Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

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Inhaltsbereich: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

Wissenschaft trifft Praxis
Workshops zur Konferenz "Langzeitarbeitslosigkeit" am 23. und 24. Juni 2015

Workshopteilnehmer

Am zweiten Veranstaltungstag wurde die Diskussion in drei parallel stattfindenden Workshops vertieft:

Workshop 1: Individuelle Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit

Workshop 2: Betriebliche Sicht und Vermittlung

Workshop 3: Öffentlich geförderte Beschäftigung 

Workshop 1: Individuelle Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit (Moderation: Dr. Kerstin Bruckmeier, IAB)

 Workshop 1

Christoph: „Personen, die über einen längeren Zeitraum SGB-II-Leistungen beziehen, weisen schlechtere materielle Lebensbedingungen auf.“

Den ersten Workshop, der sich mit den individuellen Folgen von Langzeitarbeitslosen befasste, leitete IAB-Forscherin Dr. Kerstin Bruckmeier. Im ersten Beitrag präsentierte Bernhard Christoph (ebenfalls IAB) Forschungsergebnisse zur materiellen Lage von Grundsicherungsbeziehern. Die Analysen zur materiellen Ausstattung von Grundsicherungsbeziehern kommen zu einem vergleichbaren Ergebnis: Die Leistungen des SGB II reichen aus, um den grundlegenden Bedarf der Leistungsempfänger abzudecken. Im Bereich der kulturellen und sozialen Teilhabe müssen sie sich jedoch deutlich einschränken. Die Analyse der Güterausstattung zeigt zudem, dass Personen die über einen längeren Zeitraum SGB-II-Leistungen beziehen, auch schlechtere materielle Lebensbedingungen aufweisen. Denn SGB-II-Leistungsempfänger verbessern ihre Konsummöglichkeiten zunächst durch das Auflösen von Ersparnissen, die Aufnahme von Krediten und durch private Transfers. Bei längerem Leistungsbezug bestehen diese Möglichkeiten hingegen vielfach nur noch sehr eingeschränkt.

Zudem unterscheidet sich das Armutsrisiko von nichterwerbstätigen Grundsicherungsbeziehern und Hinzuverdienern deutlich. In der Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass Grundsicherungsempfänger vielfach bereits resigniert und sich zumeist mit ihrer eingeschränkten materiellen Lage abgefunden haben. Möglicherweise, so ein Workshop Teilnehmer, verstärken geringe Hinzuverdienste diese Haltung noch und wirken sich insgesamt eher ungünstig auf das Ziel eines Ausstiegs aus dem Leistungssystem aus.

Paul: „Arbeitslosigkeit und psychische Gesundheit hängen stark voneinander ab.“

Im zweiten Teil des Workshops gab PD Dr. Karsten Paul von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zunächst einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu Arbeitslosigkeit und Gesundheit.

Paul untersucht im Rahmen seiner psychologischen Arbeitslosigkeitsforschung insbesondere den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und psychischer Gesundheit. Arbeitslosigkeit geht seiner Einschätzung nach nicht nur mit psychischen Störungen einher, sondern kann diese auch verursachen. Der Prozentsatz psychischer Störungen unter Arbeitslosen ist laut Paul mit 34 Prozent mehr als doppelt so hoch wie unter Erwerbstätigen. Während es zu Beginn der Arbeitslosigkeit zu einer deutlichen Verschlechterung der psychischen Gesundheit kommt, stabilisiert sich diese im Verlauf der Arbeitslosigkeit auf einem bestimmten Niveau. Besonders gefährdet sind laut Paul junge Menschen, die in gewerblich-technischen Berufen tätig waren sowie Männer. Gründe für den negativen Effekt von Arbeitslosigkeit auf die Gesundheit sind neben dem Verlust der manifesten Funktion von Arbeit, nämlich dem Gelderwerb, der Verlust der latenten Funktionen dieser, wie etwa das Fehlen einer Tagesstruktur, des Gefühls, gebraucht zu werden oder sozialer Kontakte. Aber auch die Unvereinbarkeit zwischen gegenwärtiger Lebenssituation und arbeitsbezogenen Lebenszielen, wie etwa Macht, Leistung, oder Sozialkontakte wirkt sich negativ auf die psychische Gesundheit der Arbeitslosen aus.

Insgesamt, so Paul, zeigt sich ein bedeutsamer Einfluss der Arbeitslosigkeit auf die Gesundheit, der in Intensität und Ausmaß durchaus relevant für das Gesundheitssystem ist, und staatliches Handeln erfordert.

Bussmann und Weiß-Rosenbaum: „Die Verknüpfung von Maßnahmen der Arbeits- und Gesundheitsförderung“

Im letzten Beitrag wurde dargestellt, wie dieses staatliche Handeln in der Praxis aussehen könnte. Nicolai Bussmann aus der Zentrale der BA und Elisa Weiß-Rosenbaum vom Jobcenter Vogtland stellten dazu ein gemeinsames Modellprojekt zur Verknüpfung von Maßnahmen der Arbeits- und Gesundheitsförderung im Setting der BA und der gesetzlichen Krankenkassen zur Beratung von Grundsicherungsbeziehern vor. Es beinhaltet sowohl individuelle gesundheitsorientierte Beratungen durch speziell ausgebildete Arbeitsvermittler als auch einschlägige, individuell ausgerichtete Kursangebote der gesetzlichen Krankenkassen. Da das Modellprojekt noch nicht abgeschlossen ist, kann bislang nur ein Zwischenfazit gezogen werden: Demnach stieß das Angebot auf ein großes Interesse seitens der Kunden und die freiwilligen Teilnehmer gaben ein überwiegend positives Feedback ab. Wichtig für die erfolgreiche Umsetzung sind nach Einschätzung der Referenten Beschäftigte in den Jobcentern, die dem Thema offen gegenüberstehen. Während in der Diskussion weitgehend Einigkeit über die Sinnhaftigkeit des Projektes bestand, wurde trotzdem die Frage nach der Rechtfertigung der Zusammenarbeit zwischen der Bundesagentur mit anderen Sozialversicherungsträgern im steuerfinanzierten SGB-II-Bereich angesprochen.

 

 

 

 



Workshop 2: Betriebliche Sicht und Vermittlung (Moderation: Dr. Martin Dietz, IAB)

 Workshop 2

Bartelheimer: „Die persönliche Beziehung zwischen Vermittlungsfachkraft und Arbeitslosen ist essentiell.“

Workshop 2, der von IAB-Forscher Dr. Martin Dietz moderiert wurde, befasste sich mit der betrieblichen Sicht auf Langzeitarbeitslose und den Herausforderungen für den Beratungs- und Vermittlungsprozess. Dr. Peter Bartelheimer vom Soziologischen Forschungsinstitut in Göttingen betonte zunächst, dass sich aus heterogenen Vermittlungshemmnissen vor allem unterschiedliche Unterstützungsbedarfe ergeben. Deren Bearbeitung bedürfen neben der Verfügbarkeit geeigneter Instrumente auch eine persönliche Beziehung zwischen Arbeitslosen und Vermittlungsfachkraft. Der Faktor Zeit spiele hierbei eine wesentliche Rolle, und zwar sowohl mit Blick auf Dauer und Häufigkeit von Terminen als auch auf eine gewisse zeitliche Handlungsflexibilität, bei kurzfristig auftauchenden Problemen der Arbeitslosen. Für eine hochwertige Orientierungsberatung und eine geeignete Motivation sei es zudem nötig, gemeinsame Entscheidungen über das weitere Vorgehen zu treffen. Ob die hierdurch implizierte Freiwilligkeit bei der Teilnahme an Maßnahmen als Königsweg für alle Personengruppen gelten kann, wurde im Plenum kontrovers diskutiert. Als weitere Aufgabe der Vermittlungsfachkräfte wurde zudem die Türöffnerfunktion bei den Betrieben genannt. Für eine Vermittlung von Langzeitarbeitslosen sei es vor allem wichtig, trotz der Trennung zwischen arbeitgeber- und arbeitnehmerorientierter Vermittlung die Kenntnisse beider Marktseiten in geeigneter Form zusammen zu führen.

Rebien: „Viele Betriebe stehen Langzeitarbeitslosen positiv gegenüber.“

Mit der betrieblichen Sicht auf die Gruppe der Langzeitarbeitslosen befasste sich der Vortrag von Dr. Martina Rebien vom IAB, die Befunde aus der IAB-Stellenerhebung präsentierte. Sie stellte zunächst heraus, dass 36 Prozent der Betriebe bereit seien, Langzeitarbeitslose bei der Stellenbesetzung zu berücksichtigen. Dabei liegt diese Bereitschaft bei Betrieben, die bereits Erfahrungen mit Langzeitarbeitslosen gemacht haben, höher. Auch dies deutet darauf hin, dass es hilfreich sein kann, Kontakte zwischen Betrieben und Langzeitarbeitslosen herzustellen, um negativen Einschätzungen entgegen zu wirken. Zudem ließe sich weiteres Potenzial heben, wenn man diejenigen Betriebe erreichen würde, die die Eigenschaften von Langzeitarbeitslosen relativ positiv einschätzen, sie aber bislang noch nicht bei der Rekrutierung berücksichtigen.

Bettermann: „Es ist wichtig die Aufgaben und Tätigkeiten individuell auf die Bedürfnisse der Langzeitarbeitslosen zuzuschneiden.“

Schließlich berichtete Heike Bettermann vom Jobcenter Dortmund über das Modellprojekt „Perspektive in Betrieben“. Das Ziel, für Langzeitarbeitslose mit mehreren Vermittlungshemmnissen eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden, sei sowohl mit Blick auf die Auswahl der Teilnehmer als auch bei der Motivation der Betriebe mit hohem Aufwand verbunden gewesen. Häufig gab es in den Betrieben keine geeigneten Tätigkeiten für die Teilnehmer am Projekt. Die Aufgaben mussten erst individuell auf die Bedürfnisse der Langzeitarbeitslosen zugeschnitten werden. Zudem hat sich ein vorbereitendes und begleitendes Coaching als wesentlicher Faktor für eine erfolgreiche Umsetzung herausgestellt.

Aus dem Workshop lässt sich die zentrale Herausforderung ableiten, wie man im Vermittlungsprozess eine Passung zwischen den Fähigkeiten der Langzeitarbeitslosen und den betrieblichen Wünschen erzielen kann. So deuten die Erfahrungen aus dem Modellprojekt „Perspektive in Betrieben“ darauf hin, dass Integrationserfolge im normalen Vermittlungsprozess für eine Teilgruppe der Langzeitarbeitslosen kaum realistisch sind. Für einen Teil der Langzeitarbeitslosen mag die Integration in ungeförderte Beschäftigung daher zumindest kurzfristig in unerreichbarer Ferne liegen. Für diese Menschen stehen zunächst Aspekte der sozialen Teilhabe und der Erhöhung der Beschäftigungsfähigkeit im Vordergrund, bspw. über den behutsamen Aufbau eines „Sozialen Arbeitsmarktes“, dessen Ausgestaltung in mittlerer oder langer Frist aber durchaus wieder zu einer Integrationsperspektive führen kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

Workshop 3: Öffentlich geförderte Beschäftigung (Moderation: Dr. Peter Kupka, IAB)

Workshop 3

Hohmeyer: „Positive Beschäftigungseffekte bei arbeitsmarktfernen Leistungsberechtigten.“

Der dritte Workshop, durch den Dr. Peter Kupka (IAB) führte, behandelte das Thema öffentlich geförderter Beschäftigung. Der erste Vortrag von IAB-Forscherin Dr. Katrin Hohmeyer befasste sich mit Arbeitsgelegenheiten und ihren Wirkungen auf den Arbeitsmarkterfolg der Teilnehmer. Ein wichtiges Ergebnis bestand darin, dass positive Beschäftigungseffekte nur bei so genannten arbeitsmarktfernen Leistungsberechtigten zu erwarten sind. In der Vergangenheit hat sich diese Form öffentlich geförderter Beschäftigung für jüngere Arbeitslose als nicht förderlich für deren Arbeitsmarktintegration erwiesen. Von daher sind eine enge Definition der Zielgruppe sowie eine darauf abgestimmte Auswahl von Teilnehmern erforderlich.

Ferner ist davon auszugehen, dass auch die Ausgestaltung der Maßnahmen einen Einfluss auf ihre Wirkungen hat. Diese ist bislang aber noch nicht hinreichend erforscht.

Bauer und Fuchs: „Eine sozialpädagogische Betreuung durch Job Coaches ist oftmals nötig.“

Ein aktuell laufendes Modellprojekt öffentlich geförderter Beschäftigung in Nordrhein-Westfalen stellten Dr. Frank Bauer vom IAB und Dr. Philipp Fuchs vom ISG, dem Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik vor. Ihr Beitrag befasste sich mit der Bedeutung der sozialpädagogischen Begleitung für besonders arbeitsmarktferne Maßnahmeteilnehmer. Bei diesen waren zwar einerseits alle anderen Möglichkeiten des Förderns und Forderns ausgereizt, andererseits hatten sie aber ein erwerbszentriertes Lebenskonzept und einen entsprechenden Leistungswillen. Die Evaluation durch IAB und ISG habe gezeigt, dass die sozialpädagogische Begleitung durch so genannte Job Coaches angesichts der Problemlagen der Betroffenen nötig sei. Inwieweit sie für diese aber auch hilfreich ist, hängt dagegen von der jeweiligen Einbettung in betriebliche Abläufe ab. Wichtig bei der Arbeit der Job Coaches sind die Trennung von Verhaltensproblemen und personenbezogenen Problemen und eine entsprechende Intervention. So ist es für Menschen mit bestimmten psychischen Problemen erforderlich, Stress zu vermeiden. Dies kann aber mit den Anforderungen der Anleiter in Konflikt geraten. Schwierig war die Arbeit auch in den Betrieben, in denen die Job Coaches „Fremdkörper“ blieben.

Conradt: „Chancen für arbeitsmarktferne Langzeitarbeitslose in einer Großküche.“

Den Bericht aus der Praxis trug schließlich Dr. Uwe Conradt von der NEUEn ARBEIT der Diakonie Essen vor. Er zeigte auf, welche Chancen die Arbeit in einer Großküche für arbeitsmarktferne Langzeitarbeitslose bieten kann: Ein Arbeitsumfeld, das neben einer grundsätzlich als sinnvoll erachteten Tätigkeit auch unterschiedliche Anforderungsniveaus bereitstelle. Das Programm mit acht Teilnehmern, wurde von keinem vorzeitig abgebrochen. Neben dem Erwerb fachlicher Kompetenz wuchs auch das Selbstbewusstsein, die gesundheitliche Situation verbesserte sich, die Teilnehmer stabilisierten sich und waren besser in der Lage, ihre persönlichen Angelegenheiten zu regeln. Für einige besonders stark vorbelastete Teilnehmer, wird jedoch ein sozialer Arbeitsmarkt, also eine mittel- bis langfristige geförderte Beschäftigung für notwendig gehalten. Die Arbeitsverhältnisse nach §16e SGB II, um die es in dem Vortrag ging, erlauben maximal zwei Beschäftigungen innerhalb von fünf Jahren.

Die Diskussion ergab eine einhellige Zustimmung zu öffentlich geförderter Beschäftigung als Strategie, arbeitsmarktferne Langzeitarbeitslose zu unterstützen, zu stabilisieren und ihre Teilhabe zu sichern. Unterschiedlich bewertet wurde der so genannte Lock-in-Effekt. Zum einen impliziert er, dass Teilnehmende während und kurz nach der Teilnahme verringerte Chancen haben eine reguläre Beschäftigung aufzunehmen. Ein großer Lock-in-Effekt bei öffentlich geförderter Beschäftigung ließe zudem vermuten, dass die Zielgruppe der Maßnahme verfehlt wurde. Zum anderen wurde argumentiert, dass es ja auch gewünscht sei, dass Teilnehmer eine Maßnahme zu Ende bringen.

Aus Sicht der Praxis stellt sich der Lock-in-Effekt wiederum als Dilemma zwischen Durchlässigkeit und Wirtschaftlichkeit dar: während es gewünscht ist, dass Teilnehmer sich soweit entwickeln können, dass eine Integration in ungeförderte Beschäftigung möglich ist, fehlen dann genau die Personen, die selbständig und effektiv arbeiten können. Klar war aber, dass die Integration in diesen Fällen den Vorrang hat. 


 


Fotos: © IAB/Jutta Palm-Nowak

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