Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

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Wissenschaft trifft Praxis
Podiumsdiskussion  zur Konferenz "Langzeitarbeitslosigkeit" am 23. und 24. Juni 2015

Die zentralen Erkenntnisse und Ergebnisse der Workshops wurden im Rahmen der hochrangig besetzen Podiumsrunde debattiert. Diskutanten waren Dr. Wilhelm Adamy vom Deutschen Gewerkschaftsbund, Klaus Brandenburg, Referatsleiter am Bundeministerium für Arbeit und Soziales, Heike Bettermann vom Jobcenter Dortmund sowie Dr. Ulrich Walwei, IAB-Vizedirektor. Moderiert wurde die teils durchaus lebhafte Diskussion von Carsten Schabosky vom Westdeutschen Rundfunk.

Podiumsdiskussion

Bettermann: „Wir müssen die Bedarfe der Kunden besser erkennen.“

Heike Bettermann vom Jobcenter Dortmund verdeutlichte nochmals, dass es „den“ oder „die“ Langzeitarbeitslose nicht gibt. Hinter jedem Fall steckt ein anderes, individuelles Schicksal. Was jedoch alle eint, ist das hohe Maß an Perspektivlosigkeit und mangelndem Selbstwertgefühl. Bettermann wies ebenfalls wiederholt auf die Heterogenität der Gruppe der Langzeitarbeitslosen hin – neben Personen ohne Berufsabschluss finden sich darunter auch Hochschulabsolventen, die gerade die Universität beendet haben. Deshalb hält Bettermann es für unerlässlich, zuerst die individuellen Bedarfe und Potenziale der Kundinnen und Kunden zu erkennen, um dann den passenden Arbeitgeber zu finden. „Wo passt der Langzeitarbeitslose am besten hin und wie können wir ihn auf seinem Weg begleiten?“ stellte für Heike Bettermann eine der zentralen Fragen dar.

Brandenburg: „Es ist ein langer Atem bei der Integration nötig.“

Für Klaus Brandenburg, den Referatsleiter für „Grundsatzfragen der Arbeitsmarktpolitik“ im Bundeministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), ist eine erfolgreiche Integration von Langzeitarbeitslosen auch nach mehreren Jahren noch möglich – dabei sei aber ein langer Atem nötig, so Brandenburg. Dennoch gäbe es unbestritten einen „harten Kern“ von Langzeitarbeitslosen, die eine besondere Herausforderung bei der Integration in den ersten Arbeitsmarkt darstellen. Ein Dialog auf Augenhöhe und ein wertschätzender Umgang stellen für Brandenburg essenzielle Faktoren bei der Betreuung und Integration von Langzeitarbeitslosen dar.

Dr. Wilhelm Adamy vom Deutschen Gewerkschaftsbund beklagte, dass viele Langzeitarbeitslose nach kurzer Beschäftigung wieder in Hartz IV zurückfallen. Er kritisierte eine „Politik, die lediglich auf Rotation abzielt“. Er monierte zudem, dass Personen, die sich in einer Qualifizierungsmaßnahme befinden, schlechter gestellt sind als sogenannte Ein-Euro-Jobber. Für Adamy eröffnet der Arbeitsmarkt für bestimmte Personen keine Perspektive, diese hangeln sich dann über die Zeitarbeit zu einem Minijob, um dann wieder im Grundsicherungssystem zu landen. Dies führt seiner Ansicht nach zu einer Verstärkung der Resignation und Verhärtung von Armutslagen.

Walwei: „Es gibt keine Zauberlösung.“

Auf die Frage des Moderators nach möglichen Wegen aus der Langzeitarbeitslosigkeit machte IAB-Vize Ulrich Walwei zu Beginn deutlich, dass es kein Geheimrezept oder eine Zauberlösung beim Abbau von Langzeitarbeitslosigkeit gibt. Es sei wichtig, den Instrumentenkasten flexibler an die jeweilige Lebenssituation des Langzeitarbeitslosen anzupassen. Hierzu bedarf es „starker Diagnostiker in den Jobcentern“, so Walwei – also gut qualifizierte Berater in den Jobcentern, die sich die Kunden und deren Belange genau ansehen. Nur dann kann der Instrumentenkasten sinnvolle Anwendung finden! Wichtig sei zudem die Berücksichtigung regionaler Unterschiede und der Frage, wie aufnahmefähig der Arbeitsmarkt insgesamt für Langzeitarbeitslose ist.

Bettermann unterstrich ebenfalls die hohe Bedeutung gut qualifizierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Jobcentern. Das Beratungssystem erweise sich häufig als zu kompliziert und die hohe Fluktuation unter den Vermittlern mache eine dauerhafte, individuelle Betreuung nahezu unmöglich. Die individuellere und persönliche Betreuung der Langzeitarbeitslosen sei aber auch mit einem enormen personellen und zeitlichen Aufwand und somit Kosten verbunden, so Bettermann.  Klaus Brandenburg verwies in diesem Zusammenhang auf den begrenzten Haushaltsetat im SGB-II-Bereich von rund 8 Milliarden Euro.

Adamy: „Die Prioritäten werden falsch gesetzt!“

Adamy kritisierte, dass die Prioritäten seitens der Politik falsch gesetzt werden und Korrekturen am System dringend notwendig sind. Es müsse deutlich mehr in die Prävention von Langzeitarbeitslosigkeit investiert werden, so Adamy. Hierfür werde seiner Ansicht nach zu wenig Geld in die Hand genommen und sozialpolitische Instrumente sogar zurückgefahren. Er mahnte außerdem an, dass die staatlichen Mehreinnahmen, die durch den Mindestlohn erzielt wurden, nicht für eine Entlastung des Hartz-IV-Systems eingesetzt würden. Für Adamy müssten zudem die Institutionen künftig stärker zusammenarbeiten, um von den Synergieeffekten profitieren zu können. Dem stimmte auch Heike Bettermann zu und schlug vor, künftig Arbeitgeber früher „mit ins Boot zu holen“.

Walwei machte auf die veränderte Situation auf betrieblicher Seite aufmerksam. Im Zuge des technologischen Wandels und der zunehmenden Digitalisierung der Arbeitswelt stiegen auch die Anforderungen an künftige Mitarbeiter. Dies unterstreiche die Notwendigkeit insbesondere von betriebsnahen Maßnahmen. Die zunehmend steigenden Anforderungen an die intellektuellen Fähigkeiten des Personals mache es laut Walwei gerade für die Langzeitarbeitslosen künftig eher noch schwerer. Brandenburg machte deutlich, dass es auch auf die auch die Bereitschaft der Arbeitgeber ankomme, Langzeitarbeitslose einzustellen.

Adamy: „Die Zielsteuerung im Hartz-System ist falsch.“

Adamy warnte vor einer verstärkten Polarisierung zwischen Gutqualifizierten einerseits und einem verhärteten Kern an Arbeitslosen andererseits. Er kritisierte zudem die seiner Ansicht falsche Zielsteuerung des Hartz-IV-Systems. Es ginge der Politik vor allem darum, Ausgaben zu reduzieren anstatt zu qualifizieren. Die fehlenden Spielräume machten den Vermittlern eine gute Betreuung und individuelle Beratung von Langzeitarbeitslosen schwer.

Auf den Hinweis des Moderators, dass sich andere europäische Staaten die deutschen Hartz-Gesetze zum Vorbild nähmen, mahnte Adamy, dass Arbeitslose in Deutschland oft „bis an die Grenzen der Sittenwidrigkeit beschäftigt werden“. Er warnte eindringlich vor „einem Export der Hartz-Gesetze nach Europa“.

Abschließend machten Ulrich Walwei und Klaus Brandenburg nochmals deutlich, wie wichtig der rege Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis auf diesem Gebiet ist. Brandenburg versicherte auf Nachfrage, dass die im Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis gewonnenen Erkenntnisse tatsächlich in arbeitsmarktpolitische Konzepte einfließen.


Fotos: © IAB/Jutta Palm-Nowak

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