebensache. „Mein einziges Unternehmensziel ist es, Menschlichkeit zu maximieren!“ verkündet sie und zeigt sich überzeugt, dass es in Deutschland möglich sein muss, jedem Menschen, auch extrem bildungsfernen, einen Arbeitsplatz anzubieten. Als Positivbeispiel führt sie einen eigenen Mitarbeiter an, der trotz zahlreicher Fortbildungen kaum lesen und schreiben könne, aber in ihrer Firma eine Tätigkeit ausübe, die ihn ausfüllt. Beschäftigte bräuchten keine prekären Arbeitsverhältnisse, betonte Trinkwalder, sondern Sinn, Sicherheit und Wertschätzung. Ihre Forderung an die Politik: Jeder Betrieb müsse dazu verpflichtet werden, mindestens zehn Prozent Langzeiterwerbslose einzustellen. Bewusst spricht Trinkwalder von „Erwerbslosen“, nicht von „Arbeitslosen“, denn die Betroffenen hätten ja durchaus Arbeit im Haushalt bzw. in der Familie, aber eben keine Erwerbsarbeit.


Achatz: „Jeder zusätzliche Risikofaktor halbiert die Integrationschancen“

Dass Menschen mit gravierenden persönlichen Hemmnissen eine ihnen gemäße Beschäftigung finden, ist leider die Ausnahme – insbesondere, wenn mehrere Faktoren zusammen auftreten. Dies zeigen die Analysen der IAB-Forscherin Juliane Achatz. In ihrem Impulsreferat zählt sie wichtige Risikofaktoren auf, die die Arbeitsmarktchancen von Grundsicherungsempfängern schmäleren: fehlende Schul- und Ausbildungsabschlüsse, eine eingeschränkte Gesundheit, ein bereits lang anhaltender Bezug von Grundsicherungsleistungen, Alter (50 Jahre und älter), Migrationshintergrund mit begrenzten Deutschkenntnissen sowie familiäre Pflichten wie die Pflege von Angehörigen oder die Betreuung von kleinen Kindern. Während laut Achatz nur acht Prozent der Grundsicherungsempfänger keines dieser Risikomerkmale aufweisen, treffen bei mehr als zwei Dritteln mindestens zwei dieser Merkmale zu. „Und mit der Zahl der Risiken sinkt die Wahrscheinlichkeit, wieder in eine bedarfsdeckende Beschäftigung zu kommen, dramatisch“ warnt Achatz. „Jeder zusätzliche Risikofaktor halbiert die Integrationschancen“ weiß sie zu berichten.

Adamy: „Sind die Arbeitslosen in Hamm denn fauler als in Eichstätt?“

Für Adamy indes beschreiben diese Zahlen lediglich eine statistische Korrelation. Entscheidend für den Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit sind aus seiner Sicht die ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen. „Sind die Arbeitslosen in Hamm denn fauler als die in Eichstätt?“ fragt er mit Blick auf die erheblichen regionalen Unterschiede bei der Zahl der Langzeitarbeitslosen. Strukturschwache Kommunen, fordert Adamy, brauchen mehr staatliche Unterstützung. Auch sei eine Aufstockung des Personals in den Jobcentern notwendig, um Langzeitarbeitslose intensiver als bisher betreuen zu können. Für ganz entscheidend hält Adamy eine Stärkung präventiver Maßnahmen, etwa um zu vermeiden, dass junge Menschen ohne beruflichen Abschluss  dastehen. „Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, wird es dreimal so teuer“ bringt er sein Credo auf den Punkt.

Konle-Seidl: Holland und die skandinavischen Länder geben wesentlich mehr Geld für öffentliche Beschäftigung aus

In einem weiteren Impulsreferat warf IAB-Forscherin Regina Konle-Seidl einen Blick auf die Situation in anderen europäischen Ländern. Die Herausforderungen einer nachhaltigen Integration von Menschen, die kaum Chancen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt haben, seien in unseren Nachbarländern eher größer als hierzulande. Staatliche Beschäftigungsprogramme sind der Ökonomin zufolge in einigen Ländern stärker ausgeprägt als in Deutschland, etwa in den Niederlanden und in Skandinavien. Allerdings sei bislang kein Modell in Sicht, das als besonders erfolgreich gelten kann. Gleichwohl gebe es einige potenziell erfolgversprechende Ansätze, die genauer beobachtet werden sollten – etwa die Möglichkeit einer stufenweisen Arbeitszeiterhöhung bei geförderter Beschäftigung in Dänemark oder die Förderung von Sozialbetrieben in der Schweiz oder Finnland.


Schmitz: Langzeitarbeitslosen einen Jobcoach an die Hand geben

Schmitz, der im Übrigen die gute Entwicklung in der Zusammenarbeit zwischen BA und Stadt Nürnberg im SGB-II-Bereich lobte, wartete mit einem weiteren Vorschlag auf: Bisher, so Schmitz, endet der Kontakt zwischen Jobcenter und deren Klienten zumeist, sobald diese eine neue Beschäftigung aufgenommen haben. Künftig, so Schmitz, solle Langzeitarbeitslosen bei Bedarf ein Jobcoach zur Seite gestellt werden, der bei Schwierigkeiten auf der neuen Arbeitsstelle steuernd eingreifen und so der Gefahr entgegenwirken kann, dass das Beschäftigungsverhältnis vorzeitig beendet wird. Generell, so Schmitz‘ Plädoyer, „brauchen wir den Mut, neue Dinge auszuprobieren“. Ein solcher Ansatz könnte beispielsweise der von Stadtkämmerer Riedel geforderte Ausbau des Passiv-Aktiv-Transfers sein. Dabei werden Leistungen, die Langzeitarbeitslose sonst passiv für den Lebensunterhalt bekommen (Hartz IV, Kosten für Unterkunft und Heizung), in Zuschüsse für eine aktive, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung umgewandelt. Auch Adamy kann sich dies vorstellen, gibt aber zu bedenken, dass dieser Ansatz nur dann funktioniert, wenn er von allen Ebenen unterstützt wird.

„Viele Klienten der BA fragen sich, warum die Förderung erst so spät einsetzt“

Die Veranstalter haben mit dem Thema einen Nerv getroffen. Dies zeigte sich nicht nur daran, dass kaum ein Stuhl im Historischen Rathaussaal der mittelfränkischen Metropole leer blieb, sondern auch an den zahlreichen Wortmeldungen aus dem Publikum. Stephan Doll, DGB-Geschäftsführer für die Region Mittelfranken, forderte die Bundesregierung auf „mehr für die Menschen zu tun, statt das Mantra der schwarzen Null zu pflegen“. Auch eine BA-Mitarbeiterin meldete sich zu Wort. Viele ihrer arbeitslosen Kundinnen und Kunden fragten sich, warum man erst so spät damit beginne, sie zu fördern. Sie dürften nicht die einzigen sein, die sich diese Frage stellen.

Die Nürnberger Gespräche werden von der Bundesagentur für Arbeit, unter Federführung des IAB, und der Stadt Nürnberg zweimal jährlich ausgerichtet. Sie stehen allen Interessierten offen.
(Kontakt: Martin Schludi)



Fotos: © IAB/Jutta Palm-Nowak

 

Infobereich.

Abspann.