Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

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„Wissenschaft trifft Praxis“
Tagungsbericht zur Konferenz „Betriebliche Weiterbildung“ am 21. und 22. Juni 2010

Konferenz "Betriebliche Weiterbildung" : Rede von Gerd Hoofe (Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales)

Die Wertschöpfung in unserer Gesellschaft erfolgt heute in hohem Maße wissensbasiert. Eine Volkswirtschaft, der es nicht gelingt, die Qualifikationen ihrer Erwerbstätigen auf dem neuesten Stand zu halten, wird im internationalen Wettbewerb zurückfallen. Für die nachhaltige Sicherung der betrieblichen Produktivität wie für die individuelle Beschäftigungsfähigkeit spielt eine arbeitsplatznahe Weiterbildung eine wichtige Rolle – Grund genug für das IAB und die Bundesagentur für Arbeit, sich des Themas „Betriebliche Weiterbildung“ im Rahmen der jährlichen Gesprächsreihe „Wissenschaft tritt Praxis“ anzunehmen. Dass dieses Thema auf breite Resonanz stößt, belegen die über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Arbeitsverwaltung.

Herausforderung Fachkräftemangel

Demografischer und technologischer Wandel und die Globalisierung sind die drei Megatrends, mit denen sich Unternehmen und Beschäftigte, aber auch die Bundesagentur für Arbeit (BA) auseinandersetzen müssen. Darauf wies BA-Vorstand Raimund Becker in seinem Einführungswort zur Veranstaltung hin. Spätestens in ein bis zwei Jahren werden die Unternehmen wieder - wie schon vor der Wirtschaftskrise - mit dem Problem des zunehmenden Fachkräftemangels konfrontiert sein: Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage in Deutschland werden sich bis zum Jahr 2025 angenähert haben. Geringqualifizierte dürften von dieser Entwicklung direkt jedoch kaum profitieren – im Gegenteil. Denn dem steigenden Bedarf an gut qualifizierten Arbeitskräften mit Hoch- oder Fachhochschulabschluss steht eine sinkende Nachfrage nach Personen mit geringer Qualifikation gegenüber. Um dem Fachkräftebedarf zu decken, müssen die Unternehmen umdenken: Sie sollten ihre älteren Arbeitnehmer halten und qualifizieren, ebenso wie geringqualifizierte Beschäftigte und andere tendenziell „weiterbildungsferne“ Beschäftigtengruppen. Die Bundesagentur, so Becker, hat dabei viele Möglichkeiten, betriebliche Weiterbildung zu unterstützen, etwa über das Förderprogramm WeGeBAU (Förderung der beruflichen Weiterbildung von Geringqualifizierten und älteren Beschäftigten). Entscheidend aber sei, dass die Unternehmen sich verstärkt um ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bemühen, in deren Gesundheitsprävention investieren und sie in einem permanenten Lernprozess unterstützen. Auch bei den Beschäftigten müssten Hemmschwellen abgebaut werden, so dass auch auf der individuellen Seite ein Bewusstseinswandel einsetzen könne.

„Deutsche Arbeitnehmer sind nur auf den ersten Blick gut qualifiziert“

IAB-Direktor Joachim Möller sieht berufliche Weiterbildung als ein Schlüsselthema für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Fraglich sei jedoch, ob sich dies bereits ausreichend in der realen Arbeitswelt niederschlägt. Auf den ersten Blick seien Deutschlands Arbeitnehmer gut qualifiziert – vier Fünftel verfügen über eine  formale berufliche Qualifikation. Das tatsächliche Qualifikationsniveau hänge aber nicht nur von der Ausbildung, sondern auch von der Weiterbildungsbeteiligung ab. Und damit verschlechtere sich die Bilanz. Laut „Berichtssystem Weiterbildung 2007“ hätten im Jahr 2006 nur gut zwei Fünftel der Bevölkerung zwischen 19 und 64 Jahren an Maßnahmen der beruflichen oder allgemeinen Weiterbildung teilgenommen. Bedenklich stimme zudem, dass neben Geringqualifizierten insbesondere Personen mit Migrationshintergrund, Frauen mit betreuungsbedürftigen Kindern und ältere Arbeitnehmer eine geringe Bildungsbeteiligung aufweisen. Auch auf der betrieblichen Seite sieht Möller noch Luft nach oben: Ergebnisse des IAB-Betriebspanels zeigen, dass bisher nicht einmal die Hälfte aller Betriebe aktiv Weiterbildung angeboten hat.  Dabei müssten die Weiterbildungsangebote so gestaltet werden, dass sie – ohne stigmatisierend zu wirken – die jeweiligen Zielgruppen erreichen und an die betrieblichen Gegebenheiten angepasst sind. Die Herausforderung bestehe darin, dass ohne Zweifel vorhandene Qualifikationspotenzial besser auszuschöpfen. Auch das IAB forsche intensiv an diesen Themen. So sei das IAB an der „Erwachsenenetappe“ des Nationalen Bildungspanels beteiligt, das sich mit dem Thema „Erwachsenenbildung“ befasst. Deren Ziel sei es, auf individueller Ebene die langfristigen Zusammenhänge zwischen formaler Bildung, kognitiven Grundkompetenzen und dem Erwerbsleben von Erwachsenen zu ergründen. Möller wies zudem auf das Forschungsprojekt „Berufliche Weiterbildung als Bestandteil Lebenslangen Lernens“ hin, das sich der Analyse innerbetrieblicher und individueller Weiterbildungsaktivitäten im Zeitverlauf widmet.

„In der Arbeitsmarktpolitik geht es nicht um den Rotstift, sondern um eine zielgenauere Ausrichtung“

Der mit dieser Konferenz angestrebte Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis setzt für alle Beteiligten wichtige Impulse in der Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik. Davon zeigte sich Gerd Hoofe, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, überzeugt.  Das wachsende Weiterbildungsengagement der Betriebe stimme optimistisch. Viele Unternehmen hätten erkannt, dass sie damit ihre Attraktivität als potenzielle Arbeitgeber erhöhen und die Motivation ihrer Beschäftigten stärken. Die Unternehmen, so Hoofe, müssen als Träger für die betriebliche Weiterbildung fungieren. Die Arbeitsmarktpolitik könne aber entsprechende Impulse setzen und Instrumente zur Unterstützung der betrieblichen Weiterbildung anbieten. Die Bildungspolitik müsse geeignete Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass sich Qualifikationspotenziale entwickeln können und lebenslanges Lernen gefördert wird. Hoofe wies in diesem Zusammenhang auf das ehrgeizige Ziel der Bundesregierung hin, trotz Haushaltskonsolidierung den Anteil der staatlichen und privaten Ausgaben für Bildung und Forschung bis 2015 auf 10 Prozent des Bruttoinlandprodukts zu steigern. Auch die Weiterbildungsquote solle bis dahin auf über 50 Prozent angehoben werden. Dazu bedürfe es  einer Weiterbildungsallianz mit den Sozialpartnern. Verschiedene Programme sollen die Weiterbildung älterer Arbeitnehmer, Geringqualifizierter und Beschäftigter mit Migrationshintergrund unterstützen. Der Fokus liege auf klein- und mittelständischen Unternehmen. Auch dort müsse das Ziel eines lebenslangen Lernens zu einem Schwerpunkt betrieblicher Personalarbeit werden. Hier komme Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften die Aufgabe zu, Betriebe zusammenzubringen, damit diese gemeinsame Lösungen für die betriebliche Weiterbildung erarbeiten. Hoofe betonte zugleich, dass die Bundesregierung alle vorhandenen Instrumente der Arbeitsmarktpolitik auf den Prüfstand stellen werde. Dabei gehe es aber nicht um den Rotstift, sondern um eine zielgenauere Ausrichtung des Instrumentariums. Abschließend wies Hoofe darauf hin, dass die Politik im Sinne einer effizienten Steuerung weiterhin großen Bedarf an einschlägigen Datengrundlagen und wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen auf dem Feld der beruflichen Weiterbildung habe.

Geringqualifizierte, Migranten, Ältere und Frauen mit zu betreuenden Angehörigen unterrepräsentiert

Prof. Lutz Bellmann (IAB)Prof. Lutz Bellmann (IAB)

Professor Lutz Bellmann, Leiter des Bereiches „Betriebe und Beschäftigung“ im IAB, zeigte anhand von Daten aus dem IAB-Betriebspanel aktuelle Entwicklungen in der betrieblichen Weiterbildung auf. Im Krisenjahr 2009 sei der Anteil der weiterbildenden Betriebe im Vergleich zum Vorjahr von 49 auf 45 Prozent gesunken. Offenbar falle es manchen Betrieben in der Krise schwerer, die direkten Kosten der Weiterbildung zu tragen, zumal deren Erträge krisenbedingt auch mit größerer Unsicherheit behaftet sind. Hinzu kommt vielfach die fehlende inhaltliche und zeitliche Passgenauigkeit zwischen Weiterbildungsmaßnahmen und betrieblichen Notwendigkeiten. Allerdings spreche auch einiges für eine Ausweitung der Weiterbildung in der Krise. So konnten die Betriebe verstärkt öffentliche Förderprogramme, etwa im Rahmen der Kurzarbeit, nutzen. Die Freistellung von Personal müsste den Betrieben leichter gefallen sein. Ebenso dürfte die Gefahr, dass qualifizierte Mitarbeiter abwandern, in der Krise sinken. Generell investieren kleine und mittlere Unternehmen weniger in Weiterbildung als Großunternehmen. Und es sind Geringqualifizierte, Personen mit Migrationshintergrund, Frauen mit betreuungsbedürftigen Angehörigen und ältere Arbeitnehmer, die seltener an Weiterbildung teilnehmen. Es gilt, sowohl diese Betriebe als auch diese Personengruppen künftig stärker zu aktivieren.

Berufsspezifischer Arbeitskräftebedarf entwickelt sich unterschiedlich

Prof. Martin Baethge (Leiter des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI))Prof. Martin Baethge (Leiter des
Soziologischen Forschungs-
instituts Göttingen)

Prof. Martin Baethge, Leiter des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen und Mitautor des nationalen Bildungsberichts, zeigte in seinem Vortrag auf, wie sich die demographische Entwicklung auf das Bildungssystem und auf das Qualifikationspotenzial der deutschen Bevölkerung auswirken wird. Die Zahl der Absolventen allgemeinbildender und beruflicher Schulen, insbesondere derjenigen mit mittlerem Abschluss, wird bis zum Jahr 2025 deutlich schrumpfen. Die Zahl der Abiturienten wird noch bis zum Jahr 2013 ansteigen, um danach ebenfalls zu sinken. Für das duale System und das Schulberufssystem wird erwartet, dass die Zahl der Absolventen nur leicht zurückgeht. Hingegen werden die Angebote des Übergangssystems   also einjährige Bildungsangebote wie das Berufsgrundbildungsjahr, das Berufsvorbereitungsjahr und das Berufseinstiegsjahr deutlich reduziert. Die Studiennachfrage wird bis zum Jahr 2013 in Westdeutschland noch zunehmen, danach aber deutlich sinken. Bedenklich stimme insbesondere, dass bereits jetzt die Studiennachfrage in den ostdeutschen Flächenländern dramatisch zurückgeht. Bei der betrieblichen Weiterbildung wird die Zahl der unter 50jährigen ab-, die der über 50jährigen zunehmen. Die Lücke zwischen dem Bedarf und dem Angebot an Arbeitskräften werde sich per Saldo bis zum Jahr 2025 zusehends schließen. Der berufsspezifische Bedarf werde sich aber sehr unterschiedlich entwickeln. Es gebe einen steigenden Bedarf an Gesundheitsberufen, „nicht aber an den berühmten MINT-Berufen“, so Baethge. Dem widersprach Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, der auch dem Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit angehört, vehement. Der Bedarf an MINT-Berufen, davon zeigte sich Brossardt überzeugt, werde auch künftig steigen.

Baethge betonte, dass die präsentierten Zahlen auf der Annahme unveränderter Rahmenbedingungen im Bildungsbereich basieren – und durch entsprechende Reformen durchaus positiv beeinflusst werden könnten. Deren Ziel müsse sein, den Bereich der frühkindlichen Bildung auszubauen, den Anteil der Personen mit niedrigem oder fehlendem Schulabschluss zu senken und die Durchlässigkeit zum Hochschuldstudium zu verbessern. Insbesondere bei der betrieblichen Weiterbildung müssten soziale, alters- und geschlechtsspezifische Disparitäten verringert werden.

„Weiterbildungsinhalte einzelbetrieblich festlegen“

Bertram Brossardt, nahm sich dem Thema „Betriebliche Weiterbildung“ aus der Arbeitgeberperspektive an. Betriebliche Weiterbildung, so Brossardt, müsse im und für den Betrieb erfolgen und daher auch deren Ausmaß und deren inhaltliche Gestaltung in der Verantwortung des einzelnen Unternehmens liegen. Entsprechend kritisch bewertete er überbetriebliche Weiterbildung. Die Politik solle sich darauf konzentrieren, lernförderliche Rahmenbedingungen zu schaffen und auf regulierende Eingriffe in den Weiterbildungsmarkt verzichten. Brossardt appellierte auch an die Eigenverantwortung und Eigeninitiative der Beschäftigten - gerade auch bei denen, die sich bisher kaum beruflich weitergebildet haben. Unternehmen und Wirtschaftsverbände engagieren sich laut Brossardt bereits heute sehr stark in der beruflichen Weiterbildung. Nach Umfragen des Instituts der deutschen Wirtschaft habe die Wirtschaft allein im Jahr 2007 27 Milliarden Euro - 1050 Euro für jeden sozialversicherungspflichtig Beschäftigten - in betriebliche Weiterbildung investiert. Jedoch müssten kleinere und mittlere Unternehmen noch stärker für das Thema „Weiterbildung“ sensibilisiert werden. Darauf zielten auch die Aktivitäten der Mitgliedsverbände der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. So fanden im Jahr 2008 etwa 1.000 Veranstaltungen mit circa 9.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt. Aus der Vielzahl an Initiativen hob Brossardt das Servicecenter Aus- und Weiterbildung der bayerischen Metall- und Elektroarbeitgeber hervor. Es berät die Mitgliedsunternehmen zu Fragen der betrieblichen Weiterbildung und organisiert praxisorientierte und branchenspezifische Veranstaltungen. Dabei würden auch Fördermaßnahmen wie WeGebAU verstärkt genutzt, mit dem die Bundesagentur für Arbeit die Weiterbildung für geringqualifizierte und ältere Beschäftigte bezuschusst. Jedoch bedürfe es auch für höher Qualifizierte anspruchsvoller Weiterbildungsangebote. Hier seien insbesondere die Hochschulen gefordert, auch Personen ohne Hochschulreife ein Studium zu ermöglichen. Generell sprach sich Brossardt dafür aus, die berufliche Ausbildung auf Kerninhalte zu beschränken und diese durch noch stärker modularisierte und berufsbegleitende Weiterbildungsangebote zu ergänzen.

 

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