Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

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Fachtagung
"Fachkräfte gesucht: Ansatzpunkte, Akteure, Potenziale"
am 21. und 22. November 2011 in Bad Boll

Tagungsbericht

Eingangsbereich der Evangelischen Akademie in Bad BollDie Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise sind auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland kaum noch sichtbar. Ein weiterer Rückgang der Arbeitslosigkeit ist gegenwärtig festzustellen. Die weitere konjunkturelle Entwicklung birgt allerdings Risiken. Längerfristig wird – bedingt durch den demografischen Wandel – die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte zurückgehen. Bei aller Unsicherheit von Prognosen zur Lage auf dem Arbeitsmarkt und zum erwarteten Fachkräftemangel: Antworten auf die Frage, wie in Zukunft der Fachkräftebedarf gedeckt werden kann, werden immer dringlicher. Bereits vorhandene, bisher aber wenig genutzte Qualifikationen kommen damit in den Blick, ebenso wie die Notwendigkeit zu stärkeren Qualifizierungsanstrengungen. Vermieden werden muss, dass ein Nebeneinander von Fachkräftemangel einerseits und verfestigter Langzeitarbeitslosigkeit andererseits entsteht.

Verschiedene Handlungsoptionen, um dies zu verhindern, wurden bei der Tagung in Bad Boll auf Basis aktueller Befunde aus der Forschung und der Erfahrungen aus der Praxis vorgestellt.

Im Anschluss an zwei Einzelvorträge, in vier Workshops und während der abschließenden Podiumsdiskussion wurde diskutiert

  • wie Qualifizierung über den gesamten Erwerbsverlauf vorangebracht,
  • wie Rahmenbedingungen der Beschäftigung durch Gleichstellung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert,
  • wie Chancen durch Migration und Integration genutzt und nicht zuletzt
  • wie Potentiale von Arbeitslosen entfaltet werden können.

Welche Akteure sind gefragt? Welche neuen Modelle versprechen Erfolge? Wie müssen die Weichen gestellt werden? Diese Fragen zogen sich als roter Faden durch die Veranstaltung. Im Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis wurde diskutiert, welche Strategien eingeschlagen werden müssen, um Potenziale zu erschließen und Fachkräfte zu gewinnen. Die Tagung wurde von Dagmar Bürkardt, Studienleiterin an der evangelischen Akademie Bad Boll, und ihrer Kollegin Esther Kuhn-Luz, geleitet.

Im Folgenden dokumentieren wir die Präsentationen der Fachtagung und geben einen kurzen Abriss der wichtigsten Diskussionen.

Aktuelle Entwicklungen und Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt - Herausforderungen nicht nur für die Arbeitsmarktpolitik  

Dr. Ulrich Walwei (Vizedirektor)

Präsentation

Dr. Ulrich Walwei (IAB Vizedirektor) gab einen Überblick über die Arbeitsmarktentwicklung, die zukünftige Fachkräfteengpässe wahrscheinlich macht. Er kam zu dem Schluss, dass der Rückgang des Erwerbspersonenpotentials nicht aufzuhalten ist und ohne Zweifel zu Fachkräfteengpässen führt, die zum Teil bereits heute spürbar sind. Ob daraus allerdings ein umfassender Fachkräftemangel wird, ist dagegen nicht klar und hängt von vielen Faktoren ab. In jedem Fall ist es sinnvoll, wenn man sich um die Nutzung der Chancen kümmert, die aus Zuwanderung resultieren, um bessere Übergängen für Jugendliche sowie um eine Aktivierung des Erwerbspotentials von Frauen und von Arbeitslosen.


Fachkräftemangel - große Chance für institutionelle Reformen im Beschäftigungssystem

Prof. Dr. Martin Baethge , SOFIGöttingenProf. Dr. Martin Baethge,SOFI
Göttingen 

Prof. Dr. Martin Baethge, SOFI Göttingen

Präsentation

Auch Prof. Dr. Martin Baethge (SOFI Göttingen) sah die demographische Entwicklung mit ihren Folgen als unumkehrbar an. Er forderte, sie zum Anlass für institutionelle Reformen in den Bereichen Bildung und Arbeitsmarkt zu nehmen. Insbesondere die Übergangsphase von Jugendlichen in Ausbildung und Arbeit müsse umgebaut werden. Notwendig, so Baethge, ist die allgemeine Anhebung des kognitiven Niveaus in der Sekundarstufe 1, eine bessere Verzahnung von Allgemeinbildung und Berufsbildung sowie ein Übergangsmanagement für Jugendliche mit besonderem Förderungsbedarf als eigenständige Aufgabe.


Workshop I: Lebenslanges Lernen

In diesem Workshop ging es darum, inwieweit die (betriebliche) Weiterbildung dazu beitragen kann, Arbeitnehmer auf die sich wandelnden Qualifikationsprofile und Kompetenzanforderungen vorzubereiten

  • Qualifizierung und Beschäftigungsfähigkeit im Erwerbsverlauf – Wissensstand und -lücken
    Dr. Martin Brussig, IAQ, Duisburg
    Präsentation
  • HR Resource Management bei Daimler: Frühzeitig zukünftige Qualifizierungsbedarfe erkennen
    Jörg Ilg, Daimler AG, Stuttgart
    Präsentation
  • Qualifizierungsverbünde für kleine und mittelständische Unternehmen
    Bernd Liebergeld, Sabine Du Maire, Arbeitsagentur Gotha
    Präsentation

Diskussion
Hier wurde angemerkt, dass die Akzeptanz gegenüber älteren Arbeitsuchenden auf dem Arbeitsmarkt oft nicht gegeben ist, was wegen des steigenden Anteils Älterer besonders problematisch ist. Ebenfalls angesprochen wurde das häufig ungenutzte Qualifizierungspersonal von Frauen. Beschäftigungsfähigkeit sei nicht nur ein Thema für die Arbeitsmarktpolitik, sondern auch für Strategien der Unternehmen im Hinblick auf Beschäftigte.

In der betrieblichen Perspektive wurde darauf hingewiesen, dass Großbetriebe über entsprechende Ressourcen verfügen. So habe Daimler ein eigenes Flexibilitätsmanagement, was ein strategisches Herangehen an die Anpassung der Qualifikationen ermöglicht. Kleine und mittlere Unternehmen sind dagegen oft auf problemgetriebene Strategien angewiesen.

Workshop II: Migration und Integration

Dieser Workshop, der von Esther Kuhn-Luz geleitet wurde, befasste sich mit der Frage, welche Rolle Migration und Integration, insbesondere gesteuerte Zuwanderung und die Anerkennung von im Ausland erworbenen Berufsabschlüssen, bei der Vermeidung von Fachkräfteengpässen spielen können.

  • Politische Steuerung der Zuwanderung von Fachkräften
    Dr. Holger Kolb, SVR, Berlin
    Präsentation

  • Fachkräfte aus dem Ausland – Die ZAV als Partner
    Johannes Klapper, ZAV, Bonn
    Präsentation
  • Fachkräftebedarf und Migration aus gewerkschaftlicher Perspektive
    Bärbel Mauch, DGB Baden-Württemberg, Stuttgart

Diskussion

In diesem Workshop wurde die Steuerung der Zuwanderung in Deutschland einer kritischen Analyse unterzogen. Sie wurde im internationalen Vergleich als ausgeprägt arbeitgeberbezogen gekennzeichnet (Vorliegen eines Arbeitsvertrags als Voraussetzung für Zuwanderung). Dies schafft hohe Hürden für Zuwanderung, auch wenn es eine gewisse Liberalisierung gegeben hat. Eine Alternative besteht darin, Kriterien für Zuwanderung stärker am Humankapital (Bildung, Ausbildung) auszurichten, was allerdings wieder zu Passungsproblemen am Arbeitsmarkt führen kann. Die logische Konsequenz, die auch vom Sachverständigenrat unterstützt wird, ist die Etablierung eines Mischsystems.

Der Vertreter der ZAV verwies darauf, dass gegenwärtig in Deutschland nahezu 300.000 Personen leben, deren im Ausland erworbene Qualifikationen nicht anerkannt werden. Die Anerkennungsberatung der ZAV hat innerhalb von zwei Jahren etwa 13.000 dieser Personen beraten.

Die Referentin des DGB regte an, sich stärker um die Probleme der bereits hier lebenden Migrantinnen und Migranten zu kümmern. Bedenklich seien hier die geringen Quoten von Bildungs- und Ausbildungsabschlüssen von Jugendlichen aus Migrantenfamilien. Im Übrigen stütze auch der DGB eine Kriterien gesteuerte Zuwanderung.

Einigkeit bestand darin, dass man die Perspektiven qualifizierter Zuwanderung und der Qualifizierung und Integration von hier lebenden Migranten nicht gegeneinander ausspielen kann. Von mehreren Teilnehmern wurde das Problem angesprochen, dass Arbeitgeber immer noch auf der Suche nach möglichst perfekt passenden Arbeitnehmern seien und dass ihre Breitschaft, in neue Mitarbeiter zu investieren, noch ausbaufähig ist.


Workshop III: Gleichstellung

Wie Gleichstellungspolitik zur Deckung des Fachkräftebedarfs beitragen kann und was aus betrieblicher Sicht in diesem Bereich zu tun ist, behandelte dieser Workshop.

  • Förderung von Chancengleichheit in Unternehmen Befunde aus dem IAB
    Dr. Susanne Kohaut, IAB, Nürnberg
    Präsentation
  • Impulse aus der Gleichstellungspolitik zur Sicherung des Fachkräftebedarfs
    Thomas Fischer, BMFSFJ, Berlin
    Präsentation

Thomas Fischer, BMFSFJ, BerlinThomas Fischer, BMFSFJ, Berlin

Aus Sicht des BMFSFJ gibt es wichtige Handlungsfelder, um die Gleichstellung voranzutreiben. Hierzu gehört Lebenslaufpolitik, die an kritischen Übergängen im Erwerbsleben wie dem Wiedereinstieg nach einer Familienpause ansetzt. Weitere wichtige Themen sind die Bekämpfung der Entgeltungleichheit zwischen Frauen und Männern und Teilzeitarbeit. Die Frage, ob Minijobs geleichstellungspolitisch als Fluch oder Segen anzusehen sind, wurde mehrfach gestellt. Geringfügige Beschäftigungsverhältnisse sind vor allem in Ostdeutschland eine Notlösung für Frauen, da oft keine besseren Alternativen auf dem Arbeitsmarkt verfügbar sind. Gleichstellungspolitische Ansätze stoßen bei diesem Problem schnell an Grenzen, da steuerrechtliche Anreize diese Beschäftigungsverhältnisse begünstigen. Als Problemfeld wurde weiterhin auf die mangelnden Möglichkeiten für Teilzeitausbildungen hingewiesen, die insbesondere Alleinerziehenden eine berufliche Perspektive eröffnen können. Seitens der Betriebe werden diese Modelle oft akzeptiert, jedoch lassen sich IHKs und Handwerkskammern oft nicht darauf ein.

Diskussion
In der betrieblichen Perspektive wurde festgehalten, dass ein zunehmender Anteil von Arbeitgebern in der Privatwirtschaft Maßnahmen zur Verbesserung der Chancengleichheit anbietet, vor allem für Personen in Elternzeit. Inwieweit es Fortschritte bei der Betriebskultur gibt, ist dagegen offen. Als Beispiel wurde hier die Akzeptanz von Vätern in Elternzeit genannt. Offenbar erreichen die Strategien der Gleichstellung die Väter oft noch nicht. Der Anteil von Frauen in Führungspositionen erhöht sich indessen kaum und ist vor allem auf frauentypische Beschäftigungsbereiche konzentriert. Die Verbreitung von familienfreundlichen Maßnahmen ist somit eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen.

 

Workshop IV: Potenziale von Arbeitslosen

Hier ging es um die Frage, welche Chancen die Qualifizierung arbeitsloser Personen für die Vermeidung von Fachkräfteengpässen bietet und welche Grenzen diese Strategie hat.

  • Qualifizierung von Arbeitslosen – Chancen, Grenzen, Alternativen
    Dr. Susanne Koch, Zentrale der Bundesagentur für Arbeit, Nürnberg
    Präsentation
  • Projekt Quadriga
    Jörg Fischer, Adecco Personaldienstleistungen, Chemnitz 
    Präsentation
  • Praktische Erfahrungen mit der „Initiative zur Flankierung des Strukturwandels“ (IFlaS)
    Gerhard Waigandt, Arbeitsagentur Würzburg 
    Präsentation

Diskussion

Die Vertreterin der Bundesagentur für Arbeit betonte die Bedeutung des nachträglichen Erwerbs von Qualifikationen für die Arbeitsmarktpolitik. Der Trend geht hierbei wieder zu etwas längeren Maßnahmen. Als problematisch wir die ausschließliche Vergabe von FbW über Bildungsgutscheine gesehen, die eine geringe Einlösungsquote und eine hohe Selektivität haben. Möglicherweise sei es sinnvoll, in der BA eine Weiterbildungsberatung (wieder) einzuführen. Die vorgetragenen Praxisbeispiele wurden positiv aufgenommen. Dies galt für die Initiative zur Flankierung des Strukturwandels ebenso wie für das Projekt Quadriga, bei dem es darum ging, Jugendliche über eine Kombination von Coaching, Qualifizierung und Arbeitsphasen im der Zeitarbeit in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dies hat in Chemnitz gut geklappt, allerdings waren hier die Voraussetzungen und die Kooperation der Partner besser als an anderen Standorten. Dort fielen die Erfolge auch bescheidener aus. Auch bei IFLAS waren die Erfolge an die Erfüllung bestimmter Bedingungen geknüpft. Hierzu gehörten eine sorgfältige Auswahl der Teilnehmer und qualifizierte Träger, die mit dem Jobcenter gut zusammenarbeiten.


Fachkräfte gesucht: Ansatzpunkte, Akteure, Potenziale. Wie müssen die Weichen gestellt werden?

Dr. Peter Kupka, Mitarbeiter der Forschungskoordination des IAB, führte in die abschließende Podiumsdiskussion ein und richtete Fragen aus den Workshops an die Teilnehmer. An der Diskussion selbst nahmen Raimund Becker, Vorstand Arbeitslosenversicherung der Bundesagentur für Arbeit, Eva Maria Welskop-Deffaa, Leiterin der Abteilung Gleichstellung und Chancengleichheit im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und Peter Hofelich, der Mittelstandsbeauftragte der Landesregierung Baden-Württemberg teil. Es wurde deutlich, dass man die verschiedenen Strategien zur Abmilderung künftiger Fachkräfteengpässe nicht gegeneinander ausspielen kann, sondern dass nur eine kluge Kombination der verschiedenen Ansätze Erfolg verspricht.


(Die Personenfotos wurden uns freundlicherweise von der Evangelischen Akademie in Bad Boll zur Verfügung gestellt).
 

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