Wissenschaft trifft Praxis
Workshops zur Konferenz "Betriebliche Weiterbildung" am 21. und 22. Juni 2010

Am zweiten Veranstaltungstag wurde die Diskussion in zwei parallel stattfindenden Workshops vertieft:
Workshop I „Förderungsmöglichkeiten und Hemmnisse“
Guido Heineck (IAB)
Der von Dr. Guido Heineck (IAB) moderierte Workshop widmete sich den „Förderungsmöglichkeiten und Hemmnissen“ betrieblicher Weiterbildung. Er umfasste insgesamt fünf Beiträge:
IAB-Forscherin Dr. Ute Leber präsentierte zentrale empirische Befunde zum Weiterbildungsgeschehen in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Auch wenn die Weiterbildungsaktivitäten von KMU in den letzten Jahren zugenommen haben, liegt der Anteil der weiterbildenden Betriebe in diesem Segment nach wie vor deutlich unter dem größerer Unternehmen. Einer der Gründe für die Weiterbildungsabstinenz von KMU sei das Fehlen einer systematischen und langfristig angelegten Personalarbeit und -entwicklung. Als Ansatzpunkte für eine gezielte Förderung der Weiterbildung in Kleinbetrieben nannte sie unter anderem eine intensivere Beratung und ein verbessertes Angebot an Weiterbildungsverbünden und -netzwerken.
Margit Lott, ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin am IAB, stellte die Ergebnisse von zwei Betriebsbefragungen vor, die in den Jahren 2006 und 2008 zu WeGebAU durchgeführt wurden. Mit Hilfe der Befragungen sollte ermittelt werden, wie viele Betriebe die Fördermöglichkeiten kennen, wie viele sie genutzt haben und wie die Maßnahmen von den Betrieben beurteilt wurden. Dabei zeigt sich: Mittlere und große Betriebe sind besser über WeGebAU informiert als kleine und nutzen das Programm auch stärker. Zudem bewerteten im Jahr 2008 immerhin 88 Prozent der teilnehmenden Betriebe das Programm positiv.

Ute Leber (IAB)

Margit Lott (IAB)

Jürgen Spatz (BA)
Jürgen Spatz, Leiter des Bereichs „Aktive Arbeitsförderung und Produktbetreuung SGB III“ der BA, stellte in seinem Vortrag dar, wie die BA aktuell die Qualifizierung von Beschäftigten fördert. Die Förderung wurde im Zuge des im März 2009 verabschiedeten Konjunkturpakets II deutlich ausgeweitet, beispielsweise dadurch, dass die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung für Kurzarbeiter, die an einer beruflichen Qualifizierung teilnehmen, ab dem ersten Maßnahmemonat in voller Höhe übernommen werden. Spatz skizzierte, mit welchen Instrumenten die Bundesagentur versucht, bestehende Hemmnisse bei der Umsetzung von Qualifizierungsmaßnahmen abzubauen. So initiierte die BA regionale Qualifizierungsverbünde, um dem Qualifizierungsbedarf gerade von kleinen Unternehmen durch Bündelung auf überbetrieblicher Ebene gerecht zu werden.

Lutz Weber
(MR Datentechnik GmbH)

Harald Prantl
(ÖSB Consulting GmbH)
Von äußerst positiven Erfahrungen wusste Lutz Weber zu berichten, Personalverantwortlicher bei der mittelständischen Firma „MR Datentechnik“. Dank WeGeBAU und Kurzarbeit sei es der Firma gelungen, Arbeitsplätze nicht nur kurz-, sondern auch langfristig zu erhalten. „Ohne die professionelle Unterstützung der BA“, so Weber, „hätten wir das nicht geschafft“. Auch die Wirtschaftsvertreter aus dem Auditorium erteilten WeGeBAU sehr gute Noten und lobten die insgesamt gute Zusammenarbeit mit den örtlichen Ansprechpartnern in der BA.
Harald Prantl, Regionalbereichsleiter des Beratungsunternehmens „ÖSB Consulting“, machte in seinem Vortrag deutlich, dass es gerade in KMU vielfach an mittel- und langfristigen Personalentwicklungsstrategien und Weiterbildungskonzepten fehle, auch weil es oft keine definierten Zuständigkeiten gibt. In diesen Fällen sei es sinnvoll, dem Unternehmen einen Beratungspartner zur Seite zu stellen, der den konkreten Weiterbildungsbedarf in einem Betrieb systematisch erhebt und als Schnittstelle zur BA fungiert. So werden im Zuge eines entsprechenden Pilotprojekts im Qualifizierungsverbund Regensburg/Schwandorf 1.645 Personen geschult. Prantl wies aber auch auf die administrativen Hindernisse hin, etwa durch sich häufig ändernde Förderprogramme und -budgets.
Workshop II „Wer braucht schon Weiterbildung?“
Thomas Kruppe (IAB)
Dr. Thomas Kruppe, Wissenschaftler am IAB und Organisator der Tagung, moderierte den zweiten Workshop, der sich in insgesamt sechs Beiträgen der Frage „Wer braucht schon Weiterbildung?“ annahm:
Stefan Bender, Leiter des Forschungsdatenzentrums am IAB, ging in seinem Vortrag der Frage nach, aus welchen Gründen Beschäftigte nicht an beruflicher Weiterbildung teilnehmen. Bender präsentierte hierzu Ergebnisse aus einer Befragung, die im Rahmen des Projektes „Berufliche Weiterbildung als Bestandteil lebenslangen Lernens“ durchgeführt wurde. Als häufigsten Grund für die Nicht-Teilnahme gaben die Befragten an, dass sie ihre vorhandene Qualifikation bereits für ausreichend halten. Seltener genannt wurden zeitliche Hinderungsgründe und fehlende betriebliche Angebote. Und: Beschäftigte mit eher einfachen Tätigkeiten, Deutsche und ältere Arbeitnehmer sehen für sich einen unterdurchschnittlichen Weiterbildungsbedarf. Es müsse mehr getan werden, um gerade bildungsferne Personengruppen vom Nutzen der betrieblichen Weiterbildung zu überzeugen.
Genau hier setze auch die BA an. Darauf wies Uwe Minta, Leiter des Bereichs „Aktive Arbeitsförderung/Programm- und Prozessbetreung SGB III“ der BA, in seinem Fachvortrag hin. So seien bereits verschiedene Initiativen gestartet worden, um insbesondere bildungsferne Beschäftigtengruppen stärker an berufliche Weiterbildung heranzuführen und die Weiterbildungsbeteiligung in kleinen und mittleren Unternehmen zu erhöhen. Dabei ging Minta insbesondere auf die „Initiative zur Flankierung des Strukturwandels“, die „Qualifizierung während dem Bezug von Kurzarbeitergeld“ und verschiedene Angebote bei der Qualifizierungsberatung und der Anschubfinanzierung von Qualifizierungsverbünden ein.
Stefan Bender (FDZ am IAB)

Uwe Minta (BA)

Claudia Bogedan (WSI)
Die Entwicklung von Qualifizierung und Weiterbildung aus Sicht von Betriebsräten beschrieb Dr. Claudia Bogedan vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung. Der WSI-Betriebsräte-Befragung zufolge haben gut 70 Prozent der Betriebe, die von der Krise betroffen sind, und gut 60 Prozent aller anderen Betriebe ihre Angebote zur Fort- und Weiterbildung im Juli 2009 gegenüber Juli 2008 nicht ausgeweitet. Knapp die Hälfte der Betriebsräte begründet den Verzicht auf die Einrichtung oder Ausdehnung von betrieblichen Weiterbildungsangeboten mit zu hohen Kosten. Gut ein Fünftel der Befragten sah keinen Bedarf für Qualifizierungsmaßnahmen.
Christian Hollmann vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln stellte „Umfang, Kosten und Trends der betrieblichen Weiterbildung“ auf der Grundlage der IW-Weiterbildungserhebung 2008 vor. Demnach sehen die Unternehmen in betrieblicher Weiterbildung vor allem die Chance, Kompetenzen der Beschäftigten angemessen zu fördern und so zum Geschäftserfolg beizutragen. Für die kommenden Jahre sei unabhängig von konjunkturellen Verwerfungen ein steigender Weiterbildungsbedarf zu erwarten. Dies sei vor allem der Einführung neuer Technologien und dem zunehmenden Fachkräftemangel geschuldet.

Christian Hollmann (Institut der
deutschen Wirtschaft Köln)

Cornelia Wilkens (Ministerium für
Arbeit, Gesundheit und Soziales
des Landes Nordrhein-Westfalen)

Verena Schumacher (Projektträger
im deutschen Zentrum für Luft-
und Raumfahrt e.V.)
Cornelia Wilkens, Referentin für berufliche Weiterbildung im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen berichtete über Erfahrungen mit dem „Bildungsscheck Nordrhein-Westfalen“. Auf ihn haben Beschäftigte in kleinen und mittleren Unternehmen, Existenzgründer sowie Berufsrückkehrerinnen und Berufsrückkehrer Anspruch. Seit seiner Einführung im Januar 2006 wurden gut 380 Tsd. Bildungsschecks an Angehörige nahezu aller Berufsgruppen ausgegeben und 220 Tsd. Beratungen durchgeführt. Der Bildungsscheck habe über drei Viertel der Unternehmen dazu veranlasst, ihr Weiterbildungsengagement zu verstärken. Bemerkenswert sei außerdem, dass zwei Drittel der Bildungsscheckempfänger Frauen sind.
Über Grundlagen und aktuelle Zahlen zur „Bildungsprämie“ referierte Verena Schumacher, derzeit im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt tätig. Mit diesem Anfang 2010 bundesweit eingeführten Instrument wird die die berufliche Weiterbildung von Beschäftigten mit einem jährlichen Bruttoeinkommen von maximal 25.600 € gefördert. Neben der Gewährung eines Prämiengutscheins im Wert von bis zu 500 Euro und eines Spargutscheins wird im Zuge dieses Programms auch ein Netz von Beratungsstellen eingerichtet, deren Bedeutung sie besonders hervorhob.
