Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

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Zertifikat "audit berufundfamilie"


Inhaltsbereich: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

Wissenschaft trifft Praxis
Workshops zur Fachkräftekonferenz am 29. und 30. April 2008

Teilnehmer am Workshop zur Fachkräftekonferenz

Am zweiten Veranstaltungstag wurde die Diskussion in drei parallel stattfindenden Workshops vertieft:

 

Workshop 1: Stellenbesetzung (Moderation: Lutz Bellmann, IAB)

Kurzfassungen der Referate aus Workshop 1:

Poster  Workshop 1 der FachkräftekonferenzAnja Kettner (IAB): Stellenbesetzungsprobleme nach Branchen und Regionen: Welche Ansatzpunkte hat die Arbeitsvermittlung?

Bei Stellenbesetzungen, die mit Schwierigkeiten verbunden sind, schalten Unternehmen die Arbeitsagenturen deutlich häufiger ein als bei unproblematischen Besetzungen. Die gezielte und effiziente Vermittlung von Arbeitsuchenden ist deshalb ein wichtiger Ansatzpunkt, um den negativen Folgen eines Fachkräftemangels entgegenzuwirken.

Einzelne Regionen und Wirtschaftssektoren sind in wechselnden Zeiträumen und in unterschiedlichem Ausmaß davon betroffen. Betriebsbefragungen zeigen, dass Agenturen und Arbeitsvermittler in der Fläche noch präsenter sein könnten. So würden sie wechselnde Mangellagen schneller erkennen, könnten vorhandene Potenziale besser nutzen und die Vermittlung, aber auch die Qualifizierung Arbeitsloser, entsprechend steuern.

Florian Janik (IAB): Rekrutierung von Fachkräften

Die Daten des IAB-Betriebspanels 2000, 2005 und 2007 zeigen, dass die Mehrzahl der Betriebe (61 Prozent) zu keinem der drei Zeitpunkte auf dem externen Arbeitsmarkt nach Fachkräften suchte. Nur 29 Prozent der Betriebe suchten gelegentlich, nur 10 Prozent zu allen drei Zeitpunkten nach Fachkräften. Die meisten Betriebe, die nach Fachkräften suchten, konnten ihre offenen Stellen auch besetzen (68 Prozent). 20 Prozent der Betriebe hatten aber zu jedem Zeitpunkt, an dem sie auf dem externen Arbeitsmarkt nach Fachkräften suchten, unbesetzte Stellen. Bei 12 Prozent der Betriebe blieben Stellen für Fachkräfte gelegentlich - d.h. nicht zu jedem Zeitpunkt, an dem sie suchten - unbesetzt. Die Mehrheit der Betriebe konnte also ihren Fachkräftebedarf im Zeitverlauf decken.

Dieter Bogai (IAB): Regionaler Fachkräftebedarf – Kurzfristanalyse und Prognostizierbarkeit

Derzeit bestehen in einigen Regionen und beruflichen Teilarbeitsmärkten Engpässe bei der Rekrutierung von Fachkräften. Diese Entwicklung geht nach den verfügbaren Indikatoren nicht über das Ausmaß hinaus, das in vergangenen Aufschwungphasen zu beobachten war. Bei steigenden Qualifikationsanforderungen und weniger jungen Erwerbspersonen ist künftig allerdings mit einem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften zu rechnen. Er wird nicht alle Regionen gleichmäßig treffen und seine Vorhersage auf der Grundlage regionaler branchen- oder berufsbezogener Angebots- und Nachfrageprognosen ist mit großen Unsicherheiten behaftet. Mit einem Konzept regional gegliederter und differenzierter Arbeitsmarktinformationen lassen sich jedoch Hinweise gewinnen, die z.B. in Brandenburg Anstöße zu dezentralen Ausbildungsaktivitäten geben sollen.

Oliver Schmale (BA): Steigender Fachkräftebedarf: Strategien der Bundesagentur für Arbeit zur Besetzung offener Stellen

Der Bedarf an Fachkräften nimmt tendenziell zu. In bestimmten Regionen und Branchen lassen sich bereits Engpässe feststellen. Um die steigende Nachfrage nach qualifiziertem Personal befriedigen zu können, müssen alle Beteiligten am Arbeitsmarkt einen Beitrag leisten: Die Bundesagentur für Arbeit, die Politik, aber auch Arbeitgeber und Arbeitnehmer. In seinem Impulsreferat führte Schmale aus, welche konkreten Beiträge die genannten Akteure leisten können, um dem drohenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Die BA habe sich bereits auf die Entwicklung eingestellt und biete umfangreiche Dienstleistungen sowie finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten an.

Zusammenfassung der Diskussion im Workshop 1:

Die rund 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops waren sich schnell einig - von einem allgemeinen Fachkräftemangel könne derzeit noch keine Rede sein. Allenfalls seien regionale und branchenspezifische Engpässe erkennbar, die zudem im Zeitverlauf variierten: So habe es 2006 vornehmlich in der Metall- und Elektrobranche Engpässe gegeben, 2007 lagen diese eher im Bereich der unternehmensbezogenen Dienstleistungen.
Im Mittelpunkt der Debatte standen vor allem die Ergebnisse der Offene-Stellen-Erhebung. Diese legten den Befund nahe, dass der Arbeitgeberservice der BA Schwächen bei der Kontaktaufnahme mit Kleinst- und Kleinbetrieben aufweise. Es bestand Konsens, dass ein verstärkter Kontakt zu allen kleineren Betrieben im Prinzip wünschenswert, wegen der großen Anzahl dieser Betriebe allerdings kaum finanzierbar sei. In der Diskussion kam daher der Vorschlag auf, sich bei dem Kontakt zu kleineren Betrieben vorrangig auf solche Branchen zu konzentrieren, die in der jeweiligen Region besonders häufig neue Arbeitskräfte einstellten.
Eine weitere Debatte entzündete sich an der These von Dieter Bogai, dass eine wissenschaftlich belastbare Bedarfsprognose nach Berufen auf kleinräumiger Ebene derzeit nicht möglich sei. Auch wenn solche Prognosen von den politischen Entscheidungsträgern immer wieder gefordert würden, ist deren realer Nutzen gleichwohl umstritten. Während einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer diese als Hilfestellung für angehende Auszubildende gut hießen, warnten andere vor dem durch solche Prognosen verschärften Problem des „Schweinezyklus“.

Workshop 2: Bildung (Moderation: Stefan Fuchs, IAB)

Poster Workshop 2 der FachkräftekonferenzHannelore Plicht (IAB): Berufliche Ausbildung in Deutschland — Probleme, Chancen, Risiken

Zunächst berichtete Hannelore Plicht über aktuelle Entwicklungen im dualen System. Die Eintritte in berufsvorbereitende Maßnahmen hätten in den letzten Jahren massiv zugenommen - insbesondere, weil Hauptschüler und leistungsschwächere Jugendliche sowie Jugendliche mit Migrationshintergrund Probleme hätten, einen Ausbildungsvertrag zu erhalten. In Anbetracht der hohen Zahl von Neu- und Altbewerberinnen und -bewerbern seien die Bedingungen für Betriebe, ihre Ausbildungsstellen zu besetzen, derzeit günstig. Dies werde sich in Zukunft ändern: Bei den Alterskohorten der 15 bis 19jährigen sei bereits jetzt ein zahlenmäßiger Rückgang zu verzeichnen. Um künftig die Rekrutierung von Fachkräften sicherzustellen, werde es nötig sein, Fördermaßnahmen für Jugendliche und junge Erwachsene auszuweiten sowie deren Betreuung und Begleitung sicherzustellen. Die Betriebe müssten dabei besser unterstützt werden. Die Unternehmen selbst müssten höhere Investitionen in Weiterbildung tätigen, um attraktiver für Jugendliche zu werden.

Die anschließende Diskussion machte deutlich, dass der Kenntnisstand über den Verbleib von Jugendlichen in berufsvorbereitenden und in schulischen Maßnahmen mangelhaft sei. Noch fehlten Längsschnittdaten zum Übergang von der Schule ins Erwerbsleben - ein Mangel, der durch das nationale Bildungspanel künftig behoben werden könnte. Auch die Frage, inwiefern Jugendliche durch Initiativen, Ehrenamtliche und so genannte „Berufsvorbereiter“ in Hauptschulen unterstützt werden können, wurde diskutiert. Allgemein herrschte große Einigkeit über die Bedeutung von Prävention und früher Förderung, allerdings müsste dabei die Abstimmung zwischen den beteiligten Akteuren stimmen.

Ute Leber (IAB): Betriebliche Weiterbildung in kleinen und mittleren Unternehmen

Im Anschluss berichtete Ute Leber über Weiterbildung in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in Deutschland. Zwar nehme der Umfang betrieblicher Weiterbildungsaktivitäten langfristig zu, in den letzten Jahren sei allerdings eher eine Stagnation festzustellen. Im internationalen Vergleich sei das Niveau der Weiterbildungsaktivität in Deutschland unterdurchschnittlich. Bereiche mit niedrigen Weiterbildungsaktivitäten seien auf Betriebsebene vor allem die KMU, auf Personenebene vor allem Geringqualifizierte, Ältere, Menschen mit Migrationshintergrund sowie Frauen mit Kindern und in Teilzeit. Auf Basis des IAB-Betriebspanels lassen sich als Gründe für unterdurchschnittliche Weiterbildungsbeteiligung unter anderem die Kosten der Weiterbildung und der Freistellung von Personen durch die Betriebe nennen. Die Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen nehme mit der Betriebsgröße deutlich zu. Wenn sie sich allerdings zur Weiterbildung entschlossen hätten, bildeten Kleinbetriebe sehr intensiv und effizient aus. Zur Erhöhung der Weiterbildungsbeteiligung beitragen könnten unter anderem der Ausbau von Beratungsleistungen durch Weiterbildungsnetzwerke von KMU sowie spezielle Angebote für bildungsferne Gruppen.

In der anschließenden Diskussion wurden bestehende Programme zur Aktivierung der Weiterbildungsbeteiligung kontrovers diskutiert. So wurden in der letzten Zeit zwar Beratungsleistungen und Programme zur Weiterbildung intensiviert. Allerdings werde über entsprechende Programme politisch entschieden, so dass sie mitunter nur eine begrenzte Laufzeit hätten. Nicht immer wür-den die Adressaten auch erreicht. Zudem seien nicht alle Betriebe die entsprechenden Programme informiert, manche sähen auch keinen Qualifizierungsbedarf. Angesetzt werden müsse bei der Vernetzung der Akteure und bei der Beratungsstruktur in den Betrieben, zum Teil auch direkt bei den nicht teilnehmenden Beschäftigten. Allgemein wurde gerade der Bedarf an einer verstärkten Förderung der innerbetrieblichen Weiterbildung durch die BA bzw. den Gesetzgeber gesehen. Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer sahen insbesondere in Beispielen wie „Lernende Regionen“ oder dem „Innovationskreis berufliche Bildung“ vielversprechende Ansätze für eine gute Vernetzung der relevanten Akteure mit dem Ziel der Förderung eines kontinuierlichen, lebenslangen Lernens. Diskutiert wurde schließlich das Ausmaß der individuellen Nachfrage nach Weiterbildung und der sich aus dem IAB Betriebspanel ergebende Befund, dass weniger als 10 Prozent der Betriebe vom wechselseitigen Wissenstransfer zwischen jung zu alt profitieren. In jedem Fall, so Leber, müsse bei den Aussagen einzelner Studien stets geprüft werden, welche Definition von Weiterbildung jeweils zugrunde liege.

Franziska Schreyer (IAB): Das Ingenieurstudium - Entwicklung und Tendenzen

Klagen über einen aktuellen Mangel an Ingenieurinnen und Ingenieuren seien häufig - so Schreyer - undifferenziert und übertrieben, gravierender sei der künftig zu erwartende Mangel: Der Bedarf dürfte auch hier steigen, in den kommenden Jahren würden viele Ingenieurinnen und Ingenieure aus dem Beruf ausscheiden, die Studienanfängerzahlen im technischen Feld seien bislang nicht stetig gestiegen und die Abbrecherquoten lägen besonders im Bereich Elektrotechnik und Maschinenbauingenieurwesen hoch, insbesondere bei den neuen Bachelorstudiengängen. Impulse zur Erhöhung des ingenieurwissenschaftlichen Potenzials könnten von mehr Zuwanderung ausgehen und von der Weiterbildung und Integration Älterer und Arbeitsloser. Eine Entschlackung von Studienplänen, eine Verlängerung des sechssemestrigen Bachelors und bessere Betreuung der Studierenden könnten zu einem Abbau der hohen Studienabbrecherquoten beitragen. Nach wie vor läge die Frauenrepäsentanz unterhalb des OECD-Durchschnitts. Ingenieurinnen seien zudem auf dem Arbeitsmarkt im Nachteil: So sei die Arbeitslosenquote bei den Frauen in Ingenieurberufen 2007 doppelt so hoch gewesen wie bei den Männern. Anstrengungen, mehr Frauen für das Ingenieurstudium zu gewinnen (z.B. Girls Day, Frauenstudiengänge) seien wich-tig, reichten aber nicht aus. Auch die Arbeitswelt müsste sich ändern, vor allem was die Arbeitszeitkultur im Ingenieurberuf angehe. In der Diskussion wurde deutlich, dass bislang noch wenig Erkenntnisse darüber vorlägen, ob und wie Absolventen mit Bachelor-Abschluss beruflich unterkämen und wie Unternehmen diesen Abschluss im Ingenieurberuf beurteilten. Derzeit gäbe es rund 8.000 arbeitslose Elektro- und Maschinenbauingenieurinnen und -ingenieure, deren Vermittlung zum Teil am Alter scheitere. Auch auf die Diskrepanz zwischen Qualifikationen und Erwartungen der Betriebe wies Schreyer hin. Konsens herrschte darüber, dass Arbeitszeitanforderungen und geschlechtsverzerrte Leistungsbeurteilungen sich ändern müssten, um Frauen dauerhaft im Ingenieurberuf zu halten. Die Betriebe hätten Anfang der 1990er Jahre restriktiv eingestellt und gleichzeitig ältere Beschäftigte entlassen - ein Prozess, der vor allem männliche Bildungsaufsteiger verunsichert habe. Zum Stichwort „Schweinezyklus“ führte Schreyer aus, dass Mitte des kommenden Jahrzehnts ein breiter Ingenieurmangel vorliegen und die Gefahr des Schweinezyklus aufgrund des demografischen Wandels eher abnehmen dürfte.

Gerd Möller (Ministerium für Schule und Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen): Ausschöpfung von Bildungspotenzialen

In seinem Beitrag zum Workshop 2 stellte Gerd Möller vom Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen am Beispiel ausgewählter Befunde zunächst dar, dass das vorhandene Bildungspotenzial in Deutschland nicht ausgeschöpft werde. Es bedürfe einer massiven Ausweitung der Frühförderung von Kindern vor allem aus den bildungsfernen Schichten, denn nur so könnten primäre und sekundäre soziale Effekte im Bildungssystem deutlich verringert werden. Konkrete Maßnahmen zur besseren Ausschöpfung des Bildungspotenzials in Deutschland sollten auf den Ausbau der Krippenplätze zielen und auf die Steigerung der Besuchsquote in Kindergärten. Eine frühe und kontinuierliche Sprachförderung trage dazu ebenso bei wie eine bessere individuelle Förderung. Im Unterricht sollte die Orientierung stärker auf Kompetenzen und weniger auf Wissensanhäufung liegen. Der Anteil von Absolventen ohne Schulabschluss sollte deutlich verringert werden. Auch müsse sichergestellt sein, dass „Risikoschüler“ die Mindeststandards erreichen. Die Bildung sogenannter „Restschulen“ lehnte Möller ab.

Zusammenfassung der Schlussdiskussion in Workshop 2:

In der abschließenden Diskussion bestand Einigkeit über die hohen Erträge früher Humankapitalinvestitionen und die Bedeutung von früher Förderung zur Vermeidung von Bildungsarmut. Diskutiert wurde auch, inwiefern eine Reform der Lehrer- und Erzieherausbildung dazu beitragen könnte, Kindern das notwendige Basiswissen und inhaltliche Kompetenzen bereits früh zu vermitteln. Hier bestand Konsens über einen Nachholbedarf bei frühkindlicher Bildung. Einschränkend wurde allerdings auch darauf aufmerksam gemacht, dass dies für die Bundesländer auch eine Frage der Ressourcen sei. Grundsätzlich sinnvoll seien Informationen über Best Practice Beispiele im Bildungsbereich, etwa die Auszeichnung erfolgreicher Schulen und die Bereitstellung von entsprechendem „Erfolgswissen“.


Workshop 3: Demographischer Wandel, Migration, Integration, Frauen (Moderation: Carola Burkert, IAB)

Poster Workshop 3 der FachkräftekonferenzHans Fuchs (IAB): Demographische Effekte auf das Erwerbspersonenpotenzial

Die demographische Entwicklung sei für die nächsten Jahrzehnte weitgehend vorgegeben, so der Befund von Hans Fuchs in seinem einleitenden Impulsreferat. Die stark besetzte Baby-Boom-Generation der 1950er und 1960er Jahre gehöre allmählich zu den „Älteren“ am Arbeitsmarkt, die nachkommenden Generationen seien deutlich schwächer besetzt: Aktuell erreichten die jüngeren Alterskohorten gerade noch die Hälfte des Umfangs der Baby-Boom-Kohorte.

Allein aufgrund der demographischen Einflüsse würde das Potenzial an Arbeitskräften von derzeit 44,5 Millionen Erwerbspersonen bis 2050 um rund 18 Millionen Personen sinken. Dieser Rückgang könne aber um bis zu 11,6 Millionen abgeschwächt werden: durch Zuwanderung, eine deutlich höhere Frauenerwerbsbeteiligung und vermehrte Alterserwerbstätigkeit - vor allem dank der Rente mit 67.

In der Diskussion machte Fuchs noch einmal deutlich, dass ein Mehr an Zuwanderung sowie längere Lebensarbeitszeiten die demographischen Effekte allenfalls partiell ausgleichen könnten.

Herbert Brücker (IAB): Kann Zuwanderung Mismatch auf dem Arbeitsmarkt verringern?

Herbert Brücker argumentierte in seinem Beitrag, dass internationale Migration kurzfristig Mismatch reduzieren und zur Besetzung von Arbeitsplätzen führen könne - ohne dass sich deswegen die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland erhöhe. Tatsächlich wanderten Migranten überwiegend in prosperierende Ballungsräume mit geringer Arbeitslosigkeit, vielen offenen Stellen und hohen Löhnen. Simulationsmodelle zeigen, dass Migration bei regionalem Mismatch zu einem deutlichen Anstieg des BIP und zu einer Verringerung der Arbeitslosigkeit führe. Langfristig, so Brücker, sei nicht zu erwarten, dass Migration Auswirkungen auf Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel habe, da sich der Kapitalstock an das Arbeitsangebot anpasse. Migration könne aber langfristig die Wachstumsrate erhöhen. Auch der Sozialstaat profitiere von Zuwanderung. Diese Gewinne stiegen mit der Qualifikation der Migranten.

In der Diskussion wies Brücker darauf hin, dass das Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf bei geringer Qualifikation der Migranten langfristig sinke. Der aussagekräftigere Indikator seien jedoch die Effekte der Zuwanderung auf das Einkommen der ansässigen Bevölkerung. Diese seien unterm Strich sehr gering. Stattdessen dominierten Verteilungseffekte: Während die Geringqualifizierten tendenziell verlören, gehörten die besser Qualifizierten eher zu den Gewinnern. Die Problematik der Abwanderung sei differenziert zu betrachten: Seit zwei Jahren sei eine Nettoabwanderung von Deutschen vor allem in OCED-Länder zu beobachten; allerdings wanderten v.a. besser qualifizierte Personen aus den OCED Ländern nach Deutschland zu, so dass Deutschland per Saldo profitiere. Dennoch, so Brücker, sei eine Steuerung der arbeitmarktbezogenen Zuwanderung nach Humankapitalkriterien notwendig.

Kathrin Dressel (IAB): Der Arbeitsmarkt für Frauen - Schon am Ziel oder noch viel zu tun?

Um dem künftigen Fachkräftebedarf zu begegnen, sei eine stärkere Einbindung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt notwendig - so das Plädoyer von Kathrin Dressel. Frauen seien - schon angesichts ihrer Bildungserfolge - eine immer bedeutendere Teilgruppe des qualifizierten Erwerbspersonenpotenzials. Dennoch trügen sie nur unterproportional zum gesamten Arbeitsvolumen bei und erreichten seltener als ihre männlichen Kollegen Führungspositionen. Ungenutzte Potenziale gäbe es auch hinsichtlich des Berufsspektrums der Frauen. Noch immer konzentrierten sich Frauen auf wenige Berufsgruppen und drängen kaum in typische „Männerdomänen“ vor.

Die Diskussion konzentrierte sich auf zwei Themen: bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und das enge Berufswahlspektrum von Mädchen bzw. Frauen, welches häufig mit Karriere- und Einkommensbegrenzungen verbunden sei. Dressel konstatierte, dass die Dominanz der häuslichen Kinderbetreuung in Deutschland vor allem einem kulturellen Leitbild geschuldet ist, das die Kinderbetreuung den Müttern und damit dem privaten Bereich überantworte; wer dies aufbrechen wolle, stoße noch immer auf ideologische Widerstände. Geld fließe deshalb vor allem in Transferleistungen, weniger in Betreuungsangebote. Mit der Erkenntnis, das frühkindliche Bildung Bildungsungleichheiten aufzubrechen vermag und späteren "Reparaturmaßnahmen" vorzuziehen ist, sei aber auch in Deutschland ein Umdenken zu erkennen. Was die Berufswahl betreffe, sei ein denkbarer Weg, früher und vor allem kontinuierlicher eine gezielte Berufsorientierung zu verfolgen und weniger auf punktuell ansetzende Maßnahmen zu vertrauen. Um mehr Frauen für "Männerberufe" zu gewinnen, müsse jedoch vor allem eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Frauen in diesen Berufen angestrebt werden.

Hans-Dietrich von Loeffelholz (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge): Bevölkerungsentwicklung, ressourcenorientierte Integrationsmaßnahmen und Kosten der Nicht-Integration

Von Loeffelholz plädierte in seinem Beitrag dafür, das Potenzial der bereits in Deutschland ansässigen Migranten stärker zu nutzen, denn der Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials führe selbst bei anhaltender Migration zu spürbaren Verknappungen des Arbeitsangebots. Aber auch die Steuerung der Zuwanderung nach wirtschaftlichen Bedürfnissen könne zur Bewältigung der demographischen Herausforderungen beitragen. Integrationskurse, für die seit 2005 jahresdurchschnittlich 180 Mio. Euro ausgegeben würden, trügen auch diesen Bedürfnissen Rechnung. Darüber hinaus reduziere ein solcher ressourcenorientierter Integrationsansatz die Kosten der Nicht-Integration von Migranten. Davon profitierten die Zuwanderer ebenso wie die Gesellschaft als Ganzes.

Loeffelholz verdeutlichte in der anschließenden Diskussion die positiven Effekte der Migration auf Staatshaushalt und Sozialversicherungssysteme und betonte die Bedeutung von Integrationsmaßnahmen für Jugendliche.


 

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