Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

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Tagungsbericht "Raus aus dem Bildungskeller - Wirtschaft und Politik entdecken die HauptschulenNürnberger Gespräche"

Die Chancen von Hauptschülern, eine reguläre Lehrstelle zu bekommen, haben sich in den letzten Jahren drastisch verschlechtert. Was sind die Ursachen für diese Entwicklung? Inwieweit liegen die Defizite bei der schulischen Ausbildung? Wie können Kinder und Jugendliche aus Hauptschulen besser auf die Anforderungen der heutigen Arbeitswelt vorbereitet werden? Wie können Politik und Wirtschaft, aber auch bürgerschaftliches Engagement diesen Prozess unterstützen? Auf welche Weise können Schulen und Bundesagentur für Arbeit auf diesem Feld zusammenarbeiten? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der „Nürnberger Gespräche“, wo Wissenschaftler, Praktiker und Betroffene darüber diskutierten, wie den Hauptschülern eine realistische Chance zum Ausbruch aus dem Bildungskeller eröffnet werden kann.

 

 

Das leben in die Schule holen

Manfred SchreinerIngrid RunkelHelmut DietrichUrsula Poller

Manfred Schreiner, Leiter des Amts für Volks- und Förderschulen der Stadt Nürnberg, beklagte, dass Hauptschüler in Bayern trotz guter Qualifikation keinen Ausbildungsplatz auf dem ersten Ausbildungsmarkt fänden. Dies sei bis vor wenigen Jahren noch anders gewesen. Scharf kritisierte Schreiner die Unternehmen, die ihren Ausbildungsverpflichtungen nur unzureichend nachkämen. Er plädierte, ebenso wie Ingrid Runkel, Rektorin einer Nürnberger Hauptschule, für die Einführung eines zehnten, stark praxisorientierten Pflichtschuljahres. Grundsätzlich waren sich die Gesprächsteilnehmer darin einig, dass es einer stärkeren Verzahnung von Schule und betrieblicher Praxis, einer stärkeren Öffnung der Schule in Richtung Arbeitswelt bedarf. Ingrid Runkel und Helmuth Dietrich, Berufsberater in der Arbeitsagentur Nürnberg, forderten zudem nachhaltige Investitionen in die Lehrerfortbildung. Im Gegensatz zu Schreiner attestierten Helmuth Dietrich und Ursula Poller, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin und Leiterin des Geschäftsbereichs Berufsbildung der Iindustrie- und Handelskammer Nürnberg, zahlreichen Hauptschulabgängern eine fehlende Ausbildungsreife. Wichtig sei daher die Einführung integrierter Ganztagsschulen mit zusätzlichen Pädagogen. Diese könne den Schülern einerseits eine individuellere Betreuung bieten, andererseits den Wegfall der für eine Ausbildung notwendigen familiären Begleitstrukturen zum Teil kompensieren.

Helmut HochschildEinen Schritt weiter ging der kommissarische Leiter der im Frühjahr in die Schlagzeilen geratenen Berliner Rütli-Schule, Helmut Hochschild: Das bislang sehr statische deutsche Schulsystem, das Sozialstrukturen verfestige statt auflockere, müsse durch ein integrierendes System abgelöst werden. Auch forderte er eine stärker übergangsorientierte und fächerübergreifende Arbeitsweise an Stelle des bisweilen zu sehr auf Schulabschlüsse hin orientierten Unterrichts. Hochschild wörtlich: „Wir müssen das Leben in die Schulen holen“. Im Hinblick auf die steigende Zahl von Hauptschülern mit Migrationshintergrund sprach er sich für eine bessere Einbindung der Eltern in die Schulausbildung ihrer Kinder aus.

Jutta AllmendingerJutta Allmendinger, Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, beklagte ihrerseits die in der Regel bereits in der vierten Klasse stattfindende Selektion der Schüler durch das dreigliedrige Schulsystem. Den dadurch verursachten Stigmatisierungen müsse insbesondere durch einen massiven Ausbau der frühkindlichen Förderung entgegengewirkt werden. Die verbreitete Auffassung, dass „20 Prozent der Kinder einfach dumm von Himmel fallen“, sei fatal.

Konkretes Engagement statt Lethargie

Die Veranstaltung beschränkte sich nicht auf die Diskussion der vielfältigen Problemlagen im Hauptschulbereich. Sie bot auch den zahlreichen schulischen und außerschulischen Initiativen im Nürnberger Raum ein Forum, die mit unterschiedlichsten Projekten Hauptschülern dabei helfen, ihre Zukunftschancen zu verbessern. So stellten einige Nürnberger Hauptschulen Modellprojekte vor, bei denen das während der Diskussion Eingeforderte bereits in die Tat umgesetzt wurde. Der Großteil der Initiativen setzt sich für eine bessere Verzahnung von Schulen und Betrieben ein, so etwa das Kooperationsprojekt zwischen der Railion Deutschland AG mit der Hauptschule Insel Schütt.

SüdstadtkidsBesonderes Interesse erregten die "Südstadtkids" – denn hier sind es vor allem die Schüler selbst, die sich aktiv engagieren. Die Südstadtkids organisieren Stadtteilführungen, Radiosendungen oder interkulturelle Elternabende in den verschiedenen Muttersprachen der Nürnberger Schüler aus Migrantenfamilien. Wie zwei ehemalige Schüler der Hauptschule Hummelsteiner Weg ausführten, seien es mangelnde Sprachkenntnisse, die Migranten davon abhielten, Elternabende zu besuchen.

Ulrich MalyIn seinem Schlusswort kritisierte Oberbürgermeister Ulrich Maly die bayerische Staatsregierung für ihr starres Festhalten am dreigliedrigen Schulsystem. Zudem müsse man sich von der Illusion verabschieden, dass die Unternehmen künftig wieder eine ausreichende Zahl von Ausbildungsplätzen zur Verfügung stellen würden. Hier müsse der Staat auf Dauer entsprechende Angebote bereitstellen. Dies erfordere aber auch, dass Bund, Länder, Kommunen und Bundesagentur für Arbeit in die Lage versetzt werden, gemeinsame Angebote zu entwickeln ohne an den Hürden eines unflexiblen Finanzföderalismus zu scheitern.

Petra StanatDie Nürnberger Gespräche werden gemeinsam vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, der Bundesagentur für Arbeit und der Stadt Nürnberg veranstaltet. Die Diskussionsrunde wurde von Prof. Petra Stanat von der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät Erlangen-Nürnberg (Empirische Unterrichtsforschung) moderiert.

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