Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

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Inhaltsbereich: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

Tagungsbericht "Bewährungsprobe: Arbeitsmarktpolitik in Krisenzeiten"

Evangelische Akademie Bad Boll WegweiserArbeitsmarktpolitische Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll und dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung am 11. und 12. November 2009

Dagmar Bürkhardt begrüßt die Teilnehmer/innen und Referenten/-innen der Tagung im Namen der Evangelischen Akademie Bad Boll und gibt eine kurze Einführung in die Leitfragen der Tagung: Welche Auswirkungen wird die Wirtschafts- und Finanzkrise auf den Arbeitsmarkt haben? Wie ist die Arbeitsmarktpolitik im Hinblick auf die Krise aufgestellt? Wie können die Reformen der letzten Jahre innerhalb der aktuellen Rahmenbedingungen bewertet werden? Und schließlich, ist der Aktivierungsansatz in der Krise das richtige Paradigma?  

Arbeitsmarkt - neue Krise oder alte Probleme?

Ulrich Walwei – Vizedirektor des IAB gibt einen Überblick über die Zusammenhänge der Entwicklungen von Wirtschaft und Arbeitsmarkt. Dabei stellt er sowohl alte Probleme als auch diejenigen dar, die durch die neue Qualität der Wirtschaftskrise hervorgerufen werden.

Präsentation

Die anschließende Diskussion würdigt den Vortrag als breite Einführung in das Thema, insbesondere den differenzierten Blick auf den Arbeitsmarkt. Im Verlauf der Diskussion wird auf die Ausweitung der Beschäftigungsprogramme eingegangen. Herr Walwei plädiert für eine behutsame Ausweitung öffentlicher Beschäftigungsprogramme, es dürfe jedoch nicht zu einer Verdrängung privater Anstrengungen kommen. Im weiteren Verlauf der Debatte wird die Rolle der Politik thematisiert: Diese sollte Rahmenbedingungen für gutes und nachhaltiges Wirtschaften ermöglichen, aber nicht gegen die Dynamik des Strukturwandels gerichtet sein. Für die Betriebe bestünde nun die Möglichkeit, die Krise positiv zu nutzen. In diesem Zusammenhang weist Walwei darauf hin, dass Weiterbildung innerhalb des Kurzarbeitergeldes bislang nicht sehr intensiv genutzt wird. Übergänge aus Arbeitslosigkeit in Beschäftigung sind häufig nicht nachhaltig. Daher sollten Maßnahmen ausgebaut werden, die das Einkommen von Personen in prekärer Beschäftigung auf ein existenzsicherndes Niveau anheben.

Werner Sesselmeier (Universität Koblenz Landau) greift die einführenden Gedanken seines Vorredners zu den Zusammenhängen von wirtschaftlicher Entwicklung und Beschäftigung auf und bezieht diese auf den Vergleich zwischen verschiedenen Volkswirtschaften. Leitende Frage des Vortrages ist: Wie gehen andere Länder mit der Krise um?

Präsentation

In der Diskussion erläutert Sesselmeier den Unterschied zwischen Arbeitsmarktpolitik im engeren Sinne und Beschäftigungspolitik. Arbeitsmarktpolitik soll sich direkt auf Übergänge von Personen in Beschäftigung auswirken, während indirekte Maßnahmen wie die Abwrackprämie oder öffentliche Infrastrukturprogramme allgemein auch positive Beschäftigungseffekte entfalten sollen. Aus seiner Sicht sind Investitionen des Staates sinnvoll, es muss jedoch über ein „Wo“ und „Wie viel“ nachgedacht werden. Dabei soll vermieden werden, dass solche Programme nur ein Strohfeuer entfachen oder gar die Preise anstelle der Beschäftigung erhöhen.

Zum Abschluss stellt sich im Plenum die Frage, ob die Verfestigung der Langzeitarbeitslosigkeit ein deutsches Problem sei und ob es Handlungsalternativen im Ausland gebe. Hier Sesselmeier verweist nochmals auf die Unterscheidung nach den Typen des Wohlfahrtsstaates. Staaten mit geringer Regulierung leiden besonders in der Krise, können sich aber gegebenenfalls auch schnell wieder erholen und eine Verfestigung von Arbeitslosigkeit vermeiden. In Deutschland kommt der Arbeitsmarktpolitik die Aufgabe zu, durch den gezielten Einsatz von Maßnahmen wie Lohnsubventionen, Weiterbildung und geförderter Beschäftigung den Verfestigungstendenzen entgegen zu wirken.

Unter der Überschrift „Wissenschaft trifft Praxis“ werden zwei parallele Workshops am Nachmittag des 11. November 2009 angeboten. Workshop I widmet sich dem Thema „Qualifizierung“, Workshop II dem Thema „Individuelle Betreuung“. Die nachfolgenden Abschnitte geben einen Überblick über die Inhalte beider Seminare.

Workshop I - Qualifizierung

Workshop I – Qualifizierung – setzt sich aus insgesamt drei Vorträgen zusammen.

Thomas Kruppe (IAB) stellt zum Auftakt die Frage: „Qualifizierung im Erwerbsverlauf – Eine Chance in der Wirtschaftskrise?“.

Präsentation

„Aktuelle Wege in der Qualifizierung“ werden durch Wilfried Hüntelmann (Regionaldirektion Baden-Württemberg der BA, Stuttgart) im Rahmen des zweiten Beitrags vorgestellt.

Präsentation

Auf den besonderen Aspekt der Kooperation geht Karl-Josef Reuther (SIHK, Hagen) in seinem Vortrag „Personalentwicklung und Qualifizierung im Netzwerk“ ein.

Präsentation

Workshop II - Individuelle Betreuung

Holger Schütz (infas, Bonn) leitet den zweiten Workshop „Individuelle Betreuung“ mit seinem Vortrag zum Thema „Vermittlungsberatung zwischen Standardisierung und Einzelfallorientierung“ ein. Der Vortrag befasst sich mit dem institutionellen Rahmen der individuellen Betreuung, das heißt mit Ausrichtung und Ausgestaltung der Vermittlungsberatung. Schütz empfiehlt, die Balance zwischen Fördern und Fordern wieder herzustellen, die aus seiner Sicht in eine Schieflage geraten ist. Des Weiteren sollte Bedarfsorientierung stärker betont werden und Beratungen insgesamt ein höheres Gewicht erhalten. Positive Impulse sieht er durch das überarbeitete Beratungskonzept der Bundesagentur für Arbeit bereits gegeben.

Präsentation

Die Diskussion im Plenum nimmt das Beratungsthema auf und unterstreicht dessen hohen Stellenwert im Vermittlungsprozess. Kritisch wird angemerkt, das neu eingeführte Vier-Phasen-Modell der Vermittlung sei, insbesondere im Bereich der unter 25-Jährigen, nach wir vor zu standardisiert in seinen Vorgaben. Aus dem Plenum wird kritisch hinterfragt, ob die wissenschaftlichen Analysen eventuell mit schuld an der Standardisierung sind. Der Referent sieht durch die intensive Evaluation einen großen Fortschritt der Erkenntnisgewinnung. Diese weisen gerade auf die Notwendigkeit einer individuellen Beratung hin.

Als erster von drei Praxisberichten innerhalb dieses Workshops, werden „Strategien und Praxis im Umgang mit Langzeitarbeitslosen“ durch Rolf Maegli (Sozialhilfe der Stadt Basel) beleuchtet. Maegli hebt zunächst die Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz hervor, er weist darauf hin, dass in der Schweiz die Gegebenheiten kleinräumiger und weniger verrechtlicht sind. So werden die Sozialleistungen nicht durch ein Bundesgesetz geregelt.

Präsentation

Im Rahmen der anschließenden Diskussion führt Maegli an, dass nicht ausreichend Ressourcen vorhanden sind, um mit allen 5.000 betroffenen Personen in Basel eine Aktivierung durchzuführen. Der Fokus wird deshalb auf bestimmte Personengruppen, beispielsweise Jugendliche gelegt. Grundgedanke ist, dass Arbeitslose für die erhaltene Unterstützung einen gesellschaftlichen Beitrag in Form einer Gegenleistung erbringen sollen. Ein weiteres Thema waren die Baseler Bestrebungen, auch solche Personen zu aktivieren, bei denen dauerhaft davon auszugehen ist, dass sie auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr Fuß fassen werden. Solche Maßnahmen, die in anderen Ländern auch als „soziale Aktivierung“ bekannt sind, können dazu beitragen, der gesellschaftlichen Ausgrenzung und Isolation von arbeitsmarktfernen Hilfebedürftigen entgegenzuwirken.

Andrea Hoffend (Ingeus GmbH, Nürnberg) gibt im zweiten Praxisvortrag einen Einblick in die Tätigkeit der Privaten Arbeitsvermittlung. Unter dem Titel „Vermittlung: Ganzheitlich und jobfokussiert zugleich“ referiert sie die Firmenphilosophie der Ingeus GmbH.

Präsentation

Hermann Ristau (Landkreis Tuttlingen) schildert im letzten Vortrag dieses Themenblocks die Sicht des Optionslandkreises Tuttlingen auf das Thema „Individuelle Qualifizierung in kommunaler Verantwortung“.

Präsentation

Die Diskussion greift Chancen und Probleme des Optionsmodells auf. Auf Nachfrage erläutert der Referent nochmals detaillierter die Arbeitsweise der Vermittlungsfachkräfte, die in Personalunion tätig sind. Er bestätigt die Schwierigkeit, die komplexen Erfordernisse zu erfüllen, betont jedoch die überwiegenden Vorteile des Ansatzes. Eine Besonderheit des Tuttlinger Modells besteht darin, dass die passiven Leistungen zwar in die Fallbearbeitung integriert sind, die Arbeitsvermittlung jedoch separat stattfindet. Die Ausschreibungsformalitäten von Maßnahmen werden nochmals aufgegriffen. Hier wünscht sich der Vortragende mehr Handlungsfreiheit, der bürokratische Aufbau sei für zkT kaum zu bewältigen. Abschließender Punkt der Diskussion ist die Forderung nach dem Ausbau öffentlich geförderter Beschäftigung.

Der zweite Tagungstag wird durch zwei parallel verlaufende Workshops eingeläutet. Workshop III befasst sich mit dem Ziel der Beschäftigungssicherung und Workshop IV mit Öffentlich geförderter Beschäftigung.

Workshop III – Ziel Beschäftigungssicherung

Workshop III – Ziel Beschäftigungssicherung, beinhaltet einen wissenschaftlichen Beitrag und zwei Praxisreferate. Den Anfangsimpuls gibt Alexander Herzog-Stein (WSI, Düsseldorf) mit seinem Vortrag „Betriebliche Maßnahmen zur Beschäftigungssicherung in der Krise“.

Präsentation

Das Thema „Beschäftigungssicherung aus der Sicht der Personalabteilung“ wird durch Herrn Martin Rathke (Daimler AG, Stuttgart) vorgetragen. Im Jahr 2000 kämpfte die Daimler AG mit einem Absatzeinbruch von 30 Prozent. In diesem Zusammenhang wurde eine intensive Nutzung von Zeitkonten eingeführt. In der momentanen Situation ist dieser Schritt jedoch nicht ausreichend. Was sind Auswege und Alternativen?

Präsentation

Aus dem Plenum wird die Frage geäußert, ob der Wille zur Vorleistung bei der Belegschaft vorhanden ist. Laut Herrn Rathke zeigt die Erfahrung, dass das Vertrauen in den Betriebsrat der Daimler AG gut und die Kooperationsbereitschaft der IG Metall groß ist.

Der letzte Praxisbeitrag im Workshop zum Thema Beschäftigungssicherung, kommt von Herrn Volker Frede (Agentur für Arbeit, Ravensburg). „Aktiv für Arbeit – Beschäftigungssicherung im Fokus“ lautet der Titel seines Beitrags.

Präsentation

Zu Beginn der Diskussion beantwortet Frede Detailfragen zum Projekt 1:70, das noch bis 2012 verlängert wurde. Er führt außerdem die Strategie der intensiven Betreuung von Arbeitgebern beim Thema Qualifizierung aus. Geographische Charakteristika des Agenturbezirks Ravensburg stehen im Mittelpunkt der nachfolgenden Debatte. Herr Frede erläutert das Problem des ländlichen Raumes und die Begrenzung des Arbeitsmarktes durch Bodensee, Landes- und Bundesgrenzen.

Workshop IV - Öffentlich geförderte Beschäftigung

Die unterschiedlichen Facetten des Themas „Öffentlich geförderte Beschäftigung“ werden durch die Beiträge des Workshops IV beleuchtet. Peter Kupka (IAB) eröffnet den Workshop mit seinem Vortrag „Auf die Dosis kommt es an – Wirkungen und Nebenwirkungen öffentlich geförderter Beschäftigung“.

Präsentation

Im zweiten Teil des Workshops stellt Martina Fischer (JobCenter ARGE Dortmund) „Erfahrungen im neuen Programm JobPerspektive“ vor. In Dortmund wurden mit dem Programm DOGELA mehrere Hundert Arbeitsplätze im Bereich der Helfertätigkeiten geschaffen.

Präsentation

Wolfgang Schreiber (Neue Arbeit Zollern-Achalm, Tübingen) schließt den Workshop mit dem Vortrag „Beschäftigungsförderung: Chancen und Begrenzungen“ ab.

Präsentation

Aktivierung - auch in der Krise das richtige Paradigma

Der Abschluss der Tagung am Nachmittag des 12. November 2009 bilden ein Vortrag von Susanne Koch (IAB),  sowie Bewertungen und Kommentare zur Tagung durch Hansjörg Böhringer (BAG Arbeit, Stuttgart) und Werner Sesselmaier (Universität Koblenz-Landau).

Susanne Koch stellt in ihrem Beitrag die Frage „Aktivierung – auch in der Krise das richtige Paradigma?“. Diese Frage wird bejaht, wobei Koch für eine umfassende Auslegung des Aktivierungsbegriffs plädiert.

Präsentation

Die anschließende Diskussion beginnt mit einem Einwurf zum Thema Hierarchie im Beratungsgespräch. Eine gemeinsame Vorgehensweise von Arbeitsuchendem und Fachkraft auf Augenhöhe wäre optimal, Freiwilligkeit sei jedoch innerhalb der derzeitigen Rahmenbedingungen nicht erkennbar. Teilweise wird angezweifelt, ob der breite definitorische Ansatz der Realität gerecht wird und ob die Referentin Chancen auf eine Strategieänderung erkennt. Koch verweist auf die Philosophie des Gesetzgebers, die ebenfalls breit angelegt ist. Sie weist die Notwendigkeit einer generellen Strategieänderung zurück, zunächst sei es angebracht, problematische Einzelaspekte zu überarbeiten. Dazu gehören nach den Befunden des IAB die Qualifikation und die Diagnosekompetenzen der Fachkräfte.

Eine Auseinandersetzung mit dem Thema Qualifizierung und der Frage nach einer Begrenzung des Aktivierungsauftrags beschließt die Debatte. Aus Sicht von Koch gilt es zu vermeiden, dass Aktivierung ins Leere erfolgt. Hinsichtlich der Qualifizierung stellt sie fest, dass diese ausgesprochen wichtig ist, dass die Bundesagentur für Arbeit aber nicht alle gesellschaftlichen Bildungsdefizite ausgleichen kann. Qualifizierung sei aber auch kein Mittel gegen alle Probleme auf dem Arbeitsmarkt.

Bewertungen und Kommentare

Hansjörg Böhringer (BAG Arbeit, Stuttgart) kommentiert die Tagung aus der Sicht von Maßnahmeträgern. Seine Ausführung widmet er der Frage: „Teilhabe an Erwerbsarbeit – Wie sichern?“. Zunächst stellt er fest, dass folgende Wirkungskette nicht der Realität entspricht: Nach Arbeitslosigkeit erfolgt eine Problemdiagnose, diese zieht eine Behandlung des Problems nach sich und schließlich ist die Person wieder in Arbeit. Die Entscheidung über Arbeit wird dagegen durch den wirtschaftlichen Wettbewerb entschieden. Nachfolgend beschreibt Böhringer vier Säulen der Erwerbsteilhabe: Bildung und Ausbildung, Soziale Betreuung, Beschäftigung sowie Struktur der Leistungsträger. Er plädiert für öffentlich geförderte Beschäftigungsverhältnisse, durch die das Gefühl von Normalität und eine Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen erzeugt werden können. Er fordert abschließend die Flexibilisierung der Instrumente und die Ausgestaltung von Arbeitsmarktpolitik in regionaler Hand, da diese am ehesten die Unterstützung von Integration und Teilhabe sichere.

Werner Sesselmeier greift in seinem abschließenden Referat „Arbeitsmarktpolitik: bewährt oder auf Bewährung?“ das Thema Aktivierung auf. Er wehrt sich gegen eine Verkürzung des Themas auf Druck und Zwang. Die Schattenseite einer mangelnden Aktivierung ist das Vergessen von Personen, das einem gesellschaftlichen Aussteuern gleichkommen kann. Warum aber sollte man in der Krise betroffene Menschen alleine lassen? Er konstatiert daher, auf Aktivierung in Krisenzeiten zu verzichten, sei der falsche Ansatz. Bei der Bewältigung der aktuellen Krise fungierten die arbeitsmarktpolitischen Instrumente, insbesondere das Kurzarbeitergeld, als Puffer und konnten die Stabilisierung von Betrieben unterstützen. Ebenso wichtig sei aber interne Flexibilität in den Betrieben gewesen. Sesselmeier lässt die Frage offen, wie lange beide Strategien noch durchgehalten werden können. Der Diskussionskreis schließt in der Aussage: Die Arbeitsmarktpolitik hat sich bewährt; sie steht aber angesichts der Herausforderungen durch die Krise weiterhin vor großen Bewährungsproben.

Dagmar Bürkardt beschließt die Sitzung. Sie bedankt sich bei den Teilnehmern für die engagierte und offene Diskussion. Die Reihe der Tagungen zu arbeitsmarktpolitischen Themen in Kooperation mit dem IAB wird sicherlich fortgesetzt werden.

 

 

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